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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-27 · Heft 35 (27.8.1915) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 35 (27.8.1915)
Date
1915-08-27
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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413 bisher als „slawische" Abteilung in der Fremdenlegion figuriert hatte. Gleich bei Beginn des Krieges hatten mehr als 4000 russische Juden, in dem begreiflichen Wunsche, dem Lande, das ihnen einst ein Asyl gewährt hatte, in der Stunde der Gefahr mit ihren Kräften beizustehen, sich zu den französischen Fahnen gemeldet. Das Schicksal dieser 4000 hat sich erfüllt — sie sind nicht mehr. Die Fremdenlegion, von deren furchtbarem Todessturm bei Carency der deutsche Generalstabsbericht erzählt, ist keine andere als die jüdische. Während auf den Schlachtfeldern die jüdische Legion verblutete, erhoben sich immer lauter in Paris die Schmähungen gegen die Zurückgebliebenen. Eines Tages wurde eine große Zahl von Juden vor die Kommissariate zitiert, wo man ihnen in kategorischer Form die Alternative stellte: Einreihung in die Fremdenlegion oder Ausweisung. Der Betroffenen, die von der schmählichen Behandlung und dem trostlosen Ende, das die jüdische Legion betroffen hatte — und noch mehr — wußten, bemächtigte sich eine Panik. Wieder fand sich außer Herde niemand, der gegen diese Polizeiwillkür protestierte, die natürlich von den antisemitischen Blättern lebhaft begründet wurde. Herve erwähnt in seinem Abwehrartikel das „Drama von Carency", von dem er aus patriotischer Scham jedoch nicht sprechen will. Bor Carency hatten die jüdischen Soldaten Protest eingelegt gegen die schmähliche Behandlung, und als Antwort darauf waren neun hingerichtet, achtzehn zu Zwangsarbeit verurteilt worden. Die Bemühungen des Jüdisch-russisch-polnischen Komitees vermittels der sozialistischen Deputierten und die mutige Preßkampagne von Hervo führten endlich zu einem Ergebnis. Der Minister des Innern versprach einer Abordnung, niemand zum Militärdienst zu zwingen oder auszuweisen. Dieses Versprechen wurde durch eine offizielle Anfrage und Antwort im „Journal Osficiel" bestätigt. Das jüdische Quartier wurde dadurch allerdings nur wenig beruhigt, man hatte hier das Zutrauen verloren. Die antisemitische Hetze wird fortgesetzt. Von Rauchampbeau sind am 3. Juli Hunderte abgereist, mit den nächsten Schiffen wird eine große Anzahl auswandern. * Die Augustnummer des „Gemeindeblattes" bringt folgende interessante Berichte des Feldgeistlichen Rabbiner Dr. Baeck an den Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin: Den 5. Juli 1915. Ueber meine Tätigkeit in den Tagen vom 17. bis 30. Juni berichte ich ergebenst: Ich habe in dieser Zeit Gottesdienste abgehalten in La Fere, Chauny, Epagny, Filain, Chavignon, Margival, Sancy und Nauvron. Die letzten Wochen haben wieder zahlreiche neue Menschen, von hier und dort, junge und ältere, in meinen Kreis hineingeführt und ihm neue Mannigfaltigkeit gegeben. Er zeigt mehr und mehr, wie in einen Rahmen zusammengedrängt, alle deutschen Lande und alle Stufen und Stände und Jahre mit ihren Besonderheiten und Eigentümlichkeiten; er läßt es erkennen, wieviel die Einheit in der Verschiedenheit und wieviel wiederum auch die Verschiedenheit in der Einheit bedeutet. Den Mittelpunkt bilden die, die seit Beginn des Krieges, nun elf Monate schon, im Felde stehen. An ihren Uniformen mit den Spuren der Wege und den Strapazen kann man die lange Reihe der Tage ablesen, die sie bestanden haben. Für sie ist der Dienst des Krieges jetzt ihr Beruf fast geworden, den sie wie ein Altgewohntes und Selbstverständliches ausüben; es ist, wie wenn sie den Rock des Soldaten, auch den des Vorgesetzten, immer getragen Hütten. Die militärische Erscheinung, aber auch die militärische Forderung und Autorität ist ihnen wie ein Teil ihres Wesens geworden. Aber sie alle sind in dieser Zeit auch innerlich gewachsen. Das Bewußtsein dessen, woran sie teilhatten, hat ihnen die stärkere Sicherheit und die Festigkeit des Selbstgefühls.gegeben. Jeder von denen, welche die Monate hindurch vornan auf ihrem Platze standen, weiß, was er erfahren und was er geleistet hat. Nicht für einen jeden kann zwar die Stunde kommen, wo er etwas Besonderes und Außergewöhnliches zu vollbringen und sich vor den Augen vieler auszuzeichnen vermag; aber jeder von denen, die von Monat zu Monat durch Gefahr und Mühe ihren Weg gingen und ihren Platz hüteten, hat etwas Großes geleistet, etwas Außerordentliches bewährt. Es gibt viel schlichtes, ernstes Heldentum, das nicht weithin in die Blicke fällt, das aber darum nicht minder hochsteht. Wenn einst die Geschichte unserer Tage geschrieben werden wird, so wird sie von diesen Männern vor allem sprechen; sie alle sind die Helden dieser Zeit. Sie sind, wie der Ausdruck lautet, jetzt die „alten Leute", so jung sie oft sind. Sie sind auch gleichsam der Grundstock meiner Gemeinden. Unter ihrer Führung kommen immer die einzelnen Gruppen, die zum Gottesdienst erscheinen, sie ordern unv weisen zurecht, sie kennen die gewohnten Plätze, an denen wir uns versammeln; sie wissen von den ersten Tagen zu erzählen, die uns zusammengeführt hatten, und viele gemeinsame Erlebnisse können an uns vorüberziehen. Aber auch die jungen Leute, die im Spätherbst und im Winter ausgezogen, sind nun schon „alte" geworden. Immer neue Mannschaft, die noch mit neugierigen Augen um sich schaut und der Erlebnisse wartet, hat den Platz der Jugend eingenommen. Es -ist wie ein Strom, der immer wieder neue Frische von der Heimat her bringt; es ist wie ein neues Leben, wenn Menschen kommen, welche fragen und suchen, die die Lehrlinge neben den Gesellen und Meistern sind. So findet ein gegenseitiges Geben und Nehmen Zwischen den Aelteren und Jüngeren statt, zwischen denen, die die Tage des Krieges, und die die Tage der Heimat gezählt hatten. Daneben sind auch jetzt viele, die im Lebenssinne des Wortes, an Jahren und an Erfahrung, älter sind, hierhergekommen, Angehörige der sogenanten Armierungsbataillone, die den Dienst ohne die Waffe versehen. Auch in diesem Dienst, der immer nur ein bloßer Dienst ist, dem keine Stunde der Tat und der besonderen Bewährung winkt, wohnt viel schlichter Heroismus, vielleicht in ihm nicht zum mindesten. Denn er arbeitet im Stillen und Ungekannten, ohne den Blick auf Ehre und Sieg und Ernte; es ist Arbeit um der Arbeit willen, die immer nur anderen den Platz und den Weg bereitet. Und mancher, dem der Geist sich leicht dahim schwingen mag oder dessen Sinn zu leiten und zu lenken gewohnt war, dient jetzt mit der Hand, die zuerst nur schwer sich regt. In dem Schritt dieser Männer, deren Reihen zu früher Morgenstunde vorüberziehen, zu der Stelle ihres Dienstes hin, liegt oft etwas Ernstes und Schweres. Auch sie find Männer, die hingehen, um auf ihrem Platz zu stehen. Cannectanicourt, den 20. Juli 1915. In der ersten Hälfte dieses Monats habe ich Gottesdienste abgehalten in Leger Ferme, Audignicourt, Carlepont, Maryval, Sancy, Chavignon und Fialin. Daneben habe ich in letzter Zeit, wenn ein besonderer Anlaß, etwa die Bestattung eines gefallenen Kameraden, mich irgendwohin führte, wo eine Anzahl unserer Mannschaften ihre Stellung hat, die Gelegenheit zu einer kurzen Andacht benutzt. Es hat für unsere Soldaten stets etwas Wohltuendes, wenn man ihnen nicht nur die Stunde bietet, wo sie an irgendeinem. Orte sich zum Gottesdienst versammeln können, sondern sie bisweilen auch in ihren Stellungen aufsucht und für eine Stunde ihren Platz mit ihnen teilt. Daß man zu ihnen kommt, gib! ihnen die besondere Empfindung der Fürsorge für sie. Die Wege, die dabei 'zurückzulegen sind, sind oft, zumal bei ungünstigem Wetter, mühselig und beschwerlich, aber es sind ja keine anderen Wege als die, die von unseren Mannschaften gefordert sind und die sie zum großen Teil erst selbst sich angelegt haben. Der Gedanke hieran läßt jede Mühe rasch vergessen. Es war einer der schwülen, feuchten Tage, wie sie der Sommer im Westen oft brachte, an dem ich mich vor kurzem nach einer der Stellungen begab. Bon dem Dorfe V., in welchem der Wagen Zurückbleiben mußte, führte der Weg zunächst auf, der Landstraße, die zwischen Gebüsch und Waldung sich in Schleifen zu einer Anhöhe hinaufzieht. Hier beginnt dann ein schmaler, tiefer Zugangsgraben, der sich fast drei Kilometer hin in steten Windungen erstreckt. Und der Weg erscheint noch länger, da man sich überall eingeschlossen fühlt; die hohen Wände gestatten keinen Ausblick zur Seite, und auch nach vorn und hinten schließen die Windungen des Grabens immer wieder ab; man steht nur im Engen vor sich hin ans den feuchten, glatten Boden, der den Fuß leicht gleiten läßt und darum das Auge stets, unwillkürlich zu sich hinlenkt. Nur wenn man einmal stille steht, schaut man aus der Enge nach einem Streifen des Himmels hinauf, um ein wenig Licht und Lust zu schöpfen. Es ist in der Mittagsstunde völlige Einsamkeit; nur hin und wieder läßt eine Biegung des Weges plötzlich einen Mann, der aus der entgegengesetzten Richtung kommt, vor uns stehen;

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