Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 35 Berlin, 27. August 1915 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wSchentllch. A bonnements-pre'is-. durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ffl. — Postscheckkonto 32<k. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mossc, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-H-, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. 71 IIfl n \ t * Kriegsjahr unserer Mütter. Von Regina Neißer. — tßNKIUlt. Die Woche. — Paul Ehrlich. — Jüdische Patengemeinden für Ostpreußen. Von Waisenhausdirektor Peritz, Königsberg. — Max Szabolcsi s. A. Von Rabbiner Dr. Berthold Edelstein, Budapest-Ofen. — Kriegsliteratur. Von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Der lange Nock. Roman von Anna Goldschmidt. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Potsdam, Posen, Breslau, Hamburg, Chemnitz, München, Nürnberg, Offenbach a. M., Frankfurt a. M., Worms, Heidelberg. Ulm, Wien, New Jork. — Von Nah und Fern. Das lkriegsjshr unterer Mütter. Von R e g i n a N c i ß e r. nsere Zeit hat der gesamten Frauenwelt und nicht zuletzt der jüdischen Frauenwelt höhere Pflichten, größere Aufgaben gestellt als deren Müttern und Großmüttern. Die erweiterte Frauenbildung, die alle Kreise umfaßt, wurde zur Lebensbedingung und wuchs zur Kulturnotwendigkeit. Trägerinnen feinster Kultur zu sein, wurde das erstrebenswerte Ziel unserer denkenden Frauen, namentlich der Mütter im Hinblick auf das neue Geschlecht. Die erweiterte Bildung steigerte ihre Kraft und ihre Intelligenz. Die Blätter der Geschichte künden uns, daß im Gegensatz Ui anderen Kulturvölkern des Altertums, den Griechen und Römern, bei den Juden die Frau als Gattin und Mutter eine ungewöhnlich hohe Stellung einnahm. Das Haus war die ureigentliche Domäne der jüdischen Frau und ist dies Jahrtausende hindurch bis in unsere Tage geblieben, wenngleich die Gegenwart andere Ansprüche und Anforderungen an unsere Frauen und Mütter stellt wie die Vergangenheit. Zu allen Zeiten hat sich die jüdische Frau als Priesterin und Hüterin des häuslichen Herdes, als treue Gefährtin, kluge Beraterin und Mitarbeiterin des Gatten wie als opferfreudige, hingebungs- und liebevolle Mutter, Erzieherin und Bildnerin ihrer Kinder, unermüdlich und unerschöpflich fürsorgend, für ihre Familie in Glück und Unglück gleichermaßen glänzend bewährt. Das jüdische Weib ist zum höchsten Frauenideal des sittlich am höchsten stehenden Volkes geworden Und ist es geblieben im Wandel der Zeiten. Das Glück des Hauses soll und darf durch die höhere weibliche Bildung nicht beeinträchtigt werden, die Entwicklung der Verstandeskräfte hat keineswegs die Verödung des Herzens im Gefolge gehabt; die echte Weiblichkeit ist den hochstrebenden Frauen unserer Tage wahrlich nicht abhanden gekommen. Schon Aristoteles sagt: „Vorzüglich soll der Staat für die Erziehung und Leitung, des weiblichen Geschlechts Sorge tragen," und dies mit Recht, denn die Frau ist als Gattin und Mutter un - engsten' Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben. „Aas Daheim , ist die erste und wichtigste Schule des Charakters", sägt Samuell-Smiles, Unsere Frauen und Mütter haben - Kück» licherweise schon seit einer Reihe von Jahren erkennen gelernt, daß die Bildung des Charakters das wichtigste Erziehungsmoment bei den Söhnen und Töchtern gleichermaßen bedeutet, daß diese gleichermaßen zur Lebenstüchtigkeit, zu vollem Verständnis für den Ernst des Lebens erzogen werden müssen. Selbst schon tüchtig vorgebildet, um ihren Gatten als Lebensgenossinnen in geistiger Kameradschaft verbundene Mitkämpferinnen zu sein, sind sie befähigt und berufen, als Mütter ein neues, starkes und kraftvolles Geschlecht in ihren Söhnen und Töchtern heranzubilden. Und unsere Frauen und Mütter haben sich ihrer Aufgabe würdig gezeigt, indem sie, mitlernend und mitstrebend, in vollem Verständnis für die Forderungen der Zeit die mütterlichen, ja schwesterlichen Freundinnen ihrer heranblühenden und erwachsenen Kinder wurden. Neben der geistigen Ausbildung haben sie die Gemütsbildung nicht verabsäumt, und der religiösen Erziehung wurde erhöhte Beachtung zuteil. Das jüdische Bewußtsein in ihren Heranwachsenden Söhnen und Töchtern zu wecken, diese für den angestammten Glauben an den einig-einzigen Gott wie für die glorreiche Geschichte Israels zu begeistern, den wahren Patriotismus, der stets auf religiöser Grundlage ruht, in ihnen zu pflegen, in ihren Söhnen dem Judentum treue Bekenner, dem Vaterland vollbefähigte Staatsbürger, in ihren Töchtern weise, selbstlose zärtliche Mütter, die dereinst in ihren Bahnen fortwirken werden, heranzubilden, wurde Herzenssache, Ehrenpflicht unserer Mütter. Diese in glücklicher Friedenszeit in idealster Weise erfüllten Liebes- und Lebensaufgaben sollten zum Heil des Heranwachsenden wie eines späteren Geschlechts von dauernd segenbringendem Einfluß sein. Im Juli des verflossenen Jahres verdunkelte sich der politische Himmel, und in ernster schwerer Zeit sollten sich unsere Mütter in strahlendstem Lichte zeigen. „Das Volk stand auf, der Sturm brach los!" Als in den ersten Augusttagen die deutschen Männer sich einmütig zum Kampfe sammelten, da erwachte auch in unseren Müttern der Stolz, deutsche Frauen zu heißen, und ihre Führerinnen sahen um sich. Mitten in dem tiefen Ernst dieser Augusttage bewahrten unsere Mütter ihre Würde und Selbstbeherrschung, erwiesen sie sich als ebenbürtige Erbinnen ihrer Glaubensschwestern aus jener großen Zeit vor hundert Jahren, der Befreiungskriege. Wieviel stille Größe bargen diese ersten Tage, die der Mobilmachung folgten! Die Kriegserklärung entfachte eine ungeahnte stürmische Begeisterung und nicht zum mindesten in unseren Müttern, denen in der ernsten und schweren, wenn auch großen und erhebenden Zeit, die dem Vaterlande bevorstand, neue hohe Aufgaben, zahllose Opfer erwuchsen. Als die erste Frau im Lande, unsere Kaiserin, einen Aufruf an die deutschen Frauen erließ, strömten die jüdischen Frauen und Juygfrauen in Scharen herbei, um an dem großen Liebeswerk, zu Helsen und zu lindern, wo es not tut, tätigen Anteil zu nehmen nachgegebener Kraft; ' Diejenigen jedoch, - deren