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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-20 · Heft 34 (20.8.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 34 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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9. Jahrgang Nr. 34 Berlin, 20. August 1915 Allgemeine eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Ahonnements-Pre^s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT. — Postscheckkonto 324:. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Phiiippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Kats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Buäolk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-<*9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Httfltfllt4’ in der Geschichte. Vvrr Dr. 23. Sel igkolvitz, Köthen. — IjUIJuU* Tie Woche. — Ein schlichtes Mahnwort. Bon A. Auerbach, Berlin. — Karvline v. Gomperß-BetteUieim. Bon Reg ina Ne ißer. — Ein .'ries Ludwig Philippsons. Bon L. G. — Eine zeitgemäße Ansprache. Bon 'r'abbiner Dr. Norden, Elberfeld. — Bachers Enzyklopädie der mündlichen leberlieferung. Bon Tr. Rieger, Hamburg.— Die „Wohltaten" des Hauses Romanow. BonLeo Echeinhaus. —Feuilleton: Der lange Rock. Roman on2lnna Goldjchmidt. — Literarische Mitteilungen. — Vüchereinlaus. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judenims"). Berlin, Arnswalde, Königsberg i. Pr., Posen, Breslau, Leipzig, egensburg, Gießen, Konstanz. Haag. Wien, London. — Von Nah und Fern. Gatt in der Geschichte. Von Dr. B. Seligkowitz, Köthen. n unserer schweren prüfungsvollen Zeit, wo sich eines \ der größten geschichtlichen Schauspiele vor unseren Augen entrollt, denkt man an die Philosophie der Gepichte und leicht fällt einem dabei das geflügelte Wort ein: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht." — Diese Ahnung nes göttlich geordneten und göttlichen offenbarenden Ganges .'r Weltgeschichte ist die ursprüngliche göttliche Ausstattung es Menschen. — Alle Völker, welche aus tierischer Dumpfheit wachen und sich über den Drang der Notdurft erheben, agen in sich die Ahnung und den Glauben, es wohne der lenschheit ein göttlicher Beruf inne; sie haben ein göttliches iel vor sich, wie ein göttliches Beginnen hinter sich. Wie die rde, ein Stern unter Sternen, sich im Aether um einen festen chten Mittelpunkt bewegt und in immer regem Schwünge iesem Lichte ihre Höhen und Täler in geordneter Folge zuendet, so bswegt sich in der Tat nach dem allgemeinen Glauben er Völker die Menschheit durch Nebel und Finsternis hindurch n die unveränderliche Sonne der Vernunft und Liebe. Aber icht unbewußt, wie jene Gestirne in ihrem Umschwünge durch en Raum, vollbringt der Mensch seinen Gang durch die Zeit, >»dern als mitwissend. Er wird sich bewußt des Gottes in un als des Guten, und dieses heißt sein Gewissen. Das ist ein Utwisser von dem Gedanken jener ewigen Vernunft und iebe; denn die Menschheit ist nicht allein das Gedicht, das die vttheit in ihrem ewigen Gedanken gedichtet und in der Zeit useinandergefaltet — sie ist auch selbst der Dichter dieser Entiltung der göttlichen Idee in der Zeit. — Die Erde vollbringt Iren tagtäglichen Umlauf um die Sonne, indem sie sich Abst um sich schwingt, und sie kennt keinen Fortschritt als »rch diesen Umschwung. Sie wird aber doch mit allen brigen Planeten fortgerissen in die große fortschreitende Belegung des Sonnensystems, welches nach einem sicheren 'cittelpunkte hinzieht. — In gleicher Weise dringt die Menschheit vorwärts, indem Licht und Schatten wie Tag und Nacht ui ihren Teilen wechseln; der einzelne stirbt, die Völker vergehen, aber aus dem Tode des einzelnen wie aus dem Unterlänge der Völker sprießt neues Leben hervor. Denn die Geschichte hat das Vorrecht, gleich ihrer unendlichen Schwester Natur, nur auf die Endergebnisse, auf die Schlußfolgerungen ihrer Geschehnisse zu achten und als eine Notwendigkeit sich über die Seufzer und Schmerzen der einzelnen hinwegzusetzen. Die Natur will immerfort und unaufhörlich Leben hervorbringen, aber sie kann das Leben nur durch den Tod erlangen; um zahllose neue Geschlechter zu schaffen, muß sie zahllose alte Geschlechter untergehen lassen; um das Leben zu ernähren, muß sie Leben töten. Also fordert auch die Geschichte die Schmerzen und den Untergang zahlloser Individuen, um denr Menschengeschlechte eine fortschreitende Entwicklung, eine immer größere Zukunft, ein immer herrlicheres Dasein zu bereiten. Von diesem Standpunkte aus erscheinen die vielen Opfer der Geschichte bei jeglichem Volke und in einer jeglichen Zeit als in einem höheren Dienst dargebracht, und die Geschichte, die sonst nur ein trauriges Gemälde von den Leiden und den Leidenschaften der Menschen, von Gewalt und Untergang sein würde, wird aus diesem höheren Gesichtspunkte der erhebende Bericht von dem unaufhörlichen Ringen des Menschengeschlechts nach höheren Zuständen. Auch der Talmud hat diesem Gedanken einen besonders geistvollen Ausdruck verliehen in den sinnreichen Worten: „Der Messias sei am 9. Ab geboren worden", d. h. die Zerstörung des Tempels und der ganze Jammer, der sie begleitete, waren gleichsam die Wehen, unter denen der Begriff einer Weltreligion geboren wurde. — Dringender und lauter als je fragt jetzt die zerrissene Menschheit in dieser schweren Zeit des blutigen Völkerringens, deren glühendheißen Atem wir spüren: Hat dieser Glaube sich wirklich also in der Geschichte unseres Geschlechtes bewährt? Daraus antwortet die im Strome der Weltgeschichte gesetzte und aus sich selbst redende Bibel: Ihr könnt nicht Religion haben ohne Glauben an eine sittliche Weltordnung! Ihr könnt diesen Glauben nicht erhalten, ohne ihn zu verwirklichen. Der reichste Glaube verkümmert oder wird zu einem fressenden Gifte, wenn die Wirklichkeit im Staat und im Leben mit diesem Bewußtsein in grellem Widerspruche steht, wenn Unrecht sich auf den Stuhl des Rechts setzt und Lüge auf den Thron der Wahrheit. Diese sittliche Weltordnung vernichtet jede unsittliche Regierungssorm; diese sittliche Weltordnung weiht dem Untergänge jedes selbstsüchtige Leben, der einzelnen wie auch der Regierungen und der Staaten. „Und Reiche sind untergegangcn und andere werden untergehen." Aber der große Phönix der Weltgeschichte, die Menschheit, wird nur herrlicher sich erheben aus dem Weltbrande und wird erglänzen als Stern am neuen Himmel. Die klassischen Völker träumten von eir>em goldenen Zeitalter der Vergangenheit, welches sich immer mehr verschlechterte. War also die Vergangenheit im Heidentum

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