Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
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399 sollen Erfolg haben wird. Deutschland wird abermals seinen 'cften Entschluß, unter allen Umständen bis zum endgültigen?iege durchzuhalten, durch die Tat bekunden. * Unter der Überschrift „Ein Dokument der Schande des Zarismus" publizierte die „Voss. Ztg." einen ihr aus Petersurg (indirekt), 9. August, übermittelten Bericht über russische Scheußlichkeiten, der durch eine Interpellation in der Duma nr Erörterung gekommen ist, aber von der Regierung veroten wurde. Die darin angeführten beglaubigten Daten sind eradezu schauererregend und gewähren uns einen Einblick in ie entsetzliche Lage unserer unter dem Joche des Zarismus llfzenden Glaubensbrüder. Der Bericht lautet wie folgt: Bekanntlich hatte die russische Regierung die Ausweisung der gemten jüdischen Bevölkerung aus den kriegsbedrohten Landesteilen igeordnet, und die Interpellation sührt an, wie diese Ausweisungen or sich gegangen sind. Die Räumung mußte in der Regel binnen! Stunden erfolgen, so das; die Ausgewiesenen säst ihr gesamtes nt znrücklassen mußten, das dann unter der Duldung oder auch Mitwirkung der Polizei und der Militärbehörden ausgeraubt wurde, ie Ausgewiesenen wurden in Güterwaggons gesperrt, deren Türen wmbiert wurden. Die sogenannten „.Judenzüge" hielten auf manchen, urchgangsstationen mehrere Tage, ohne daß den eiugesperrten mnnern, Frauen und Kindern die Erlaubnis gegeben worden wäre, c Waggons zu verlassen. Nicht einmal in die Waggons hineinreicht durfte etwas werden. Auf der Station Uretscha hielt ein rartiger Bahnzug volle zehn Tage, und als man dann die Waggons niete, fand man darin sechzehn Scharlachkranke und acht Fleckphuskrante. Auf der Station Homel wollten die jüdischen, aber ach christliche Einwohner den in den Biehwaggons tagelang Ein- 'perrten helfen, die wie wahnsinnig nach Brot und Wasser schrien, wer die den Zug bewachenden Gendarmen drohten, auf die Helfer - schießen, die mit Wasserkrügen herbeigeeilt waren. Dasselbe gegah auf der Station Belitza. .In Nowoshbkow wollten die dortigen anoratioren sich telegraphisch bei den höheren Behörden für die e rschm achten den. Kranken und Sterbenden verwenden. Das Teleimmit wurde jedoch zurückgehalten ltnb sämtliche Unterzeichner n haftet. In vielen Städten wurden die vornehmsten Juden als eiseln in die Gefängnisse gesperrt, wo sie noch heutigentags uuachten. Es sind zahlreiche Fälle vorgekommen, wo ein sogenannter idenzug nach wochenlanger, qualvoller Fahrt endlich an seinem Beinmungsort angelangt war, aber die ebenso qualvolle Rückreise ltreten mußte, weil der betreffende Gollverneur die Ausladung cht gestattete. Rlehrere jüdische Frauen waren während dieser öllenfahrt. niedergekommen in verschlossenen und plombierten aggons, wo Männer, Frauen und Kinder ohne Speise und Trank gelang zusammengepfercht waren. Alle Schreie um ärztliche Hilfe utzten nichts, und männliche und weibliche Leidensgenossen mußten lsen. Unter den Ausgewiesenen und in Biehwaggons Verladenen landen sich Schwerkranke und Kreißende, die ächzend und stöhnend die bereitstehenden Züge geschleppt wurden. Selbst Irrsinnige, e in Krankenhäusern und Irrenanstalten sich bei Veröffentlichung v Ausweisungsdekrete befanden, wurden von dort in die Juden- .'ge verladen, zusammen mit den Gesunden. Die Haare stehen uem zu Berge, wenn man die von Hunderten christlicher und un- 'U'dächtiger Zeugen erhärteten Angaben der entsetzlichen Jnterl llation liest. Der Dumaabgeordnete, einer der Mitunterzeichner er Interpellation, der mir die Abschrift übermittelte, schreibt mir ->ter anderem: Unsere lieben englischen Bundesgenossen sammeln Zausende und Abertausende, um für Negerkinder kulturbringende endenschürzen anzuschaffen. Die mitverLüudeten französischen Bourrois veröffentlichen Bibliotheken über deutsche Greuel. Wir selbst rtlären, wir kämpften für Kultur und Freiheit. Zeigen Sie der och objektiv gebliebenen Welt, wie der Zarismus mit seinen eigenen lntertanen, seinen „lieben Juden", verfährt. Ich tue dies ohne wmmentar, der den Urtext des Grauens nur abschwüchen würde. * Demselben Blatt entnehmen wir auch nachstehenden Artikel. Deutsche und Juden in Polen. Mit der Einnahme Warschaus ist nicht nur die polnische, sondern ulch die Frage der Ostjuden in ihrer ganzen Bedeutung für die deutsche Politik in den Vordergrund gerückt. Warschau ist das größte jüdische Zentrum Europas, das zweitgrößte in der Welt. Die jüdische Bevölkerung der Stadt betrug rin Jahre 1910 306 OGI Seelen und machte mehr als 30 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Warschau ist das Herz des Ostjndentums, die Metropole jüdischer Kultur; dort erscheinen die meisten jüdischen und hebräischen Zeitungen, deren Gesamtallflage etwa eine halbe Million Exemplare erreicht; von dort gingen die wertvollsten Anreglmgen auf dem Gebiete der jüdischen Literatur und Wissenschaft aus. Denn speziell in Warschau gibt es eine breite Mittel- und Oberschicht von gebildeten Juden: Großkaufleute ulld Industrielle, die an der Kultur uud der Sprache ihres Volkes festhaltell, sowie Akademiker llnd hochgelehrte Rabbiner. Durch die Einnahme von Warschau finb die Juden in Polen von der russischen Knechtung erlöst; sie sind von der Hoffnung getragen, daß ihre politischen und sozialen Bestrebungen nunmehr in Erfüllung gehen werden. Warschau ist keine rein-polnische Stadt mehr, denn neben dem großen Prozentsatz der Juden gibt es auch noch eine allsehnliche Zahl von Deutschen. Zusammen machen Deutsche tntb Juden die Mehrheit der Warschauer Bevölkerung aus, so daß sich das Majoritätsverhältnis im Vergleich mit anderen polnischen Zentren (Lodz) zilunguusten der Polen verschiebt. Es liegt im deutschen Interesse, diese Tatsache mit allein Nachdruck zll betonen. Welche staatsrechtliche Stellung Warschau in Zllkllnft auch einuehm-en möge, die Rechte der deutschen und jüdischen Bevölkerung lverden dort geschützt werden müssen, weil dieser Schutz für das Gedeihen der Stadt und für die Kräftigung des Deutschtums hit Osten von allergrößter Bedeutung ist. So wird auch ohne Zweifel das große Wert der Verwaltung Warschaus auf Grund der gerechten und großzügigen Städteordnnng, die Gelleralfeldmarschall v. Hindenburg für die von den Delitschen besetzten östlichen Städte erlassen hat, in vollem Einklang mit der Tatsache durchgeführt werden, daß die Warschauer Bevölkerung eine gemischt-nationale ist. Den Bedürfnissen der verschiedenen Rationalitätell der besetzten östlichen Städte ist schon jetzt in verständnisvoller Weise Rechnung getragen worden. Die Juden Warschaus hatten unter der russischen Gewaltherrschaft, der sich der polnische Boykott zugesellte, unendlich viel zu leiden. Dieser Boykott war die Folge des Versuches der Juden, ihre Interessen in der Reichsduma durch die Wahl eines nichtantisemitischen Polen durchzusetzen. Zu den Leiden der Juden während der „Friedenszeit" kamen noch die ungeheuren Drangsalierungen der unglücklichen Bevölkerung durch die russischen Behörden und die Soldateska, die sie der Deutschsreundlichkeit bezichtigten. Die allgemeinen Unbilden des Krieges verschlimmerten vollends die Lage. Nunmehr bricht aber eine neue Aera int Leben der östlichen Juden an. Das allgemein-kulturelle und wirtschaftliche Leben wird, durch keine Hindernisse gehemmt, unter deutscher Zucht und Ordnung die größte Blüte erreichen. Gerade für die Juden bedeutet der siegreiche Vormarsch der Deutschen nicht nur einen politischen Wechsel, sondern vor allein einen engeren Anschluß an die den Juden längst wohl vertraute deutsche Kultur. Sprechen doch die Juden des Ostens einen deutschen Dialekt, den Jargon. Dies ist die Sprache, die sie vor Jahrhunderten aus ihrer deutschen Heimat mitgebracht und mit großer Treue und zäher Widerstandsfähigkeit gegen alle fremden Einflüsse bewahrt haben. Diese Kultur- und Sprachgemeinschaft der Deutschen uud der östlichen Juden eröffnet dem Deutschtum in Polen weite Entwicklungsmöglichkeiten. * lieber die Juden im heutigen Warschau wird uns folgendes geschrieben: Wenn in einer Stadt — wie dies in Warschau der Fall ist — sich unter 900 000 Seelen ca. 300 000 Juden befinden, so kann mau sich wohl vorstellen, daß die letzteren in Stadt- und Gemeinwesen eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Und in der Tat, bei allen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ereignissen, bei beit Kämpfen zwischen Nussentum und Polentum, immer bildeten die Juden das Zünglein an der Wage, bald eifrig umschmeichelt von der einen, bald heftig bekämpft von der anderen Seite, meistens aber von beider; bekämpft und getreten. Man mag sich daher vorstellen, wie schwer der Stand des Vorstandes einer solchen Gemeinde ist, der die Interessen der jüdischen Bevölkerung nach außen hin zu wahren hat. Er wird auf drei Jahre gewählt, aber Wahlrecht besitzen nur diejenigen, die mindestens 15 Rubel Gemeindesteuer zu zahlen imstande sind. Es