Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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412 mit kleinen! Handel auf dem inneren Markt und ohne Flotte, die das Meer von Englands Gnaden befahren könnte, ein Deutschland, das Vasallenstaat wäre des russischen Riesen reiches, das den ganzen Osten und Südosten Europas beherrschen und alle Slawen unter dem Zepter Moskaus vereinen soll. So träumte man im Anfang des Krieges in Paris, in London, in Petersburg. Nein, meine Herren, dieser ungeheure Weltkrieg, der die Fugen des ganzen Weltalls klaffen macht, wird nicht in alte, vergangene Zeiten z u r ü ck f ü h r e n. Ein Neues muh entstehen. Soll Europa jemals zur Ruhe kommen, so k a n n d a s n u r d u r ch e i n e starke, unantastbare Stellung Deutschlands geschehen." (Stürmischer Beifall.) Wir wollen an diese Worte keine weitschweifigen Betrachtungen knüpfen, aber das eine glauben wir schon heute aussprechen zu dürfen: Für unsere Glaubensgenossen im Osten, die unter dem mörderischen Kriege so furchtbar gelitten, -bricht eine neue, glückliche Zeit an, die die blutigen Wunden heilen und die vom Zarismus so schwer Bedrängten zu menschenwürdigem Dasein führen wird. Am folgenden Tage fand der Reichsschatzsekretär D r. H e l f f e r i ch Gelegenheit, sein großzügiges Finanzprogramm vor dem Reichstage zu entwickeln und den geforderten neuen Milliardenkredit an Hand einer Uebersicht über die gesamte Finanzlage der im Krieg befindlichen Mächte eingehend zu begründen. Von der gleichen Zuversicht, die des Reichskanzlers Rede erfüllte, zeugten auch die Ausführungen des Leiters unserer Reichsfinanzen, und wenn eres auch, ebenso wie der Reichskanzler, vermied, eigentliche „Friedensziele" zu erörtern, so war es doch ein sehr wichtiger Punkt seiner Rede, als er anführte, daß man beim Friedensschlüsse auch die Kostenfrage nicht vergessen dürfe, und das „Bleigewicht der Milliardenschulden haben" — wie Helfferich betonte — „die Anstifter des Krieges verdient". Der Erfolg war, daß am Schluffe der Sitzung der Nachtragsetat in allen drei Lesungen angenommen wurde, mit allen gegen eine Stimme, die des Abgeordneten Liebknecht. In der Hoffnung auf den endlichen Sieg Deutschlands über alle seine Feinde kann uns nichts entmutigen, weder der Kabinettswechsel in Griechenland, noch die schwankende Haltung Rumäniens, noch die endlich erfolgte Kriegserklärung Italiens an die Türkei. Die Hoffnung erscheint berechtigt, schreibt das „Berliner Tageblatt", daß Italien in dem neuen Unternehmen die gleichen trüben Enttäuschungen erleben wird, die ihm in unablässiger Folge am Jsonzo und an der Tiroler Grenze beschieden sind. Wie es vor Görz und vor den Tiroler Bergwänden vergeblich die zähe Standhaftigkeit der österreichisch-ungarischen Truppen zu brechen sucht, so wird es hoffentlich, gleich seinen Alliierten, vor den Dardanellen an der tapferen Ausdauer des türkischen Heeres scheitern. Bisher hat die italienische Regierung sich noch nicht dazu verstanden, Deutschland den Krieg zu erklären. Aber Deutschland steht, in fester Bundestreue, an der Seite seiner Freunde, nicht nur mit allen Wünschen seines Herzens, sondern bereit zur Tat. * lieber Judenausweisungen aus rumänischen Grenzorten wird dem „Berliner Tageblatt" aus Budapest geschrieben: Aus Bukarest wird hierher gemeldet: Die Lokalbehörden der an der ostungarischen Grenze gelegenen Gebiete erhielten von ihrer Regierung einen geheimen Befehl, wonach Juden die betreffenden Grenzgebiete nicht bewohnen dürfen. In der letzten Zeit haben daher in Marmornitza (Bezirk Dorohoi), Bicaz, Bistr-icioara, Prisecani, Plesesci, Palanca, Predeal, Caineni, Comanefci usw. Judenausweisungen stattgesunden. Trotz aller Jnterventionsversuche ist es nicht gelungen, von der Regierung einen Aufschub der Ausweisungen zu erlangen. In manchen Orten mußten die Juden innerhalb weniger Stunden unter Zurücklassung ihres gesamten Besitzes den Ort verlassen, in Marmornitza wurden sie durch Gendärmen verjagt. Auch die naturalisierten Juden mit Bürgerrecht und die Veteranen des Unabhängkeitskrieges wurden von der Ausweisung betroffen. Da unter den Ausgewiesenen großes Elend herrscht, ist eine Hilfsaktion eingeleitet worden. Der Grund zu dem Vorgehen der rumänischen Regierung soll darin zu suchen sein, daß die Juden eine allzu österreichfreundliche Haltung zeigten. Die rumänische Presse tut auch ihr möglichstes, um den alten Haß gegen die Juden zu schüren. Das neugegründete Organ der konservativ-demokratischen Partei in Jassy „Gloria" widmet der Haltung der rumänischen Juden einen Leitartikel, worin diese beschuldigt werden, in diesen historischen Augenblicken nicht ander Seite der Rumänen zu sein, nicht mit ihnen zil fühlen und nicht am-f jener Höhe zu stehen, zu welcher sie moralisch verpflichtet gewesen wären. Den Zentralmächten durch die Aehnlichkeit der Sprache, durch die wirtschaftlichen Beziehungen, durch den Einfluß der deutschen Kultur nahestehend — so heißt es in dem erwähnten Artikel —, voller Anerkennung für die Behandlung ihrer Glaubensgenossen in Oesterreich-Ungarn, einen langjährigen, maßlosen Haß gegen das Rußland der Pogrome empfindend, haben die rumänischen Juden sich von Anfang an die deutsche Sache mit einer Wärme und Leidenschaft zu eigen gemacht, die uns gegenüber wie eine Herausforderung aussieht. Und dies nicht individuell, sondern in kollektiver Weise, in einer Art ausgesprochener Solidarisierung. Gegen die Bemerkungen des Verfassers des Artikels über die Ursachen der Sympathien der Juden für die Zentralmächte und die Abneigung gegen Rußland läßt sich wohl nichts einwenden; was aber entschieden einen Widerspruch Hervorrufen muß, ist, wie die „Oesterr. Wochenschrift" hierzu richtig bemerkt, der Vorwurf, daß die Juden kein Verständnis für die nationalen Aspirationen des Landes haben. In der ganzen Welt sind die Juden gute Patrioten und assimilieren sich vollkommen mit den Zielen ihres Vaterlandes; dies beweist der jetzige Weltkrieg in unwiderlegbarer Weise. Warum sollten die rumänischen Juden ihren Glaubensgenossen in anderen Ländern nachstehend Aber gerade darum standen und stehen die rumänischen Juden in ihrer großen Mehrheit auf dem Standpunkte, daß die Verwirklichung der nationalen Ideale nach einer anderen Richtung hin anzustreben ist als jener, für welche gewissenlose Hetzer seit so langer Zeit schon, im Widerspruche mit der Ansicht der verantwortlichen Faktoren des Landes, eine vergebliche Propaganda machen. * Die „Münchener Neuesten Nachrichten" bringen nachstchenden Artikel: Verfolgung der russischen Juden in Frankreich. In den letzten Monaten machte sich 'in Paris immer lauter und immer deutlicher eine Hetze gegen die dort in beträchtlicher Anzahl lebenden russischen Juden bemerkbar. Nicht nur die ausgesprochen antisemitischen Blätter, auch eine Anzahl der führenden Zeitungen machte sich, um chauvinistischen Gefühlen zu schmeicheln, über die russischen Juden her, die, nebenbei bemerkt, sich zum allergrößten Teile aus pogromflüchtigen Proletariern rekrutieren. Man warf ihnen in unzweideutiger Weise vor, daß sie, während Frankreichs Söhne sich verbluten, ein Schmarotzerdasein führten, daß sie sich dem russischen Heeresdienste entzögen, damit die Kraft der Alliierten schmälerten und sozusagen als „innerer Feind" die Gelegenheit bebenutzten, um Frankreich auszubeuten. Dabei wurden alle dunklen Abenteurer aus aller Herren Länder, die Paris heute beherbergt, skrupellos diesen russischen Juden zugezählt. In der gesamten französischen Presse fand diese Hetze, die sich immer mehr steigerte und in der Forderung gipfelte, diese Juden nach Rußland zurückzuschicken, keinen Versuch einer Abwehr. Bis eines Tages Gustave Herve in seiner „Guerre sociale" vom 20. Juni 1915 das Wort zum Protest ergriff. In dieser Nummer zitierte Herv« eine der hetzerischen Glossen des „Petit Parisien", erwiderte in kurzen Worten und veröffentlichte drei Briefe. Daraus erfuhr man zum erstenmale Näheres von der jüdischen Legion, die