Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
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400 ist nur eine kleine Zahl von Wählern, die selbst diesen Miudestbetrag aufbringen können, die große Masse des Proletariats besitzt daher kein Stimmrecht. Diese große jüdische Gemeinde besitzt nicht einmal einen Rabbiner. Seit dem Tode des großen Bo risch Meifel s war zwar kurze Zeit der sehr gelehrte Rabbi Jekil Gesundheit an dessen Stelle, indessen konnte er sich nicht behaupten, da er mehr Gelehrter und weniger Diplomat und Politiker war, wie dies aus diesem Posten erforderlich ist. Vom religiösen Standpunkte uns kann man die Juden Warschaus in drei Klassen einteilen: in vollkommen Konservative, die in [yorut, Tracht und Sprache ganz an dem Uralt-Hergebrachten hasten, in Konservative, die Mittelalter und Asien schon vielfach abgestreift haben, und in ganz Fortgeschrittene, scheinbar waschechte Polen -- nur mosaischen Bekenntnisses. Tie letzteren halten sich von den anderen vollständig fern, haben ihren eigenen Rabbiner, der meistens sogar schon „Doktor der Philosophie" ist, ititb ihre besondere Synagoge, die im Jahre 1<S7(> mit Genehmigung des Zaren Alexander II. auf dem schönsten Platze der Stadt erbaut wurde. Die Predigten tu diesem Tempel werden in polnischer und deutscher Sprache gehalten. Die Konservativen behelfen sich mit Rabbinatsbeisitzern, sogenannten Dajonim, die von der Behörde ermächtigt sind, Trauungen zu vollziehen, Geburten zu bescheinigen itnb überhaupt die Standesämter zu führen. Jeder Stadtbezirk besitzt seinen Dnjon, der von der jüdischen Gemeinde gewählt ist. Außer den genannten drei Klassen gibt es unter den Juden noch eine große Anzahl von Ehassidim, die unter der Gewalt ihrer meistens außerhalb wohnenden Rabbis stehen. Merkwürdigerweise gab es früher auch eine große Anzahl von Juden, die von echter russischer Vaterlandsliebe beseelt waren, meistens solche, die lange im Innern Rußlands gewohnt haben: mit dem Einsetzen der Judenverfolgungen indessen erzielte die russische Regierung eine eigenartige Wirkung: aus den früheren russischen Patrioten wurden die, die von ihrem Judentum nur höchst selten Gebrauch machten, plötzlich j ü d i s ch e Patrioten, und zwar Zionisten; namentlich bei der jüdischen Jugend fand die zionistische Bewegung rasch Eingang, auch half diese Bewegung die altkonservativen Kreise zu europäisieren. Schulzwang, Volksschulen oder ähnliche Dinge sind in Warschau unbekannte Sachen. Einige wenige Elementarschulen, die vorhanden sind, nehmen fast gar keine Juden auf. Dagegen gibt es, wie in ganz Rußland, die sogenannten Melamdim, Schulmeister, die aus eigene Rechnung und Gefahr Schulstuben unterhalten, das berühmte „Eheder"; dort wird aber nur Hebräisch gelehrt. Mehrere Privatrealschulen, mit jüdischem Kapital gegründet, nehmen eine beschränkte Anzahl jüdischer Schüler auf. Rur eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Juden gibt es in Warschau, von denen mau wirklich sagen kann, daß sie vermögend sind; es sind dies einige Großindustrielle, wie Znckerfabrikanten, Spinnerei- und Webereibesitzer und Unternehmer von Glashüttein Eine große Menge von Juden setzt sich aus Kleinhändlern, Gewerbetreibenden, Handwerkern und Straßenverkäusern zusammen. Tausende von Vermittlern leben von der Hand in den Mund, sind sogenannte Luftmenschen. An Wohltätigkeitsanstalten ist Warschau im Verhältnis zu seiner Bevölkerung recht arm. Die große Menge der Armen ist sich vollständig selbst überlassen, daher die ungeheure Zahl der Parias, denen man in Warschau auf Straßen, Höfen und freien Plätzen allenthalben begegnet. Die seit der Zeit der Pogrome und der Ausweisungen aus den Gouvernements Alt-Rußlands, in denen Juden „eigentlich" nicht wohnen dürfen, stillschweigend aber Jahrzehnte hindurch zugelassen waren, nach Warschau zurückgetriebenen Juden haben auch in diesen Verhältnissen manche Besserung herbeigeführt. Ihnen ist and) die Gründung der Vereine „Tomche Anijim" und „Somech Roflim" zu verdanken, Unterstützungsvereine für heruntergekommene und anständige Arme. Außerdem unterhalten diese eine lebhafte Bewegung zugunsten der Umgestaltung der Wahlordnung sowie auf allen übrigen Gebieten des Gemeinwesens. Die Konservativen unterhalten keine große gemeinsame Synagoge, verteilen sich vielmehr in kleinere sogenannte „Minjanim", das sind Gebetsversanunlungen, die in gemieteten Räumlichkeiten ihren Gottesdienst verrichten. Ehassidim und Strengkonservative lassen ihre Söhne ausschließlich in Bibel und Talmud unterrichten, von weltlichen Dingen aber streng fernhalten, während sie ihren Töchtern hingegen gestatten, Gymnasien und Universitäten zu besuchen. Solche Erziehungsweisen führen naturgemäß zu großen Gegensätzen innerhalb der Familien; die neuzeitlich angehauchten Mädchen wollen keinen weltfremden jungen Mann mit Kaftan und Löckchen zum Manne nehmen, häufig laufen sie heimlich fort und verloben sich nicht selten mit Nichtjuden. Sehr viele „jiddischen" Theaterstücke, die der berühmte Goldfaden versaßt hat, behandeln diesen Stoff. Auf der Bühne besteht das gute Ende fast immer darin, daß der anscheinend weltfremde Jüngling, der heimlich andere Dinge getrieben hat, im Grunde ein hochmoderner Mensch ist, der seinen Gorki und Tolstoi mindestens so gut kennt wie seine -Freundin, die ihn dann mit Wonne heiratet. Im Leben aber stellt sich die Sache meist anders dar . . . Zum Schluß sei noch bemerkt, daß die polnische Bevölkerung noch jetzt viele Familien ausweist, die, von den „Frankisten" abstammend, offiziell als Katholiken leben, im geheimen aber noch manche jüdische Gebräuche beobachten. * Aus Wien erhalten wir folgende Zuschrift: Der Krakauer „Ezas" veröffentlichte am 28. Juli einen vom gewesenen Landtagsabgeordneten Tr. Jan H u p k a unterfertigten Artikel über die Verhältnisse in Lemberg,' in dem er schwere Anschuldigungen gegen das Verhalten j ü bischer Bewohner in Lemberg während der russischen Invasion erhebt. Der Reichsratsabgeordnete Reizes sah sich veranlaßt, gegen diese nur aus Grund absichtlich falscher Informationen möglich gewordene Beschuldigung energisch zu protestieren. Tein von dem genannten Abgeordneten an Dr. Hupka gerichteten Schreiben entnehmen nur folgendes: „Ihre Informatoren, auf deren Absichten hier nicht näher eingegangen werden soll, die gegen die jüdischen Bewohner in Lemberg empörende Beschuldigungen erhoben, haben zielbewußt gelogen. Ihre Informatoren werden aber ihren Zweck nicht erreichen, denn glücklicherweise wurden die patriotische und loyale Anhänglichkeit der Juden an den Staat und die tapfere und männliche Haltung gegen den Feind während der russischen Invasion in Galizien von maßgebenden Faktoren unbestreitbar festgestellt. Die Juden, die schrecklichen Leiden und Qualen, die ein neues glorreiches Blatt der jüdischen Martyrologie bilden werden, ausgesetzt waren, gehen über die verleumderischen Anschuldigungen zur Tagesordnung über und finden es unter ihrer Würde, sich gegen diese zu verteidigen." # Der V e r b a n d d e r d e u t s ch e n I u d e n versendet nachstehenden Aufruf vom Feldrabbiner Dr. L e v i zur Verbreitung im neutralen Ausland. Er geht aus von der Tatsache, daß amerikanische Geschosse von den Russen in die Polnischen Städte geschleudert werden, in denen sie die Deutschen vermuten: Hier blitzt Feuer und Gift hin und her, empor und hernieder weithin durch Tausende von Meilen: In der Alten Welt ist Krieg. Wir müssen und werden kämpfen und werden uns wehren, weil wir leben wollen, wie unser Gott es uns bestimmt hat. Wir geben hin, was wir vermögen, im Kampf um unser Leben. Rur drüben überm großen Teich ist Friede: Schalom! Amerika fast allein hört nicht das Donnern der Geschütze und Krachen der Geschosse. Dort klirrt es nicht von splitterndem Stein und Eisen, dort klingt ein seiner fruchtbar-goldener Regen. — Goldener Frieden! Aber hineinrufen möchte ich's in jenen goldenen Frieden da drüben, daß es in alle Ohren gellt und daß jedes Herz erbebt: „Amerika! Amerika! Unglücklichstes der Länder!" Amerika? Unglücklichstes der Länder? Amerika ist das freieste Land! Unbegrenzt ist dort das Können und das Streben! — Und jeder unserer Verwandten, der drüben war und herüberkam. erzählte uns, daß wir gespannt und mit Pochendem Herzen lauschten. Wer hier in der Alten Welt das Glück nicht erraffen und nicht erjagen konnte, drüben hat er's gefunden. Amerika? Unglücklichstes der Länder? „Amerika! Amerika! Unglücklichstes der Länder!" Ich häb' sie gesehen in Polen die Städtchen und Städte, aus denen Hunderttausende und Aberhunderttausende seit Jahren und Jahrzehnten fortgezogen sind hinüber zu Dir, Amerika, aus denen sie fortgeschlichen, niedergedrückt vom kleinen und doch so schweren Päckele, um drüben sich anfznrichten lind Menschen zu sein. Ich Hab' sie gesehen, die kleinen, halbzerfallenen Hütten, wo die, die drüben sind, als Kinder — noch gespielt haben, aus denen sie sortgezogen, um drüben Häuser und Paläste zu haben.