Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229212--71562-3283909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
des Kriegsjahres konnten sie weder ihren Familien Kunde von sich geben, noch erhielten sie Nachricht von bm Ihrigen. Die verzweifelte Lage der Bedauernswerten ist leicht verständlich: wußten sie doch nicht, ob ihre Angehörigen noch am Leben sind, ob sie nicht von der Soldateska ihres „Vaterlandes" verschleppt oder gar umgebracht worden sind. Zu den Kunden des einen Handelsmannes B. zählt auch der Gutsbesitzer H., dessen Sohn als Offizier im Osten kämpft. Während der letztere im Elternhause auf Urlaub war, kam B. nach dort in geschäftlicher Angelegenheit und erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß der genannte Ofsizier auch in seinem Heimatsort war. Bon den beweglichen Klagen des armen Mannes tief gerührt, versprach ihm der liebenswürdige Krieger, im Falle er wieder nach dem betreffenden Städtchen komme, daß er gewiß seine Angehörigen aufsuchen und ihnen Grüße überbringen werde. — Und er hielt getreulich Wort. Bor ein Paar Tagen ließ der. Besitzer den B. nach seinem nahe gelegenen Gute herauskommen und las ihm den Brief seines Sohnes vor, in dem er schrieb, daß er nach vieler Blühe und Umfragen die Familie des B. aufgefunden und nicht nur die aufgegebenen Grüße des Vaters bestellt, sondern auch seinen armen Kindern 20 Mark zurückgelassen hat. — So handeln deutsche Barbaren! — Königsberg i. Pr., 13. August. Am 31. v. M. verschied hier der Stadtälteste L u d w i g Leo, einer der wenigen Ehrenbürger unserer Stadt. Am 3. August fand die Trauerfeier statt. In der Trauerversammlung bemerkte man neben dem Magistratsdirigenten die beiden hier lebenden Ehrenbürger unserer Stadt, Geheimen Regierungsrat Kr oh ne und Bürgermeister a. D. Kunckel, ferner die Mehrzahl der Mitglieder des Magistratskollegiums, zahlreiche Stadtverordnete mit ihrem Vorsteher, Gymnasialdirektor Dr. Di richtete an der Spitze und viele angesehene Bürger aus den verschiedensten Bernfskreisen. Herr Rabbiner Tr. Vogel stein hielt eine warm empfundene Gedächtnisrede. Dann trat Oberbürgermeister Dr. Körte, geschmückt mit der goldenen Amtskette, hervor und widmete dem Verblichenen weitere Worte warmen Gedenkens'. Nachdem der Oberbürgermeister daun einen großen, mit den Farben der Stadt geschmückten kostbaren Kranz niedergelegt und Rabbiner Dr. Vogelstein noch ein kurzes Gebet gesprochen hatte, intonierte der Sängerverein zum Gedächtnis an sein verstorbenes ältestes Mitglied das „Integer vitae“. Gedämpftes Harmoniumspiel beendete die Gedächtnisfeier. W. ^lofcn, 13. August. Tie H e r m a n n m ü h le n - A k t i e n - gesell s ch a f t hat aus Anlaß des Jahresgedenktages des Kriegsbeginns zu Händen des Herrn Oberprüsidenten der Provinz Posen den: P r o v i n z i a l v e r e i n vom Roten Kreuz f ü r P o s e u 1 0 0 00 2)lnt k überlviesen mit der Bitte, auch hierbei den Wohlfahrts-. ausschuß für die Kriegsinvalideu des fünften Armeekorps, die Beköstigungsstation Bahnhof Posen, das Blindenheim für Krieger, das Säuglingsheim Posen, das Soldatenheim Posen und die Soldatentuche Posen zu berücksichtigen. Tie Hermannmühlen-Attiengesellschaft hat bereits im Geschäftsjahr 1914 1 0 00 0 Bk a r k und außer den jetzt überwiesenen 1 0 0 00 Mark in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 1915 noch 9 0 0 0 M a r k für gleiche Zwecke, im ganzen also 2 9 0 0 0 Bk a r k gestiftet. — Das Reifezeugnis zuerkannt lvurde dem Oberprimaner Walther N e u fe l d vom Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, Sohn des Möbelfabrikanten Neufeld. Der junge Mann hatte während der vorjährigen großen Ferien Verwandte in New d)ork besucht und wollte bei Kriegsausbruch auf dem holländischen. Dampfer „Potsdam" zurückkehren, um das Notexamen abzulegen und sich als Kriegsfreiwilliger zu melden. Im Kanal wurde der Dampfer v o n d e n E n g l ä n d e r n angehalten und Neufeld mit einer großen Anzahl Deutscher festgenommen. Bkan brachte ihn zuerst nach Feldmouth, von wo er seine besorgten Eltern von seinem Schicksal benachrichten konnte, dann nach Torchester, von hier nach der Insel Wight, weiter auf ein Gefangenenschisf bei. Sonthend und endlich nach London. Tort befindet sich Neufeld in Gesellschaft zahlreicher Leidensgenossin im Alexandra-Palast. Walther Neuseld Hütte nach dem Zeugnis seiner Lehrer vergangenen Ostern sicher die Reifeprüfung bestanden. Aus Grund dieser Bekundung ist ihm das Reifezeugnis durch einen Beschluß des Kultusm i n i st e r s vom 22. Juli 1915 z u g e s p r o ch e n worden. Das Zeugnis wird unterfertigt werden, sobald der Direktor des Friedrich- Wilhelm-Gymnasiums von seiner Urlaubsreise zurückgekehrt sein wird. 6. Z. Breslau, 13. August. Der 'Herausgeber und Redakteur des hier erscheinenden „Jüdischen Volksblattes", Dr. Louis Neustadt, war wegen Vergehens wider das Belagerungsgesetz angeklagt. Ueber sein Blatt war die Vorzensur verhängt worden; er mußte den ge samten Inhalt vor dem Druck jeder Nummer zur Zensur einreichei und durfte ihn nur so abdrucken, wie er ihn aus der Hand des Zensor zurückerhielt. Trotzdem waren wiederholt Streichungen des Zensor unbeachtet geblieben. Da jedoch die Beweisaufnahme ergab, daß die auf'die Schuld des Setzerpersonals zurückzusühren war, sprach da Gericht ihn frei. 6. Leipzig, 13. August. Die Kriegsausstellung des Deutsche.' Buchgewerbe- und Schristmuseums in der Betonhalle des Ausstellung^ geländes wird täglich bereichert. Zahlreiche im Felde stehende Freund des Museums sammeln, was für das Museum von Interesse ist. Niel, wenig überrascht war die Museumsleitung, wie das „Leipziger Tage blatt" berichtet, als sie kürzlich von dem früheren technischen Direkto der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik, den kaiserlichen Baurat Dr. N i c o l a u s, der als Hauptmann im Ostet steht, ein Blatt einer hebräischen Pergamenthandschrist mit der Bemer kung übersandt erhielt: „Inliegend eine hebräische Pergamenthandschrifl von den Russen zur Dichtung ihrer Unterstände verwandt." Es ist ein große, schöngeschriebene Pergamenthandschrift, die leider in ihrem oberer Teil durch Sand und Erdreich etwas gelitten hat und durch Nässe be cinträchtigt lvurde, im großen und ganzen aber recht gut erhalten ge blieben ist, so daß sie mühelos gelesen werden kann. Sie hängt mu neben anderen „Kulturleistungen" der Russen in dem Raum „Ta- Kriegsjahr 1914/15" und wird manchem Besucher der Ausstellilng s> recht vor Augen führen, lvie es um die „Bildung" des russischen Heerebestellt ist. Regensburg, 13. August. Tie zuständigen Rabbinate fü Werneck und Lohr unterbreiteten unter Verständigung und Zu stimmung aller unterfränkischen Rabbiner der königlichen Regierun das Ansuchen, daß diejenigen Insassen der Anstalt Werneck, die ritue! verköstigt zu sein lvünschen, nach Lohr übergeführt werden, daß ferne in Zukunft sämtliche israelitische Geisteskranke des Kreises Unter franken, die entweder selbst den Antrag auf rituelle Verpfleguu stellen oder für die seitens ihrer Familien ein solcher Antrag gestell wird, gleich bei ihrer Aufnahme der Anstalt in Lohr zugewiese: lverden. Dieses Gesuch wurde durch Regierunasentschließung von 14. Mürz 1915 genehmigt. Um die Einrichtung in Lohr aus ein. feste Basis zll stellen, sind beträchtliche Mittel erforderlich, die tun durch Gründung eines Vereins und Inanspruchnahme dejüdischen Wvhltätigkeitssinnes aufgebracht werden . können. Al: 20. Juni 1915 wurde nun in Würzburg ein „Verein zur Ermöglichum der rituellen Verpflegung israelitischer Nerven- und Geisteskranke im Negierungsbezirke Unterfrankeil und Aschafsenburg" gegründet int. die Eintragung des Vereins in das Vereinsregister beschlossen. Jt die Vorstandschaft wurden gewählt: Distriktsrabbiner Tr. B r e u e i in Aschafsenburg als Vorsitzender, Distriktsrabbiner Dr. Stein u Schwei nfurt als stellvertretender Vorsitzender, Lehrer Jsrae? Wähler in Hörstein als Schriftführer, Kaufmann Bernhard Hirsch in Lohr als Kassierer, Kaufmann Samuel Gun'ders Heiner in Würzburg als Beisitzer, Fabrikbesitzer Nathan Maye in Aschafsenburg und Kaufmann Herrn. Weichsel bäum in Tettel bach als Ersatzmänner. („Deutsche Israel. Ztg.") — Gietzen, 13. August. Die Trauerfeier für den Stadtverordnete; Friedberger hatte am 4. dieses Monats eine ansehnliche Trauer gemeinde in der Leichenhalle aus dem Friedhof am Rodberg ver sannnelt. Als äußeres Zeichen der Ehrung hatten die Stadt Gießen die großherzogliche Handelskammer und der Verein der freisinniger Volkspartei prächtige Kranzspenden mit Widmungsschleifen am Sara niedergelegt. Provinzialrabbiner Dr. Sander hielt die Gedächtnis rede. Oberbürgermeister Keller widmete namens der Stadt Gießet dem Dahingeschiedenen einen herzlichen Nachruf. Fabrikant Z u r b u rl sprach namens der großherzoglichen Handelskammer, deren Mitglied Friedberger war. Geheimer Justizrat Metz als Vorsitzender dec Vereins der freisinnigen Volkspartei, dessen Vorstand der Verstorben lange Jahre angehörte, widmete Worte der Anerkennung und de-, treuen Gedenkens. Mit einem Gebet des Rabbiners wurde die ein drucksvolle Trauerfeier geschlossen. — Konstanz, 13. August. In seltener geistiger Frische und körperlicher Rüstigkeit feierte vor kurzem unsere Mitbürgerin Frau Fanny Selig m a n n den 90. Geburtstag. Von allen Seiten wurden der hochbetagten Jubilarin reiche Ehren zu teil. Im Aufträge Ihrer