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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-13 · Heft 33 (13.8.1915) · p. Seite 393

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 33 (13.8.1915)
Date
1915-08-13
Page
Seite 393 (sequence 9)
Language
German
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393 Einsamkeit, worin ich jetzt lebe, denke ich oft an das Wohlwollen, das Sie mir seit so vielen Jahren geschenkt haben." Außer Büchersendungen, Kondolenzschreiben sind die Briefe an die Baronin Rothschild liebenswürdige Huldigungen, wie i-in geistreicher Mann sie an eine schöne, geistig begabte und ,„gleich reiche Frau wohl schreiben kann, aber man ist nicht berechtigt, aus diesen Schrist'stü'cken auf eine Liebe Heines zu „er Baronin Rothschild zu schließen. Ich glaube daher nicht, „aß Hirth das bewiesen hat, - was er beweisen wollte. Gewiß „,ar Heine durch den Zauber der schönen und vornehmen Frau rfreut, ja begeistert, aber im ganzen erwecken seine zierlichen „nid galanten Briefe nur die Empfindung, daß er die Güte der daronin dazu! benutzte, um in seinem ewigen Geldmangel sich Unterstützungen seitens des Barons zu sichern. Ich will aber diese Zeilen nicht schließen, ohne eine gerade i,r unsere Leser besonders interessante Stelle mitzuteilen. In 'inrat' bereits angeführten Briefe, aus dem sicher hervorgeht, infi Heine von Rothschild Unterstützungen empfing, heißt es: .Die älteren Juden, welche sehr gefühlvolle Menschen waren, Allen in dem Glauben, daß man in Gegenwart eines Kindes nicht etwas Gutes essen dürfe, ohne demselben einen Bissen oavon mitzüteilen, aus Furcht, das Kind würde dadurch einen Blutstropfen verlieren oder — wie sie sich ausdrückten — aus saar lechajim, was noch mehr sagen will als das Wort Hächmonis." Gewiß wird diese Anwendung hebräischer Ausrücke inehrere Jahrzehnte später, nachdem Heine zum Christen- „ui übergetreteu war, unseren Lesern besonders interessant sein. Bit „Wohltaten" des Haukes SomanaV. Von Leo S ch e i n I) n u I. VII. (Forttctzung.) ohltaten an die Juden, selbst im negativen Sinne, waren im russischen Reich dahin. Vern'lgungen waren heranfbeschwvren, welche die amtliche Sprache zunächst mild „Besporiadki" Unordnungen nannte; die Brutalität war aber derart himmelschreiend, daß sich hier- >ür die richtige Bezeichnung „Pogrom" — Zertrümmerung, Zerstörung, Verwüstung im Sprachgebrauch heransgebildet uttte, von dem Worte „Grvm" Donner abgeleitet. Auf die beiden folgenden verhängnisvollen Regierungs-;eiten Alexanders III. und Nikolaus' II. kann der wehmutvolle Ausruf Lenau's angewendet werden: Warum ruft es nach jenes Greuels Schatten, Den die Geschichte froh war zu bestatten! Das Regiment Alexanders III. währte 1314 Jahre (1./13. März 1881 bis 19., Oktober/1. November 1894), und es genügte, all die liberalen, heilvollen Errungenschaften seines Vaters zu vernichten. Tausend strebende Kräfte mußten in der Enge der Verhältnisse verkümmern, und die Juden erinhren die bitterste Entrechtung und brutalste Verfolgung. Während in Deutschland und in den anderen westeuropäischen Staaten die allgemeinen Humanitätsprinzipien in Fleisch und Blut des Staatskörpers übergegangen waren und dadurch die beklagenswerten antisemitischen Erscheinungen zurückgedrängt wurden, hat die antisemitische Bewegung in Rußland, der geringeren Kultur des Landes entsprechend, rohe Formen angenommen. Alle Schrecken einer barbarischen Epoche, die man für immer verschwunden glaubte, erneuerten sich; Greuelszenen aiG der Vandalenzeit, wie sie nur die dtinkelsten Tage des Mittelalters und auch sie nur im Kriege gesehen haben, ereigneten sich in den beiden stillen Jahren t 881—1882 in Südrutzland und Warschau, Ausbrüche der Brutalität und des Fanatismus, die jeder Beschreibung spotten. Und was noch schlimmer war: nach den Greueltaten des Pöbels folgten die Ausnahmegesetze der Behörden, die die Ursachen jener Unruhen noch steigerten*). Mit dem Regierungsantritt Kaiser Alexanders III. hat der Panslawismus überwiegenden Einfluß gewonnen. Alle früheren Bestrebungen wurden in ihr Gegenteil gewandelt, Fremdenhaß und Rassenhaß stand in der Blüte, und die judenfeindliche Presse übte ihre Wirkung auf jenen Teil der Gesellschaft, der völlig mit der Judenheit unbekannt ist und deshalb alles von den professionellen Antisemiten Erdachte und Erdichtete gutgläubig hinnimmt. Die Reaktion fand gerade in der erregten Stimmung des Landes den geeigneten Boden. Ein deutscher Schriftsteller, A. Thun, kennzeichnete richtig diese Situation: „Jgnatiew suchte der aufgeregten Stimmung in Rußland ein Ventil in der Juden- und Deutschenhetze zu öffnen'). Die Regierung wünschte eben, die revolutionäre Stimmung, die allgemeine Unzufriedenheit auf einen anderen Faktor abzuwälzen. Sie hoffte dadurch selber aus dem Spiele zu bleiben, ein zweischneidiges Schwert zu ziehen und die gegen sic gerichteten nihilistischen Bestrebungen, als ein Erzougnis eben dieses Faktors, zugleich als Anstifter der Plünderung zu bezeichnen. Der Pöbel wurde unter falschen Vorspiegelungen und unter Berufung auf Ukasse, die niemals erlassen worden, aufgehetzt, und im April 1881 begannen in Elisabethgrad jene wüsten Ausschreitungen gegen die Juden, blutige Szenen von Mord, Plünderung, Brand und Zerstörung, die sich über ganz Südrnßland erstreckten, selbst in den großen Städten Kiew und Odessa am Hellen Tage unter freundlicher Passivität der höchsten Staatsorgane und Militärbehörden. Diese unerhörten Pogrome, die ohne die geringste Beranlassuug, ohne jeden Vorwand an den armen wehrlosen Juden verübt wurden, klingen wie ein Märchen aus alten, traurigen Zeiten, traurig, aber bitter wahr. Das vornehmste russische Blatt von damals, der „Gvlos", schrieb unterm 7. Mai 1882: „Es ist absurd, von Uebertreibung zu sprechen, wo die wirklichen Tatsachen über alle Beschreibung gehen, wo von einem wilden Pöbelhaufen Szenen aufgeführt worden sind, die uns wieder die Einfälle barbarischer Horden unter Führung asiatischer Despoten zurückrufen"''). Unter dem kläglichen Eindruck der ersten Exzesse hat selbst der neueingefetzte Minister des Innern, Graf Jgnatiew, der sich bald sehr judenfeindlich zeigte, untex dem 6. Mai 1881 geschrieben: „Die Individuen, die die Güter der Juden geplündert, sind anerkannt Revolutionäre; sie treiben die unwissende Menge zu höchst verbrecherischen Handlungen; sie nutzen die bösen Instinkte der Menge aus, um Unruhen hervorzurufen und die Menschen aufzuregen." Dieselbe Kühnheit hatte auch der kaiserliche Bruder, Großfürst Wladimir, dem Kiewer jüdischen Großindustriellen Brvdsky gegenüber, die Anarchisten und Nihilisten als Anstifter der Krawalle zu bezeichnen und damit jede Verantwortung von der Regierung auf ihre Gegner abzuwälzen. Selbst der Kaiser leugnete seine offenbare Judenfemdschaft der jüdischen Deputation unter Führung des Barons Günzburg gegenüber und gab wie sein Bruder das Stichwort aus: „Die Unruhen seien das Werk der Anarchisten.": eine Unwahrheit, um seine Regierungsorgane vollständig zu decken. Aber in der sonst in verbindlicher Form erteilten Audienz konnte er trotzdem nicht seine bösen Vorwürfe vorenthalten. Inzwischen hatte die einmal begonnene Epidemie der Pogrome, namentlich in Südrußland, den ganzen Sommer 1881 gewütet. Weihnachten dauerten vier Tage lang ähnliche Grausamkeiten sogar in der polnischen Hauptstadt Warschau an, ‘) Scheinhans a. a. O. S. 69. Philippson a. a. O. S. NS. V Scheinhaus a. a. O. S. 71.

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