Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
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398 eine Epoche des Glückes und des Friedens, so war seine Zufunft durstig und trostlos. Alle Seligkeit, alle Höhen des Menschengeschlechts lagen ihm rückwärts; vorwärts nichts als Versunkenheit und Elend. Selbst nach dem Tode erwartete es nur ein ödes Vergessen und einen Zustand zwischen Sein und Nichtsein, einen Zustand der Ohnmacht in seinem Hades. Von einer dereinstigen Erhebung, Veredlung, von einem Fortschritt der Menschheit findet sich kaum eine Ahnung. Eine veredelte Zukunft für das Erdenleben, eine geistigere, sittlichere Aeka der Menschheit noch hienieden kennt und lehrt einzig das Judentum. Diese frohe Botschaft an die Menschheit, die Verheißung einer lichteren Zukunft der Geschichte hebt an mit dem Bunde und dem Segen Abrahams, setzt sich fort durch die Patriarchenzeit und erreicht ihren höchsten Glanz mit dem Verfalle des politischen Reiches in den Verkündigungen der Propheten. Die prophetische Offenbarung lehrt uns eine immer Heller und Heller aufsteigende Zukunft, eine immerdar wachsende Erkenntnis, eine stetige Veredlung des humanen Lebens, das seinen Scheitelpunkt im Messiasreiche erreicht. Das Wesenhafte dieser Epoche ist der Sieg der Freiheit über die Gesetze des Instinkts, die Herrschaft der Sittlichkeit über die Sinnlichkeit, die allgemeine Ueberzeugung von der Kraft des Geistes und seines Sieges über das Reich der Materie. Dieses Ideal erscheint zwar eingeschlossen von dem Rahmen der damaligen Zeitbegriffe, allein die fortschreitende Weltanschauung hat während jenes Abschlusses des prophetischen Zeitalters bis zu einer solchen Stufe sich erhoben, daß der Geist der Gegenwart zwischen relativer und absoluter Wahrheit zu scheiden, somit jenes Ideal in seiner ewigen Gattung auszustellen vermag. Sir Mache. Berlin, den 18. August. as Vordringen unserer und unserer Verbündeten Truppen in das Innere des Zarenreiches schreitet unaufhaltsam fort. Der zähe Widerstand, den die Russen unseren vorschreitenden Kräften entgegensetzen, erweist sich vergeblich. Freilich scheint es, als ob Nikolai Nikolajewitsch nach dem Falle Warschaus und der Eroberung Pragas alle noch verfügbaren Kräfte auf dem nördlichen Kriegsschauplatz, d. h. auf der Linie Kowno—Mitau—Riga, einsetzte, um hier eine Umklammerung oder einen Durchbruch unseres linken Flügels zu erreichen. Allein besonders bei Kowno hat die letzte Woche uns, selbst nach russischen Eingeständnissen, weiter gefördert, und heute trifft die erfreuliche Nachricht ein, daß Forts von Nowo-Georgiewsk erstürmt sind, Kowno gefallen und reiche Beute an Gefangenen und Geschützen gemacht worden ist. Ossowiez hält sich zwar noch immer, dafür ist am lü. August die Festung Lomza in unsere Hände gefallen, und im Laufe der Woche hat sich unsere Linie um ein gutes Stück dem immer mehr bedrohten Bialhstok genähert. Siedlez, bas noch vor etwas mehr als einer Woche als der nunmehrige Sitz der russischen Behörden bezeichnet wurde, ist am 13. August durchschritten, während direkt südlich davon am Tage vorher auch Lukow von der Armee des Prinzen Leopold besetzt wurde. Die wichtige Verbindungslinie Lukow—Siedlez ist somit in unserer Hand. Von großer Bedeutung ist, wie die Tageszeitungen hervorheben, daß nunmehr die gegen Osten vordringende deutsche Linie überall miteinander Anschluß erreicht hat. H i n d e n b u r g, Prinz Leopold und Mackens e n dringen also, eine ununterbrochene Kette bildend und so die feindlichen Heeresteile vor sich herschiebend, konzentrisch auf die Linie Brest-Litowsk—Bialhstok zu. „Siegreich vorwärts auf der ganzen Front" lautet der allerletzte Bericht. Im Westeu haben die Engländer, anscheinend um dem bedrängten Bundesgenossen wenigstens ihren guten Willen zu zeigen, auf dem flandrischen Kriegsschauplätze bei Hooge einen Vorstoß gemacht, der ihnen aber trotz alles Siegesschreiens nur ein paar hundert Meter unserer Schützengräben in die Hände brachte. Während der mittlere Teil der gewaltigen Westfront in der vergangenen Woche verhältnismäßig ruhig lag, haben die Franzosen ihre Angrifsstätigkeit in den Vogesen fortgesetzt, aber sie haben noch weniger als ihre Verbündeten bei Hooge erreicht. Ebensowenig wie Franzosen und Engländer im Westen konnten die Italiener auf ihrem Kampfplatz den Russen irgendwelche indirekte Entlastung schaffen. Ihre Angriffe haben in der letzten Woche merklich an Kraft nachgelassen, und man darf wohl die Ueberzeugung aussprechen, daß es ihnen ebensowenig wie bisher gelingen wird, die österreichischen Linien zu durchbrechen. Für die Lage an den Dardanellen haben Enver Paschas Erklärungen, die die Tagespresse ausführlich mitgeteilt hat, erneut die ruhige Zuversicht verstärkt, mit der wir dem heldenmütigen Kamps unserer Verbündeten zuschauen. Tie ungeheuren Verluste der englischen Landungsarmee dürften von Enver Pascha, der von drei fast aufgeriebenen Divisionen spricht, nicht zu hoch eingeschätzt werden. Von der Presse des Auslandes sind letzthin wieder falsche Friedensgerüchte in Umlauf gesetzt worden. Ihr Zweck war, wie das „Berliner Tageblatt" richtig bemerkt, durchsichtig. „Da selbst die fixesten Zeitungsstrategen in London und Paris unsere Erfolge im Osten nicht mehr in russische Erfolge umzudichten wagen, so sollte es so dargestellt werden, als hätten wir unsere Siege — im Zustande völliger Erschöpfung errungen und seien nun genötigt, bei den Besiegten demütig um Frieden zu bitten. Die deutsche Regierung hat wohlgetan, diesen nicht eben geistreich erfundenen Unsinn mit einer Handbewegung beiseite zu schieben. Nebenbei aber sind diese Erfindungen doch auch ein Zeichen der Zeit. Man beschäftigt sich in den Kreisen unserer Gegner mit Friedensgedanken, was man bekanntlich bisher weit von sich gewiesen hatte, bevor nicht Deutschland „niedergerungen" sei. Man kann sich schon einen Frieden als möglich vorstellen, der auf die völlige Niederringung verzichtet. Nun, das ist immerhin ein Fortschritt, wenn auch noch keiner, auf Grund dessen ein Friedensschluß denkbar ist, wie wir ihn annehmen könnten. Der beginnt erst da sichtbar zu werden — auch das hat die deutsche Regierung durch den Mund des Reichskanzlers neuerdings betonen lassen —, wo unsere Gegner einsehen, das; eine Fortsetzung des Krieges keinen Zweck mehr hat, weil sie sie von ihren Zielen nur immer weiter entfernen würde." In diesem Zusammenhang sei noch die fortgesetzte Bemühung des Vierverbandes erwähnt, die Balkanvölker zum Neutralitätsbruch zu verleiten. Man darf ruhig behaupten, daß, wie bisher, auch künftighin alle diesbezüglichen Versuche und Anstrengungen unserer Feinde an dem festen Willen der Balkanstaaten, in ihrer Neutralität zu verharren, scheitern werden. Die Stimmung in Bulgarien ist fast durchweg russenfeindlich, in Griechenland herrscht seit einigen Tagen gegen England und seine Verbündeten allgemeine Empörung, und selbst dcw schwankende Rumänien dürfte letzten Endes den Hoffnungen und Wünschen unserer Feinde, die, von Selbstsucht und Eigennutz geleitet, dem mörderischen Krieg noch weitere Opfer zuführen möchten, eine schwere Enttäuschung bereiten. Die schweren Opfer an Gut und Blut, die wir bisher ge bracht, sind nicht vergeblich gewesen. Nicht nur auf dem Kriegsschauplatz, sondern auch in der Heimat hat Deutschland mächtige Siege errungen; es zeigt sich auch auf wirtschaftlichem Gebiete kräftiger als feine Feinde, deren prahlerischen Worten kaum nennenswerte Taten folgen. Wir zweifeln daher nicht, daß auch die angekündigte neue 10-Milliavden-Anleihe einen