Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 401 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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401 Ich hab^ sie gesehen, die Väter im schwarzen Rundkäppel und weißwallendem Bart, die Patriarchen; die Mütter mit ihrem traurigen Blick: ein Kind an der Linken, ein Kind auf der Rechten, ein Kindchen unterm Herzerl. — Sohn und Bruder sirld Bürger Amerikas. Ich Hab' sie gesehen, die Beth-Haruidrasch, wo Alte und Junge rings um den Tisch an Folianten sitzen und sich mit zerrissener Seele in ein besseres Traunlland versenken. „Amerika! Amerika! Unglücklichstes der Länder!" Du hast aus diesen Städten und Städtchen Tausende und Abertausende Deiner treuesten und fleißigsten Bürger gewonnen, und wenn ihr Brief, ihre Karte in die Hütte der alten Heimat kam, zitterte vor Freude die Hand des Vaters und der Mutter, und die Kleinen drängten sich voll Reagier um das frohe Botschaft bringende Blättchen aus Papier. Lonne und Licht war in der kleinen Gasse. Für Deinen Dollar, den Tu so gern und oft gesandt, für Deinen Gruß brannten die Sabbatlichter durch die enge Stube, und die Augen der Alten blickten dankbar nach Dir. Die Herzen schlugen Dir entgegen und die Gedanken dachten Dein, die Hände falteten und hoben sich zum Segen für Dich, die Lippen der Deinen hier, des Vaters und der Mutter, des Bruders und der Schwester sprachen im Gebet von Dir! „Amerika! Amerika! Unglücklichstes der Länder!" Du hast den Frieden, kämpfst nicht ums- Leben. Nun schickst Du nicht den Dollar, nicht den Brief und nicht das Kartet nach all den traurig-schönen Orten Deiner Kindheit von Libau bis nach Lemberg. Eiserne Geschosse schickst Du durch das Zarenreich; die Augen, die dankend nach Dir geblickt, starren im Wahnsinn der Angst, wenn Deine verderbenstreuenden Grüße donnern; die Sabbatlichter sind verlöscht, Feuer- und Tod ivandelt die Stube in Schutt und Asche. Die Herzen, die Dir entgegen- 'chlugen, brechen, die Hände, die für Dich sich falteten und hoben, sind zerschmettert, der Mutterleib, der Dich getragen, ist zerrissen, die Rippen, die für Dich gebetet, sind stumm geworden: Eisen gabst Dir für Gold, Tod für Leben. Kinder töten ihre Eltern! Amerika! Amerika! Ich rufe Dich! Lin lchlichtrs Mshnwort. Von A. A u e r l> a ch, Berlin. ie „hohen Feiertage",oder bezeichnender genannt: die „Jomim-nauroim" — „die ehrfnrchtsgebietenden Tage" —, stehen vor der Tür, und besonders erwartungsvoll schauen anr ihnen mit heiligem Schauern entgegen. Seitdem der gewaltigste aller Kriege, den je die Menschheit erlebt, mit all seinen Aengsten und Qualen tobt, ist bereits ein volles Jahr verflossen; wiederum werden wir, alt und jung, sehnsuchtsvoll und erbauungsbedürftig uns ins Gotteshaus flüchten und den inneren Frieden für unsere zerrissene Seele suchen, um einige Stunden wenigstens zu vergessen, daß die Welt draußen gleichsam aus den Fugen geht, daß Haß, Neid, Eifersucht, Gewalt und Unrecht kühn das Zepter schwingen und scheinbar der Religion und Ethik ebenfalls ein erbitterter Gegner erwachsen ist. Jeder ernst gestimmte und sittlich veranlagte Mensch hat jetzt starke Konflikte durchzumachen und muß bestrebt sein, das sittlich-religiöse Gleichgewicht sich zu erhalten, um nicht irre zu werden am Sinn, Zweck und der Bedeutung des Gebens. — Wer vermag eine befriedigendere und erlösende Antwort zu geben auf all die rätselhaften Fragen, die gerade jetzt auftauchen, als die Religion, so der Glaube an ein göttliches, gerechtes und gütiges Walten nicht völlig erschüttert ist, der quälende Zweifel oder gar der törichte Glaube an einen blinden Zufall nicht von uns Besitz genommen hat. Soll „die Seele zu ihrer Ruhe zurückkehren", der Glaube, daß „Gott uns wohlwill", nicht erlöschen, so darf das beseligende Gefühl der Gottesgemeinschaft, der engsten Zusammengehörigkeit zu ihm trotz Not und Tod uns nicht verlassen. „Habe ich nur dich, so frage ich nicht nach Himmel und Erde," ist immer noäh das Tiefste, was eine Religion als Trosteswort »ns zngerufen, wenn wir das Unrecht triumphieren sehen. Sollen wir aber nicht nur „andächtig schwärmen", sondern auch religiös erleben, uns religiös betätigen, so müssen wir jenes andere Psalmenwort auf uns einwirken lassen: „Ich freue mich, so man zu mir spricht: Auf, laßt uns ins Gotteshaus wallen!" — Besonders au unsere Jugend sei dieses Mahnwort gerichtet. Gelegenheit wird ihr dank der Fürsorge und Umsicht unserer Großgemeinden, insbesondere unserer Berliner, in reichlichstem Maße gegeben. Seit vielen Jahren hat sich die treffliche Einrichtung des Jugendgottesdienstes für die hohen Festtage wohl bewährt und Tausende von Kindern beiderlei Geschlechts vor religiöser Verwahrlosung und Verwilderung geschützt. Die Erfahrungen früherer Jahre nutzend, hat die Gemeinde den Gottesdienst immer weiter ausgebaut, immer größere Kreise gezogen, ihn den Bedürfnissen der hierfür in Betracht kommenden Jugend immer mehr angepaßt. Hand in Hand damit geht die Pflege des Religionsunterrichts im allgemeinen, damit möglichst kein Kind ohne religiöse Versorgung zu bleiben braucht, so es ihm sich nicht geflissentlich — leider oft genug mit Einwilligung der Eltern unter Vorschützung aller möglichen oder besser unmöglichen Gründe — von einem Alter ab entzieht, wo die Unterweisung erst recht beginnen sollte. Diese wohlberechtigte Klage über die religiöse Gleichgültigkeit vieler Eltern trotz des Ernstes und der Größe der Zeit, wo ein jeder eigentlich nach diesem lebendigen Quell lechzen sollte, „wie eine Hindin dürstet nach sprudelndem Wasser", sei hier nur gestreift; sie erfordert eine eigene Betrachtung! Ihr Eltern, die Ihr Eure Kinder mit den wertvollsten inneren Gütern ausstatten wollt, die Ihr nicht nur ihren Kopf aufhellen, sondern auch ihre Seele erwärmen wollt, die Ihr darauf bedacht seid, Lehrer und Prediger in ihrer dankenswerten Ausgabe zu unterstützen, sie die große Zeit begreifen zu lehren, haltet sie nicht vom Gotteshause fern, entziehet ihnen nicht die Wohltat des Religionsunterrichts für die ganze Dauer der Schulzeit, entsendet sie in hellen Scharen in die Andachtsstätten, auf das sie nicht des Gottesdienstes sich völlig entwöhnen und ganz verlernen zu beten. Auch „aus dem Munde der Kinder hast du die Macht gegründet". Es darf und soll nicht Vorkommen, daß Eltern aus Furcht vor der nahe bevorstehenden Versetzung ihre Kinder selbst diese drei Tage zur Schule schicken. Was sie bis dahin nicht erreicht haben, das schassen sie in diesen paar Stunden nicht mehr. Mit welchen Augen, glaubt Ihr, betrachten andersgläubige Lehrer und Schulleiter Euch und Eure Kinder, so Ihr im Uebereifer sie än den heiligsten Tagen des Jahres am Unterricht teilnehmen lasset. Das imponiert nicht und verschafft ihnen wahrlich keine bessere Note. — Aber erbärmlich kommt Ihr manchem vernünftigen Lehrer vor, der Eure religiöse Gleichgültigkeit nicht begreifen kann. Wollt Ihr warten, bis der Ordinarius, moralisch entrüstet, sie aus freiem Antriebe nach Hause oder direkt in unser Gotteshaus schickt? Heutzutage, wo draußen so viele Feldgottesdienste abgehalten werden, dürfen die jugendliches Beter auch daheim in den Andachtshäusern nicht fehlen! Ihr könnt getrost die Versicherung hinnehmen, daß sie gebessert, geläutert, gereinigt, belehrt und erbaut ins Elternhaus zurückkehren. Aber noch eins! — Unterstützt uns Lehrer, Jugendgottesdienstansprachler und Prediger darin, daß die Kinder sich innewerden des Ausspruches: „Wisse, vor wem du stehst!" — Sorget mit dafür, daß alles Alltägliche, Unernste, Kleinliche weit hinter ihnen bleibt; helfet sie vorbereiten auf den „Ton", der im Gotteshause herrschen muß, wo wahre Andacht nicht fehlen soll. Am Betragen des Kindes in den Andachtsstütten wird sich immer zeigen, aus welchem Kreise es stammt, welcher Geist und welche Sitte im Elternhause walten. In Erinnerung an so viele Väter, die draußen vor dem Feinde stehen,