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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-20 · Heft 34 (20.8.1915) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 34 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
Seite 407 (sequence 11)
Language
German
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Dann ättet ihr eben den falschen Weg gewählt, dann fehltet und crtet ihr, wie es menschlich ist, aber euer Wollen blieb trotzen« edel, eure große, schöne Begeisterung tief ergreifend. Es it nicht wahr, Josua, daß ich deine Freunde nicht mag, weil ich aanches an ihnen nicht mag. Ich gestehe dir sogar, daß mir as, was ich mehr erfühlte als vernahm, mehr aus ihren lugen hörte als aus ihren Worten, den tiefsten Eindruck gemacht hat. Mehr als die Rede eures Propheten bewegte mich er Geist der Versammlung, diese hoffenden, inbrünstigen, verärten Gesichter. Besonders die galizischen und russischen -laubensbrüder, die über die Grenze gekommen waren, die, losua, bei denen mich der lange Rock tiefer rührt als bei dir, enn bei denen ist er das Zeichen des bitteren, greifbaren 'eides; nicht des Leides, an dessen Süße sich ein Dr. Barth labt, andern der härtesten, körperlichen Entbehrungen und Erhwerungen und Gefahren. Wenn ich sehe, wie selbst hier bei ms, im aufgeklärten Deutschland, sich jeder, Christ und Jude leichermaßen, als Herr fühlt diesen Langrockigen gegenüber, >ie jeder den polnischen Juden anzuschreien, wegzujagen und uszuspotten wagt, dann verstehe ich, daß ihnen der Verstand hwindet vor dem paradiesischen Traum: „Und nächstes Jahr u Jeruscholajim!" Und als der Redner von all den Einrichtungen sprach, die ocrktätigste Menschenliebe durch unzählige Opfer an Geld und Arbeit in Palästina geschaffen hat, von den Wohnstätten, die um Heimatlosen dort schon bereitet sind, und von dem, was >och für die armen Unglücklichen, Arbeitslosen geschehen soll, aß sie wieder den Segen einer Heimat, die Würde der Arbeit ennenlernen, da habe ich ihm zugejubelt wie ihr anderen auch. Ind ich fand es kleinlich und allzu persönlich von euch, heraususuchen und abzuwägen, ob ihr mehr an positivem Guten gemistet habt oder anders Menschenfreunde. Wer Gutes tun, wer vertriebenen eine Heimstätte bieten will, sollte, wo sie auch inmer sei, aus tiefstem Herzen heraus geehrt und gesegnet sein. Ind könnt ihr den armen Fremden, die das Land, in dem sie leboren sind, verlassen mußten, das Neuland mit einem Heimatsschimmer verklären — um so besser für sie, um so dankensoerter von euch. Aber daß ich nun aus einmal meine Heimat in dem Land sehen soll, das ich nie gesehen, das — „Sind Sie zufrieden mit den Zuständen, unter denen die deutschen Juden hier leben?" „Nein, Josua, das kann ich nicht sein, Wir besprachen das ja 'chon einmal gleich im Anfang unserer Bekanntschaft. Solange die Gleichberechtigung nur auf dem Papier steht, kann lein Jude zufrieden sein." „Nun also? Und ein ehrlicher Kampf ist nicht möglich. Der Feind ist überall und nirgends, umlauert uns und ist nicht greifbar." „Ich gebe Ihnen zu," sagte ich, „daß es das Schlimmste ist, etwas zu erleiden, gegen das man sich nicht wehren, gegen das man nicht losschlagen kann." Und wieder sein herrisches, herausforderndes: „Nun also?!" Und ich, verschüchtert von seinem Ton, mit einer Stimme, die mir selbst wie durch Tränen klang: „Aber ich sehe keine Lösung im Zionismus." Ohne ein Wort zu sagen, ohne einen Gruß wandte er sich und ging davon. Hat er nicht mehr gehört, daß ich ihm erschreckt, weinend „Josua" nachrief? Mit tief gesenktem Kops ging er weiter. Den.1914. Wenn ich nicht wüßte, daß er mich so heiß liebt wie ich ihn, ich könnte dieses Leben nicht ertragen. Aber ich weiß es, solch eine Liebe führt zwei zusammen, wenn sie auf noch so verschiedenen Wegen sind, wenn sich auch der eine, sich selber nicht kennend, verzweifelt sträubt. Josua ist ohne Gruß von mir gegangen? Wie stark ist mein Glaube an dich, du Geliebter, an unsere Liebe, daß ich trotzdem warte und hoffe! Ich warte und hoffe! So schlecht es mir geht — wie meine armen Glaubensbrüder sage ich: und nächstes Jahr im Lande der Verheißung. Den.1914. Vor nächsten Sonnabend schreibe ich nicht wieder Tagebuch. Die Tage, die mein Guter mit mir uneins ist, sollen nicht ausgezeichnet sein in meinem Leben. Sie sollen verwischt und verweht sein vor glücklicheren Zeichen. Den.1914. Oder noch unglücklicheren! Ich war am Denkmal, und Josua war nicht da. Den.1914. Seit drei Tagen schrecke ich bei jeder Post, bei jedem Klingelzeichen auf; jedesmal durchrieselt es mich: „Gott sei Dank! endlich!" Aber nein, kein Wort von ihm, keine Erklärung! Er wird doch nicht krank sein? Wenn ich das dächte, dann — Es istja auch nichtmöglich, daß er michso beleidigen, daß er mich ganz einfach stehen und vergeblich warten lassen sollte. Ich habe mich so geschämt! Wie ich mich geschämt habe vor den Leuten, die vorbeigingen, und vor — mir selbst! Und ich ging doch nicht fort. Immer, wenn ich gehen wollte, hielt mich etwas zurück: Es kann ja nicht sein, du tust ihm Unrecht. Geh nicht weg, denk an sein erschrecktes Gesicht, wenn er außer Atem, abgehetzt — wer weiß, was ihn zurückhält —, angestürzt kommt und dich nicht mehr findet. Und immer und immer wieder sah ich auf die Uhr. Sie ging gar nicht weiter, und doch schreckte ich jedesmal heiß zusammen, wenn die Turmuhr eine neue Viertelstunde anschlug. Zwei Stunden habe ich am Denkmal gewartet, zwei Stunden bin ich dort hin und her gegangen, in den Park zurückgetreten oder habe da gestanden. Mir kommen immer wieder Tränen der Scham, wenn ich daran denke. Den.1914. Ich habe eben an Josua geschrieben. Nichts von meiner großen Angst und Besorgnis. Nur die nackte Frage: „Warum waren Sie Sonnabend nicht an der verabredeten Stelle?" Abends. Ein kleiner Laufjunge brachte mir ein Billett. „Wenn Sie Zeit haben, kommen Sie mir morgen um zwei Uhr in der langen Straße entgegen. Josua." Keine Erklärung, kein Bedauern, keine Entschuldigung. Und doch und doch! Alles Trübe ist vorbei, alle Kränkung ist vergesten. Ich weiß nur eins, ich sehe ihn wieder. Ich sehe ihn endlich, endlich wieder. Nun wird sich alles aufklären. Den.1914. Ich bin schon in Hut und Jackett, um Josua zu treffen. Ich schreibe noch im Stehen, gebe mir schriftlich, was ich mir gelobt habe, nämlich: mir nichts zu vergeben. Gott sei Dank, ich habe über Nacht mein« Fassung wieder gewonnen, mich wieder auf mich selbst besonnen. Nie haben die Frauen Gnade vor meinen Augen gesunden, die, wenn auch aus noch so heißer Liebe, sich vor dem Manne demütigten. Josua hat mich warten und stehen lassen. Ich will >es ihm nicht leicht machen, sich vor mir zu rechtfertigen, er muß sehr zwingende, unüber-

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