Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 403 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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403 voller körperlicher und geistiger Frische sich erfreuen und der Klang der Friedensglocken bald einen begeisterten Widerhall in ihrem patriotischen Herzen finden. Lin lörirk Ludwig Dhilipplons. er nachstehende Brief, vor 50 Jahren geschrieben — er ist mir von dem Sohne des Schreibers öerrn Professor Dr. Martin Philippson mitgeteilt worden —, verdient auch heute noch eine Wiedergabe, da er eine noch immer brennende Frage behandelt. An wen er gerichtet worden, ist nicht bekannt. Die rüden darin genannten Persönlichkeiten sind vielgenannte belehrte. Treuenfels ist bereits vor Jahrzehnten gestorben, rlemperer, lange Zeit Prediger an der Berliner Reformgenetttbe, vor einigen Jahren dahingegangen. Unsere Leser werden uns gewiß Dank wissen für die Veröffentlichung des wteressanten Dokuments, das aus der Feder des Begründers üeses Blattes stammt. L. G. Bonn, 18. Aug. 65. Geehrter Herr! Sie setzen mit Recht voraus, daß Ihr Bericht Interesse bei mir bewirkt, wenn er auch nichts Besonderes für die Oesfentichkeit enthält. Während meiner Amtirung habe ich mich, im Geiste der Religion und Humanität, sobald ich mich davon überzeugt latte, daß eine volle und lautere Ueberzeugung Wurzel geiißt, nicht abhalten lassen, die betreffende Persönlichkeit zum üidenthum überzuführen, auch wenn das erste Motiv in der Eheschließung lag. Es darf hierbei nicht übersehen werden, wxß sonst auch die Religion des jüdischen Theils und der zu er- .vartenden Nachkommen gefährdet wird. In dem vorliegenden Falle kommt nun hinzu, daß die Eheschließung wenigstens taatsrechtlich schon stattgefunden, das Verlangen also, sich zum judenthume zu bekennen, rein religiöser Natur geworden ist. ,)ch kann daher nicht begreifen, wie ein Rabbiner anstehen ann, die Ueberführung unter den vorgeschriebenen Beengungen vorzunehmen. Sie fragen mich nun, wo und wie dies geschehen könne? Kenn aber nicht in Berlin, so wird sich doch leicht ein anderer Rabbiner, z. B. Dr. Treuenfels in Stettin, Dr. Klemperer in tandsberg a. d. Warthe oder sonst ein anderer dazu verstehen;; * fragt sich nur, ob die betreffende Frau die Mittel besitzt, sich 'nfjin zu begeben, und die Zeit, dort zu verweilen, die der Unterricht bedarf. Vielleicht daß diese meine Erklärung, welche elbstverständlich die Richtigkeit alles dessen, was Sie mir gechrieben, vorausgesetzt, dazu beiträgt, einen Rabbiner zur llornahme der betreffenden Handlung zu bewegen. Achtungsvoll Dr. Philipps» n. Lim?ritgrmähe Ansprache''. Von Rabbiner Dr. Norden in Elberfeld. ie in früheren Jahren, so überreicht auch diesmal unsere Gemeinde ihren Konfirmandinnen ein Buch jüdisch-religiösen Inhalts. Die Wahl des Buches — ich gestehe es offen — ist mir in diesem Jahre nicht ganz leicht geworden, och wollte euch gern ein Werk in die Hand geben, das vom Standpunkt des Judentums aus beherzigenswerte Lehren enthält, die gerade auch für die augenblickliche große, bewegte Zeit besondere Geltung haben. Und so habe ich denn eine kleine Schrift gewählt, die der vor zwölf Jahren gestorbene Moritz *) Aus der Ansprache an die Konfirmandinnen am L’ r st e n Tage des letzten Schow u a u s f c ft e s. Lazarus über den Propheten Jeremia geschrieben hat.") Lazarus gibt uns in seinem Buche ein anschauliches Bild dieses unsterblichen Propheten. Mit der Fackel der Wissenschaft leuchtet er hinein in die Seele des großen Mannes und zeigt uns sein Denken und Fühlen, sein Leiden und Dulden. Zwei Punkte nun sind es vor allem, durch die uns gerade Jeremia zum Lehrmeister wird für die sturmbewegte Gegenwart: Jeremia hat die Liebe zum Vaterland als eine heiligereligiöse Lehre aufgestellt. Er hat diese Liebe gefordert, trotzdem es sich damals gar nicht um die ursprüngliche Heimat handelte, sondern um Babylonien, wohin die Juden doch nur gegen ihren eigenen Willen gezogen waren. Und doch forderte der Prophet: „Wirkt für das Wohl des Landes und betet für es zum Ewigen und seid überzeugt: wenn es ihm gut geht, so wird man es auch euch gut ergehen lassen." Die Liebe zum Vaterland, die Treue gegen die Heimat, in der wir geboren und erzogen sind, ist für uns, nach der Auffassung des Jeremia, nicht nur eine vaterländische, sondern ebensosehr eine religiöse Pflicht. Die zweite Forderung des Jeremia aber, auf die ich euch Hinweisen will, scheint viel schwieriger zu erfüllen zu sein; denn bis auf den heutigen Tag ist es nicht gelungen, ihr zur allseitigen Anerkennung zu verhelfen. Jeremia hat nämlich mit unerbittlicher Strenge und mit leidenschaftlicher Glut Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit in der Politik gefordert.ch Der König Zidkia hatte dem König von Babylon Treue geschworen '); die Minister und Ratgeber des Königs aber drängten ihn fort und fort, sein Wort zu brechen. Da erhob sich Jeremia und verkündete mit glühendem Zorn: Ein König, der sein Wort nicht hält, ist nicht wert, auf dem Thron zu sitzen; ein Volk, das die Bundestreue bricht, verdient den Untergang. Freilich, seine Mahnung verhallte ungehört; man schalt ihn sogar einen Landesverräter und bedrohte sein Leben. Aber heute noch, und gerade heute wieder, hören wir die Stimme des alten jüdischen Propheten, wie er den Völkern der Erde zuruft: „Es ist euer Unglück, daß ihr nicht offen und gerade, nicht ehrlich und aufrichtig seid in eurer Politik. Das Sittengesetz gilt doch nicht nur für die einzelnen Menschen, es gilt doch in gleichem Maße für die Völker und Länder. Wehe einem König, der sein Wort nicht hält! Wehe einem Volke, dasdieBundestreuebricht! Siewerdenihren Ruf und ihr Ansehen einbüßen bei Freund und Fein d."") Und nun noch eine kurze Bemerkung über den Verfasser des Buches, das-wir euch überreichen: Moritz Lazarus war ein hervorragender Vertreter der psychologischen Wissenschaft, der Seelenlehre, und er hat als solcher seine Wirksamkeit entfaltet nicht nur in den Hörsälen der Universität, sondern auch in den Räumen der Berliner Kriegsakademie. Dort haben zahlreiche Offiziere zu seinen Füßen gesessen und haben seinem begeisterten Vortrag gelauscht über die großen Denker und Forscher aller Zeiten und Länder, über die seelischen Vorgänge bei einzelnen Menschen und bei den Völkern. Wer weiß, wie viele unter unseren höheren Offizieren, die jetzt draußen im Felde stehen, wer weiß, wie viele von ihnen in dieser Zeit, die ganze Männer erfordert, mit Dank zurückdenken an ihren einstigen Lehrer der Weltweisheit, der ihren Gesichtskreis erweitert, ihren Charakter gefestigt, ihre ") Pros. Dr. M. Lazarus: „Der Prophet Jeremias." Breslau, Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlags-Anstalt von S. Schottländer. 1894. 3) Siehe die lichtvollen Ausführungen bei Lazarus a. a. O., S. 54 ff. 1) Siehe besonders II. Chrom 86, 13. 5) Die Ansprache ist am 19. Mai während der italienischen Krisis, vier Tage vor Italiens Kriegserklärung an Oesterreich, gehalten worden.