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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-13 · Heft 33 (13.8.1915) · p. Seite 392

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 33 (13.8.1915)
Date
1915-08-13
Page
Seite 392 (sequence 8)
Language
German
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392 Leiden bannt den alten Herrn an seine Wohnung im alten Geheimratsviertel am Hafenplatz, während er geistig noch sehr rege ist und an den Ereignissen, die sich auf dem Welttheater abspielen, großen Anteil nimmt. Mit Rücksicht aus den Ernst der Zeiten und das Befinden des Jubilars wurde von einer Feier Abstand genommen. Rvthmann hat sich immer treu zu seinem angestammten Klauben bekannt. Wir sprechen dein verdienten Jubilar, wenn auch verspätet, zu seinem seltenen Ehrentage den herzlichsten Glückwunsch aus. heinkltuÄirn. Von Ludwig Geiger. V. H eine u n d R o t h s ch i l 4>. u den überkommenen Meldungen über Heine gehört, daß er von dem Hause Rothschild mehrfach Geld erbeten und erhalten und trotzdem wiederholt recht böse Worte über das Haus Rothschild gesagt habe. lLudwig Börnes Leben und Lutetia.) Aus den jetzt von Fr. Hirth in der „Deutschen Rundschau", Februar >915 veröffentlichten Briefen, von denen ganz ausdrücklich bemerkt wird, daß sie die einzigen sind, die erhalten und nach der Meinung des Herausgebers auch geschrieben sind, toll, wie der Herausgeber bemerkt, hervorgehen, daß Heine von Rothschild nicht svuteniert, d. h. nicht eben dauernd erhalten worden ist. Aber der Herausgeber kann doch nicht leugnen, daß Heine brieflich zwar nicht direkt Geld erbeten, aber schließlich doch so deutlich seine üble Lage geschildert hat, daß man diese Darstellung nicht anders denn als eine verschleierte Bettelei auffassen darf. Denn wenn er in einem Kondolenzbrief, 25. Dezember 1850 schreibt: „Ich hätte mich gern einmal schriftlich bei Ihnen in Erinnerung gebracht, aber kränkelnden Sinnes befürchtete ich eine Mißdeutung, denn ich hätte viel sagen müssen und ich weiß, daß jeder Klagebrief eines unglücklichen Freundes zugleich eine Tratte auf Ihr Herz ist, die immer großmütig honoriert wirb," so heißt das im Grunde doch nichts anderes als: ich will zwar nicht direkt bitten, aber wäre für eine Geldsendung sehr dankbar. Roch viel deutlicher ist eine Stelle vom 15. Januar 1852. Dort heißt es nach der Erwähnung eines jüdischen Gebrauchs, von dem später die Rede sein soll: „Ihr edles Herz, Herr Baron, scheint auch diesem großmütigen Aberglauben treu geblieben' zu sein, und jedesmal, wenn das Glück Sie in Ihren kolossalen Geschäften ganz besonders begünstigte, haben nicht nur Ihre nächsten Hausfreunde, sondern auch der Dichter, das große Kind, etwas zu schlucken bekommen. In diesem Augenblicke, wo Sie wieder bei einem ungeheuren Unternehmen vorherrschend beteiligt und überhaupt siegreich und millionärer als je aus den Revolutionsstürmen hervorgehen, jetzt erlaube ich mir Ihnen wissen zu lassen, daß ich noch nicht gestorben bin, obgleich mein Zustand nicht eben den Namen Leben verdient." Biel deutlicher kann man im Grande nicht sein. Hier ist die Forderung nicht mehr verblümt, sondern unverblümt genug, und daß die Anspielung auf den elenden leiblichen und pekuniären Zustand, in dem der Dichter sich befand, nicht erfolglos war, erfährt man aus dem wenige Tage später — IN. Januar 1852 - geschriebenen Briefe, der nicht bloß für die empfangene Gabe dankt, sondern den Schreiber für fernere in Erinnerung bringt. Der Brief lautet: „Ich habe mit Vergnügen erfahren, daß Sie meiner nicht vergessen haben, und indem ich Ihnen zugleich für den neuesten Beweis Ihrer Güte verpflichtet bin, sage ich Ihnen meinen tiefgefühltesten Dank. . . . Bewahren Sie Ihr persönliches Wohlwollen mir immer mit Ihrer gewohnten Großmut." Um so merkwürdiger ist es nun, daß trotz dieser Großmut Rothschilds und trotz der rechst offenen Art seine Börse in Anspruch zu nehmen, Heine gegen das Haus desselben Barons kein Gefühl der Verpflichtung oder gar der Abhängigkeit hegte, sondern öffentlich darüber ziemlich schonungslos urteilte. Er griff nicht wie Börne das Geschäftstreiben des Hauses an, sondern begnügte sich mit Spöttereien, aber diese find kräftig genug, teils an den beiden oben angegebenen Stellen, teils an verschiedenen anderen Orten. So bespöttelte er die Verehrung, die die Auftraggeber dem mächtigen Baron entgegenbringen, machte sich lustig über die Eitelkeit des Barons und schrieb einmal nieder: „Rothschild habe geträumt, er habe einem Armen 100 000 Francs gegeben und sei davon krank geworden." Man erkennt also: Heine hat zwar von Rothschild Geld genommen, auch ziemlich deutlich erbeten, hat sich aber dabei doch die Freiheit seines Urteils bewahrt. Infolge dieser Feststellung würde also durch die neue Veröffentlichung nichts sonderlich Neues gewonnen sein, aber Hirth, dem wir diese neue Gabe verdanken, sucht noch eine andere Meinung zu verfechten, nämlich die, er habe die Baronin, Betth v. Rothschild, geliebt. Zum Beweise dieser Behauptung benutzt er die Verse in dem Gedichte „Die Engel", von dem man wußte, daß es sich auf die Baronin bezieht. Die Verse lauten: Lieblich mit den weißen Hände», lieblich mit dem schönen Blick, schätzen sie den Mensche», inenden vo» ihm ab das Mißgeschick. Ihre Huld und ihre Gnaden trösten jede», doch zumeist ihn, der doppelt gnalbeladen, ihn, den man den Dichter heißt. Während nun Hirth meint, daß schon ans diesen Versen hervvrgehe, daß Heine sich nicht materieller Unterstützung durch Baronin Rothschild zu erfreuen gehabt, sondern nur in ideeller Abhängigkeit von ihr geständen hätte, kann ich im Gegensatz zu dem Herailsgeber nur behaupten, daß diese Verse mindestens ebenso den Dank für erhaltene Gaben bekunden, als eine galante Huldigung für eine schöne Frau. Und ich gestehe, dieses Urteil ändert sich nicht, wenn man die bisher unbekannten .Briefe liest. Gewiß, Geld erbat er von der Baronin nicht, sondern tat dies bei ihrem Gatten, aber die Briefe an die Baronin rufen'doch zumeist den Eindruck hervor, daß er durch die feinen Huldigungen an die schöne und liebenswürdige Frau sie selbst und den Gatten günstig stimmen wollte. Die wenigen Briefe, die erhalten sind, handeln zumeist von Büchern, teils solchen, die er selbst geschrieben, teils solchen, deren Lektüre er der Korrespondentin empfiehlt. Sie erinnern an den angenehmen Eindruck, den das erste Erscheinen der Baronin ans Heine machte, sind aber einerseits Entschuldigungen, daß er trotz der erhaltenen Gaben ehrenrührig von dem Geber gesprochen, und andererseits versteckte Bitten um weitere Unterstützung. Den ersteren Charakter tragen die Zeilen 1. Juni 1840: „Vielleicht verzeihen Sie mir mit heiterem Lächeln. Ich aber, ich versichere Ihnen, ich kann mir nicht genug Vorwürfe machen, daß ich, wo nicht in böswilliger, doch jedenfalls in unziemender Weise von einer Familie gesprochen habe, die in ihrem Schoße so viel Edelsinn und Liebenswürdigkeit verbirgt: — ja verbirgt, denn durch Zufall entdeckte ich jüngst, daß die schöne Frau, die ich nur für geistreich und tugendhaft hielt, auch eine große Seele hat. Baron James ist in der Tat der reichste Mann, aber nicht bloß seines Geldes wegen." Und eine andere Stelle trägt doch wohl den Charakter einer Bitte, um nicht zu sagen Bettelei. (16. Mai 1849): „In der

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