Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 404 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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404 Gedanken erhoben hat zu allem Guten und Edlen und dadurch zu ihrer militärischen auch noch die sittliche Befähigung gefügt hat, ihr Vaterland in der Stunde der Gefahr vor Not und Verderben zu schützen und unsere Truppen zu Sieg und Ansehen zu führen! Lachers LnsyKlopsdie der mündlichen Arberliekerung. ch Hütte cs nie für möglich gehalten, daß ein einzelner \ dieses Werk schaffen könnte. Unter den Lebenden war eben nur ein einziger, der diese Riesenarbeit beginnen und zum glücklichsten Ende führen durfte — Wilhelm Bacher. Voraussetzung zu diesem Werk war die einzigartige Selbstlosigkeit und Unermüdlichkeit, die Jahrzehnte hindurch ein Ziel beharrlich verfolgt, geschichtliche Schulung und Philologische Gründlichkeit, wie sie unter den Talmudgelehrten der Gegenwart eben nur c r besaß. Man braucht dem am 25. Dezember 1010 ans dein Leben geschiedenen Meister kein Denkmal zu setzen; dieses Werk wird ihn überdauern, es bleibt unsterblich, >venn >vir anderen längst vergessen sein werden. Das Wort des alten Talmudweisen (Gen. R. 82) ist hier Wirklichkeit geworden: Bant keine Denkmäler auf die Grabstätten der Weisen, denn ihre Werke überdauern ihre Gräber. Die Abfassnngsform des Talmuds bietet dem Forscher von Satz zu Satz neue Rätsel. Die auf den ersten Blick fast wahllos erscheinende Folge seiner Gedankenreihen erweist sich bei näherem Eindringen als strengbewußt und wohlüberlegt. Die Wiederkehr bestimmter Eigentümlichkeiten des inneren und äußeren Aufbaus läßt eine feste Methode vermuten. An Versuchen, das System des Aufbaus des talmudischen Schrifttums darzulegcn, hat es bei dem gelehrten Eifer, der während eines ganzen Jahrtausends dem Talmud gewidmet worden ist, nicht gefehlt. Aber diesen Versuchen mangelte die hingebende Selbstlosigkeit, in jahrzehntelanger Treue bestimmten Gedankcngüngen nachzuforscheu, sämtliche Wahrnehmungen zu verbuchen und die Wahrnehinungen in einen gedanklichen Zusammenhang zu bringen. 9hm liegt uns dieses Werk der Selbstverleugnung in Bachers letztem Buche vor: „Tradition und Tradenten in den Schulen Palästinas und Babyloniens", dem der Meister den bescheidenen Untertitel gegeben hat: „Studien und Materialien zur Entstehungsgeschichte des' Talmuds". Die sechsbändige Agava der Tannaiten und Amoräer war gleichsam die Vorarbeit und Vorbedingung dieses Buches, das die Zusammensassung der gesamten Arbeitsleistung Bachers auf dem Gebiete der talmudischen Forschung bedeutet. Nur dem umfassenden Kenner und systematischen Bearbeiter der Agada war es möglich, die Zeit lind die Zusammenhänge zahlloser Talmudlehrer festzustellen und ihre gegenseitige Abhängigkeit aufzuhcllen. Die geschichtliche und geographische Scheidung erforderte fast endlose textkritische Kleinarbeit. Bei dem Ricsenumfang der gestellten Aufgabe war Bacher gezwungen, sich auf das allernotivcndigste 31t beschränken, gleichsam nur die großen Linien zu ziehen; Stellenangaben mußten die Darlegung ersetzen, um es dem Forscher zu ermöglichen, sich selbst ein Urteil zu bilden, die angedeutete Idee bis zu ihren letzten Wirkungen zu verfolgen. Durch die Herausgabe des Werkes hat sich die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums zu alten Verdiensten ein unermeßliches neues erworben. Noch vor einem Jahrzehnt wäre das Erscheinen eines solchen Werkes buchhändlerisch unmöglich gewesen. Die christliche und jüdische Gelehrtemvclt hat unehrlich Ursache, der Gesellschaft dankbar zu sein, die in so kritischer Zeit die Herausgabe dieses Buches gewagt hat. So wie der größte Talmuderklärer aller Zeiten, Rasch. über seinem Werke gestorben ist, so hat der Tod auch Wilhelii Bacher bei seinem letzten bedeutendsten Werke überrascht. Di.' Druckdurchsicht hat Professor Blau vom 23. Bogen an übe: - nommen, und Professor Michael Guttmann hat unter Benutzung des vom Verfasser zurückgelassenen hebräischen Registers geradezu mustergültige hebräische und deutsche Namenregister hinzugefügt, die dem Forscher erst die Benutzung dG Riesenwerkes in vollem Umfange erschließen. Die Annahme einer zweiten Thora, der mündlichen, welcl c die schriftlich vorliegende in wesentlichen Teilen ergänzte 1x11.1 erklärte, führte notwendigerweise zu dem für jede mündlickt Ueberlieferung geforderten Nachweis des Ueberlieferers, dir damit in die Reihe der Tradenten eintrat, die mit Mose uio der sinaitischen Offenbarung begann. Der Nachweis dir Ueberlieferers bedeutete erst die Bestätigung ihrer göttliche 1 Vollgültigkeit. Die mündliche Lehre wußte ja ebenso vo! wertig sein wie die schriftliche. Der Ausdruck: „Diese Lehre ist eine Ueberlieferung an Mose vom Sinai" bedeutete geradez,, daß sie von Gott herrührte, wobei die keusche Ausdruckswei e der Alten den Sinai an die Stelle des offenbarenden Gott:: setzte. Die Formel: „Diese Lehre ist Ueberlieferung an Mo e vom Sinai" war der Nachweis ihrer biblischen Berechtignn „ indem sie auf Mose selbst zurückgeführt wurde. Die ältesten Träger der Ueberlieferung waren die Pn - pheten, deren Worte den Nettesten anvertraut und von diese 1 den Lehrern der Mischna und des Talmud als den Hütern in: 1 Wahrer« der Ueberlieferung übermittelt wurden. Ein bezeichnendes Beispiel für diese Grundanschauung ist der Bericl: über die Entstehung des Hauptgebetes (Meg. 17 b): „Ei: hundertundzwanzig Aelteste, und unter ihnen mehrere Pr: pheten, setzten das Hauptgebet fest", was eine weitere Uebe - lieserung dahin auslegte (Ber. 33 a): „Die Männer der Groß-. 1 Versammlung bestimmten für Israel Lobsprüche, Gebete ui 1 Weihesprüche beim Anfang und Schluß der heiligen Tage." Es war natürlich, daß sich bestimmte Formen und Forme: > der Ueberlieferung ausbildeten. Das Zeugnis vertrauen würdiger Personen, die eine Ueberlieferung besaßen, muß strenger Prüfung unterzogen werden. „Die Weisen in d. Ouaderhalle," d. h. die Gerichtsbehörde zur Zeit des Tempel waren die ersten Prüfer der Ueberlieferungen. „Die Sache kai vor die Ouaderhalle", oder „vor die Weisen in der Ouade> Halle", oder kurz „vor die Weisen", das sind die im talmnd ichen Schrifttum oft wiederkehrenden Einführungsformeln alte Ueberlieferungen. Waren die Ueberlieferungen bezeugt uu geprüft, dann galten sie als echte Ueberlieferung, als „Wah heit." Ihre Erwähnung wurde dann mit dem Satze eii geleitet: „Die Weisen haben als Wahrheit verkündet." Na-. dem Sturze des Tempels bildete das Kollegium der Lehrer i: Jabne die Prüfungskommission für Ueberlieferungen. Eine Nennung der Ueberlieferer war vorerst verhältni mäßig selten. Die Ueberliesernden waren ja zumeist bekanin Zeitgenossen oder vertrauenswürdige Schüler des Meister, von dem sie die Ueberlieferung persönlich erhalten hatten. M : dem Anwachsen des überlieferten Stoffes wurde aber die Abgabe der Ueberliesernden immer mehr üblich und imiw nötiger. So entstanden die langen Traditionsketten zur Bekräftigung des Wahrheitswertes der Ueberlieferung. Der vic - umstrittene Satz in den Sprüchen der Väter: „Machet ein* '1 Zaun um die Lehre" bedeutet meines Erachtens nichts ander: > als: Nehmet nicht unbegründete Ueberlieferungen in die Leh ' auf, fälscht nicht die heilige Wahrheit durch leichtfertige Zi sätze! Es ist also nichts anderes als eine Mahnung zur Vv. sicht bei der Anerkennung mündlicher Ueberlieferungen. Zusammenstellungen der Ueberlieferungen sind verhältnismäßig frühzeitig, wahrscheinlich zu Lehrzwecken für die Schüle