Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 406 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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406 oder zu verwalten. Der wichtigste Punkt der berüchtigten Maigesetze 1882 ist in willkürlicher Art auch auf Polen übertragen worden"). Tausendmal ist man der törichten Anklage begegnet, die Juden entziehen sich dem Militärdienst. Aus den offiziellen Zahlen des Berichtes des Kriegsministeriums ergibt sich jedes Jahr, daß die Juden im Verhältnis von 31,5 zu 100 eingestellt werden, während die Nichtjuden nur 28,81 von den Militärpflichtigen an die Armee einliefern. Und dabei wurde den Juden der leichtere Dienst als Kompagnieschreiber oder bei der Intendantur verschlossen, ebenso wie der in der Grenzwache. 1887 wurde den jüdischen Einjährig-Freiwilligen die Teilnahme am Offiziersexamen versagt — es gab sürder keine russischen Offiziere jüdischen Glaubens mehr. Trotz aller Leistungen der russischen Juden für ihr Vaterland ist den Juden keine Erniedrigung und ungerechte Zurücksetzung erspart geblieben. Ein vom Kaiser sanktioniertes Gesetz vom II. Juni 1892 entzieht den Juden aktives und passives Wahlrecht zum Stadtrat; das einzige Recht, das ihnen belassen bleibt, ist das, zum Beigeordneten des Rats durch die Lokalbehörde ernannt zu werden. Was soll man von dem Geist, der den Gesetzgebern innewohnt, denken, wenn in den westlichen Städten, deren Bevölkerung mitunter aus 70—90 % Juden besteht, die Juden an der städtischen Autonomie keinen Anteil mehr haben sollen! Die Folgen dieser Ausschließung waren alsbald fühlbar. Die offizielle Presse, die den Juden nicht wohlwollend gesinnt ist, sah sich gezwungen zu konstatieren, daß das jüdische Element sich in den städtischen Angelegenheiten als sehr nützlich erwies. So in den Annalen des Gouverneurs von Kowno: „Wenn die Juden eine gewisse Autorität in der städtischen Leitung genossen, rührt es lediglich daher, daß sich die christlichen Räte zu den Bedürfnissen der Stadt sehr gleichgültig verhielten. Wenn die jüdischen Räte ebensoviel Gleichgültigkeit wie ihre christlichen Kollegen gezeigt hätten, wären die städtischen Geschäfte völlig zugrunde gegangen." Doch nicht allein in bezug aus wirtschaftliche und allgemeine Tätigkeit der Juden wurden widerwärtige Ausnahmegesetze geschaffen, auch ihre Betätigung an höherer Bildung wurde 1887 durch ein Gesetz arg eingeschränkt und bis zu einem Prozentsatz herabgesetzt, der weit hinter ihren Bestrebungen und Erfordernissen zurückbleibt. Innerhalb des Niederlassungsgebiets, wo sie natürlicherweise am zahlreichsten sind, ist der Prozentsatz der jüdischen Schüler an Universitäten und Gymnasien auf 10 %, außerhalb des Gebietes auf 5 %. in Petersburg und Moskau aus je 3 % festgesetzt. Diese Verordnung versagt einer Anzahl Mitbürger den Anspruch auf höheres Schulwesen; ein Anspruch, der im Interesse der Kultur unversagbar erscheint. Es ist eine offenbare Ungerechtigkeit, daß in einer Stadt, in der die Juden die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, nur der zehnte Teil der Schüler einer höheren Schule jüdischen Glaubens sein darf; so ist es auch z. B. eine handgreifliche Unbilligkeit, daß an der Universität von Odessa, wo beinahe die Hälfte der Bevölkerung Juden sind, nur 5 % der Studenten jüdischen Glaubens sein dürfen. Selbst in den Schulen, die dem Gemeinsinn reicher Juden ihr Bestehen verdanken, wird das Verhältnis der jüdischen Schüler streng innegehalten. So wurde z. B. in Winniza durch die Freigebigkeit eines Juden, namens Weinstein, eine technische Schule gegründet, aber nur acht jüdischen Schülern (gegen 80 christlichen) der Eintritt gestattet, obgleich die Juden nahezu die Hälfte der Einwohnerzahl des Ortes bilden. Aehnlich geschah es in Gorka, wo der verstorbene Geheimrat Poljakow, der bekannte jüdische Eisenbahnunternehmer, eine Bergakademie gegründet hatte. Aber die Neigung der Juden für daS Studium °) Philippfon a. a. O. S. 153. ist so mächtig, daß sie sich durch keinen Widerstand entmutigen läßt; jedes Jahr nimmt die Zahl der jüdischen Kandidaten trotz der regelmäßigen Zurückweisung zu. In einem einzigen Schuljahr (1895 bis 1896) sind von 1692 zur Aufnahme aus sämtlichen Universitäten Rußlands eingeschriebenen Juden nr,: 158 berücksichtigt worden. In dem einen Jahr sind viel? Hunderte Juden um ihre lang gehegte Hoffnung gekommei daß sie der allgemeinen Bildung, des Fortschritts, der Wissei - schast teilhaftig werden könnten"). Kann es da wundernehmen, wenn unter all diesen lastenden Druck, dem die Juden gesetzgeberisch unterwürfe, waren, daß auch der Pöbelhaufen die Juden dem Schutz dir Regierung entzogen glaubte und wiederhalt Pogrome in Szei . setzte? So im August 1883 in Jekaterinoslaw, wo die zcdenten meist fremde Eisenbahnarbeiter waren. Wie weni, diese Greuel der Stimmung der einheimischen Bevölkerun, entsprachen, beweist die Tatsache, daß der Stadtrat für die ge plünderten jüdischen Mitbürger eine Beihilfe votierte. Da- Feuer griff in benachbarte Orte über. Es fanden Pogrom auch in den Gouvernements Podolien und Poltawa stad Ostern 1884 spielte sich eine furchtbare Tragödie in Kunawiin einer Vorstadt von Nischny-Nowgorod, ab. Die wütende- Aufrührer, meist Eisenbahner, inszenierten Krawalle in Char kow, in vielen Orten Rußlands und sogar in Polen, aurii Ostern 1885, in stets furchtbarer Weise. Selbst der Regierung wurde das Treiben zu bunt, zumal ein Schrei der Entrüstu» die ganze Welt durchhallte um der Leiden der russischen Judei willen, und die Bewegung flaute ab. Ein banges Mitgefühl für die Leiden der Juden in Ruß land fand lebhaften Anklang in allen Kulturstaaten Europa? besonders in London, wo damals noch die Stimme der Mensä lichkeit sich Gehör verschaffen konnte, die Regungen der Bariv Herzigkeit und der Gerechtigkeit nicht durch politische Rüa sichten unterdrückt wurden, hatten in jenen denkwürdige - Meetings im Mansion House 1882 und in Guildhall 1890 di Proteste der edelgesinnten menschlichen Gesellschaft gegen di russische Barbarei den lautesten Ausdruck Munden. .Ge meinsam mit Berlin, Wien, Paris und anderen Weltstädtewurde eine umfassende Hilfsaktion geschaffen, die verfolgte - und die vor der Verfolgung fliehenden Auswanderer zu unter stützen. Heute ist dieses „noble" England mit der russische! Tyrannenmacht verbunden! Die Zahl der jüdischen Auswanderer aus Rußland in de, 19 Jahren von 1881, dem ersten Pogromjahr, bis 1900 ist au 800 000 zu schätzen, die größtenteils junge kräftige Männer sin und meistens nach Amerika zogen. Man kann sich leicht denken welchen großen Schaden die russische Regierung dem Reich durch Entziehung solcher Arbeitskräfte zufügteJ. (Fortsetzung folgt.) Der lange Nock. Roman von Anna Goldschmidt. (15. Fortsetzung.) Und in diesem winzigen Tadel von mir siehst du eine An von unbewußtem Antisemitismus, ein Rest aus den Tagen meiner Gedankenlosigkeit. Verwechselst mich gar mit denen, die gereizt und gehässig aussahren, wenn das Wort „Zionis o) Scheinhaus a. a. O. S. 81 bis 83. 7) Scheinhaus a. a. O. S. 83 bis 84.