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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-27 · Heft 35 (27.8.1915) · p. Seite 411

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 35 (27.8.1915)
Date
1915-08-27
Page
Seite 411 (sequence 3)
Language
German
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Man hat am verflossenen Chanukafeste unsere Zeit vielfach mit den Tagen der Makkabäerkämpfe verglichen und wohl nicht mit Unrecht. Gleich diesen großen Vorfahren bewähren sich unsere jüdischen Soldaten, ihrer würdig, als Helden; der Geist der Makkabäer lebt in ihnen, und ihr Löwenmut wird von allen, selbst von ihren Gegnern, neidlos anerkannt. Wie unsere Mütter mit stolzer Freude und heißem Dank gegen Gott die Auszeichnung ihrer. Gatten und Söhne mit dem Eisernen Kreuz hinnehmen, so werden sie lernen, sich in Demut und Ergebung dem Willen Gottes zu beugen, wenn sie das herbste Leid trifft. Der Heldenmut der Makkabäer ivird sie beseelen, aufrichten und erheben, dem Vaterlande in schweren, doch ruhmvollen Tagen das höchste Liebesopfer dargebracht zu haben; sie werden vermöge ihrer Seelenstärke zu jenen Frauen zählen, die Goethe die besten nennt, da sie ihren Kindern den Vater zu ersetzen verstehen. Möge aus der blutigen Saat die herrlichste Ernte emporsprießen zum Heil und Segen des deutschen Volkes, der deutschen Judenheit. Mögen unsere Mütter in ihrer treuen Pflichterfüllung und unbegrenzten Opferfähigkeit nicht erlahmen, getragen von der festen unerschütterlichen Zuversicht, daß Deutschlands Kraft und Größe, deutscher Geist und deutsche Kultur unter Gottes Beistand über eine Welt neidischer Feinde siegen werden. Eine hohe Aufgabe harret unserer Mütter in glücklicher Friedenszeit: in ihren Händen liegt die Zukunft des deutschen Volkes, der deutschen Judenheit! Sir Woche. Berlin, 24. August. V^orn Kriegsschauplatz des Ostens wurden in der vergangenen Woche glänzende Siege gemeldet. Ein Erfolg rechte sich an den anderen in diesem beispiellosen Siegeszuge unserer Heere von Festung zu Festung. Zwei Tage nach der Einnahme von Kowno ist auch Nowo-Georgiewsk, Der letzte Stützpunkt, den die Russen noch in Polen besaßen, von den deutschen Truppen erobert worden. Die gesamte Besatzung, 6 Generale, über .^5 0 0 0 Mann, davon im Endkampf allein über 2 0 0 0 0, w u r d e z u G e f a n g e n e n g e m a ch t. D i e Zahl der erbeuteten Geschütze erhöhte sich auf über 70 0, der Umfang des genommenen sonstigen Kriegsmaterials läßt sich noch nicht übersehen. Große Beute wurde, wie aus dem Großen Hauptguartier gemeldet wird, auch in Kowno gemacht: „Neben über 20 000 Gefangenen gewannen wir eine unermeßliche Beute, über 600 Geschütze, darunter zahllose schwersten Kalibers und modernster Konstruktion, gewaltige Munitionsmassen, zahllose N'aschinen'gewehre, Scheinwerfer und Heeresgerät aller Art, Autonobttc und Gummibereifungen, Millionenwerte an Proviant. Bei der großen Ausdehnung dieser modernen Festung ist restliche zahlenmäßige Feststellung der Beute naturgemäß eine Arbeit vieler Tage, ^ie erhöht sich von Stunde zu Stunde." Gleichzeitig kommt die Meldung, daß die Verbündeten -0 Kilometer vor Brest-Litowfk stehen und daß die deutsche Flotte einen Borstoß nach Riga gemacht und dabei russische lriegsfahrzeuge versenkt hat. Die militärische Bedeutung der Eroberung von Kowno und Nowo-Georgiewsk besteht wohl zunächst darin, daß die Angrisfsarmeen mit ihrem reichen Bestände an Personal und Material frei geworden sind und der Obersten Heeresleitung nunmehr zur Verwendung an anderer Stelle zur Verfügung stehen. Noch höher ist vielleicht der m o r a l i s ch e nnb politische Einfluß zu bewerten. Das letzte Bollwerk der russischen Macht in Polen ist erobert, ganz Polen ohne jede Einschränkung im Besitz der Verbündeten. Eine Säule nach der anderen, ans die sich die russische Herrschaft und Macht bisher gestützt hatte, ist zerbrochen. Mit der Eroberung von Nowo-Georgiewsk ist ein neuer wichtiger Schritt zur völligen Niederwerfung des russischen Kolosses getan, eine neue Etappe auf dem Wege zur glücklichen Beendigung des ganzen Feldzuges erreicht. Der Kaiser begab sich persönlich nach Nowo-Georgiewsk, um dem Führer des Angriffs, dem General v. Beseler, und den tapferen Angrifsstruppen seinen wie des Vaterlandes Dank auszusprechen. Freude herrscht in ganz Deutschland und in dem treu verbündeten Oesterreich-Ungarn. Mit höchster Anerkennung und Bewunderung ,und innigem Dank an Gott, den Lenker der Schlachten, gedenken auch wir der heldenmütigen Leistungen unserer Truppen, die von. Sieg zu Sieg schreiten und Deutschlands Namen Ruhm, Achtung und Ehre bereiten. Die letzte Siegesmeldung lautet: O s s o w i e c und Tykocin sind von unseren Truppen besetzt. Als eine Rede von großer politischer Bedeutung möchten wir die Ausführungen des Reichskanzlers bei der Eröffnung der fünften Kriegstagung des Deutschen Reichstages bezeichnen.' Es war zunächst eine gründliche Aiuseinandersetzung mit der englischen Politik, zu welcher der reichhaltige Stoff Anlaß gab, der zur Vorgeschichte des Krieges inzwischen aus belgischen Archiven hergebracht worden und der im feindlichen Ausland beharrlich totgeschwiegen wird: Mir zweifeln nicht, daß unsere Leser ebenso wie wir der inhaltsreichen Rede Bethmann Hollw egs mit spannender Aufmerksamkeit gefolgt sind, und beschränken uns daher auf die Wiedergabe folgender Stelle, die für uns von besonderem Interesse ist: „Meine Herren, unsere und die österreichisch-ungarischen Truppen haben die Grenze n Polens gege n O st e n c r r e i ch t. Uns beiden fällt die Aufgabe zu, das Land zu verwalten. Geographische und politische Schicksale haben seit langen Jahrhunderten Deutsche und Polen gegeneinander zu kämpfen gezwungen. Die Erinnerung au diese alten Gegensätze mindert nicht die Achtung vor der Leidenschaft, Vaterlandsliebe und Zähigkeit, mit der das polnische Volk seine alte Kultur, seine Freiheitsliebe gegen Rußland verteidigt und auch durch das Unglück dieses Krieges bewahrt hat. Tie gleisnerischen Versprechungen unserer Feinde ahme ich nicht nach, aber ich hoffe, daß die heutige Besetzung der Polnischen Grenzen gegen Osten den B e g.i nn ein er Entw i ck l u ng d a r stel l en wird, die die alten Gegensätze zwischen Deutschen und Polen ans der Welt schaffen und d a s v o m r u ssis ch e n I o ch b c s reit e L n n d c i n e v g lückl i ch e r e n Zukunft e n t g e g e n f i\ h r c n w i r d, in der es die Eigenart seines nationalen Lebens pflegen nnb entwickeln fmtit. (Lebhafter Beifall bei den Polen.) Wir werden dies Land u n t e r in ö gl i eh st er He r a n z i e h u n g der e i g e n e it B e - v ö l k e r u n g gerecht verwalten, die u n v e r m c i b l i ch e n S ch w i e r i g k e i t e n, d i e d e x K r i e g m it si ch b r i n g t, a n s - z u g l e i ch e n u n die W u n d e n, d i e N u ß l a n d d e m L a n d e g e s ch lagen h a t, z u heil e n s u ch e n. (Bravo!) Meine Herren! Dieser Krieg ivird, je länger er dauert, ein zerrüttetes, ein aus tausend Wunden blutendes Europa znrücktassen.. Tie Welt, die dann erstehen Ivird, soll und lvird nicht so aussehen, wie unsere Feinde -eS sich träumen lassen. Sie streben zurück nach dem alten Europa mit einem ohnmächtigen Deutschland in der Mitte, als dem Tummelplatz fremder Ränke und, wenn nötig, als dem Schlachtfeld Europas: ein Deutschland, in dem kraftlose Einzelstaaten auf fremde Winke lauern, ein Deutschland mit zerrütteter Industrie, nur

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