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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-27 · Heft 35 (27.8.1915) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 35 (27.8.1915)
Date
1915-08-27
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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410 Pslichtenkreis als Gattinnen und Mütter in ihren Familien erhöhte Fürsorge erheischte, haben in diesem Kriegsjahr Großartiges geleistet. Nach dem edlen Beispiel der höchsten Frau, die als Gattin und Mutter die gleiche Sorge trug wie die ärmste Frau aus dem Volke, ließen alle deutschen Frauen zuckenden und doch stolzen Herzens ihre Liebsten hinausziehen ins Feld, um für die Ehre, Freiheit und Größe des Vaterlandes zu kämpfen, zu siegen und zu sterben. An der todesmutigen Entschlossenheit, der flammenden Begeisterung und unerschütterlichen Siegeszuversicht der Männer wuchs die Kraft der Frauen, so daß sie deren Mut anzufeuern und zu beleben vermochten, sie mit ungezählten heißen Segens- Wünschen und heimlich geweinten Tränen begleitend, das Hochgefühl empfanden, dessen Opferfähigkeit schon im grauen Altertum das Mutterherz insbesondere mit unvergänglichem Glorienschein umkleidet hat. Unsere Mütter, die gewetteifert hatten, ihre Söhne zu Männern heranzubilden, die fähig sind zur ganzen vollen Pflichterfüllung gegen das Vaterland, zur höchsten Begeisterung, ihr Leben einzusetzen, wenn die; Stunde der Gefahr ruft, ihre Töchter auszurüsten, überall! energisch einzugreisen, wo Hilfe not tut, sahen in jenen August-! tagen das Endziel ihres Erziehungswerkes verwirklicht. Der Krieg wurde zum Lehrmeister und Erzieher unserer Mütter, namentlich jener, die bisher in Oberflächlichkeit dahingelebt hatten; manche Schlacke sahen wir von diesen fallen. Und nachdem unser tief religiös veranlagtes Kaiserpaar an der Spitze des begeisterten treuen Volkes den Segen des Höchsten auf die deutschen nur zur Verteidigung in diesem ausgezwungenen Kriege erhobenen Waffen herabgesleht hatte, konnten wir in unseren Reihen vielfach wahrnehmen, daß - diese ernste Gegenwart auch eine Rückkehr zu Gott bedeute. Gar viele unserer Mütter, denen der Gottesbegriff längst „überwundener Standpunkt", Gottesglaube und Gottvertrauen fremd und fern waren, strömten nicht nur an jenen unvergeßlichen feierlichen Bittgottesdiensten den Gotteshäusern in Scharen zu, sondern tun dies unentwegt bis zur Stunde, sich gleich den Müttern, die den einig-einzigen Gott Israels „von ganzem Herzen und von ganzer Seele" lieben und bekennen, an den Lenker der Geschicke in heißem, inbrünstigem Gebet für ihre Teuren draußen im Felde wendend. An unsere Mütter, deren Gatten zu den Fahnen einberufen wurden, hat die Gegenwart naturgemäß verdoppelte Anforderungen gestellt, und wir konnten in diesem Kriegsjahre vielfach beobachten, daß die Schwachen erstarkten, ihre Leistungsfähigkeit ins Riesengroße wuchs, daß Arbeit uuö treue Pflichterfüllung ihnen Trösterinnen wurden in den sorgenvollen Tagen. Galt es doch vorerst die vielfach gefährdeten geschäftlichen Interessen, den Wohlstand des Hauses in Abwesenheit des Gatten zu wahren, erhöhte Einfachheit und Sparsamkeit in der Lebensführung walten 31t lassen, den Kindern den Frieden und das Glück des Hauses zu erhalten und somit ihren kindlichen Frohsinn und dabei ihnen den Ernst der Zeit in seiner ganzen Bedeutung vor Augen 31t führen, mit ihnen zu lernen und zu arbeiten, sich mit ihnen im Gebet für das ungezählten Entbehrungen und Strapazen, dem feindlichen Kugelregen preisgegebene teure Familienhaupt zu vereinen. Wahrlich, es bedurfte der Aufbietung aller Energie, aller Verstandeskräfte, um diesen großen Aufgaben einer großen Zeit gerecht zu werden, deren Erfüllung um so schwerer wurde, wenn mit dem Gatten auch die Söhne als junge Kriegsfreiwillige dem Vaterlande dienen. Wohl, tausendfach wohl unseren Müttern, und sie empfinden es dankbar als hohe Gunst des Schicksals, wenn der Gatte ihnen zur Seite steht, sie in ihm Trost, Halt und Stütze finden, wo zagende Angst, schwerster Kummer um die draußen im Kampsgetümmel von tausend Gefahren umgebenen Söhne selbst das stärkste und tapferste Mutterherz oft zu überwältigen drohen! Und um wieviel härter und bitterer leiden die verwitweten Mütter in dieser prüfungsreichen Lebensepoche! Gebet, Liebe üben, die Siegeszuversicht, die unsere heldenmütigen Kämpfer beseelt, teilen, erfüllen das Mutterherz mit nie versagender Hoffnung aus einen glücklichen Apsgang. Unvergleichlich schwerer und niederdrückender als aus den Müttern der begüterten Stände lastet das Kriegsjahr auf denen, die zu den Enterbten des Glückes zählen. Zu der bangen Sorge um den zu den Waffen einberufenen Gatten unb Ernährer, die Söhne, die insbesondere der verwitweten Mutter oft den Ernährer ersetzen, gesellt sich die nagende Sorge um das tägliche Brot für sich und ihre Kinder. Hier zeigt sich gegenwärtig die altberühmte jüdische Nächstenliebe in ihrem leuchtendsten Glanze. Neben der staatlichen und städtischen Kriegsfürsorge wetteifern Vereine, Verbände, Privatpersonen, ihnen die Fürsorge um ihre jüngeren Kinder zu erleichtern, ja abzunehmen, ihnen ratend und helfend beizustehen, lohnenden Verdienst zu schaffen, damit sie Mut und Kraft finden, sich tapfer aufrechtzuhalten. Die stumme bange Frage: „Werden wir sie gesund und glücklich heimkehren sehen, unsere Gatten und Söhne? Wird der bittere Leidenskelch an uns vorubergehen, sie als blutige Opfer dieses furchtbaren Weltkrieges bedauern zu müssen oder als verstümmelte Krüppel in Zukunft zu erblicken?" tönt gleichermaßen von den zitternden blassen Lippen der begüterten wie der ärmsten Mutter. Auch hier „ein einig Volk von Schwestern" in ihren Gefühlen und Empfindungen! Die Arbeit in ihren Familien wurde in dem verflossenen Kriegswinter zu einer besonders hohen Segensquelle für ilnsere Mütter. Die zurückgezogen lebenden Mütter widmeten sich mehr denn je ihren jüngeren Kindern, saßen mit ihnen beim Schein der Lampe, ihre Schularbeiten, namentlich die der Knaben, leitend und überwachend, mit ihnen lesend, ihren Blick auf die großen Ereignisse der Zeit hinlenkend, während sie die Mädchen in der längst dem Schattenreiche der Vergessenheit anheimgefallenen Kunst des Strickens unterwiesen. Denn der Strickstrumpf unserer Großmütter war zu neuem Leben erweckt worden und erwies sich als eines jener trostspendenden und beruhigenden Mittel, die Wilhelm v. Humboldt in seinen berühmten Briefen an eine Freundin unter „weibliche Handarbeiten" verherrlicht hat. Und damit feierte auch das tiefste Erziehungsmittel unserer Großmütter, viel mit ihren Kindern zusammen zu sein, ein Auserstehungssest. Hatte doch keine Geringere als Karoline v. Humboldt im Mai 1798 aus Paris an ihre Freundin Rahel Levin in Berlin geschrieben: „In den Kindern lebt meine Seele, das fühlen Sie wohl, und ich führe hier mit ihnen eine ganz häusliche Existenz. Die Vorniittage dauern hier bis 4 Uhr, das gibt mir dcw Mittel, viel mit ihnen zu sein." Dieses innige Zusammenleben der Mütter mit ihren jüngeren Kindern zeitigte das vertrauteste Verhältnis zwischen diesen, namentlich den Söhnen; denn es ist zu allen Zeiter als unumstößliche Tatsache anerkannt worden, daß der seelische Zusammenhang zwischen Mütter und Söhnen ein besondere tiefer ist. Und indem unsere Mütter ihren jüngeren Söhnen deren Herzen sie noch ganz besitzen, zeigen, wie wertvoll sic ihnen sind, werden diese auch begreifen lernen, daß sie in einer Zeit äußerster Seelengröße und Opferwilligkeit stehen, der die kindliche Ehrfurcht ziemt, da die Mütter sie ihnen veu körpern. Und wenn diese jüngeren Söhne ihre Väter oder Brüder verwundet heimkehren sehen oder den Schmerz der Mutter, daß sie nicht mehr wiederkommen, dann werden sic den ganzen furchtbaren Ernst dieses Kriegsjahres verstehen lernen und in tiefer Ergriffenheit manch zärtlich-tröstendes

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