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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-13 · Heft 33 (13.8.1915) · p. Seite 391

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 33 (13.8.1915)
Date
1915-08-13
Page
Seite 391 (sequence 7)
Language
German
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391 7—16, während die neun Thorarollen in das Gotteshaus getragen wurden, auf dessen Vortragspult die Estherrollen und die Schosarhörner lagen. Dr. Levi hielt eine kurze, inhaltreiche uni) ergreifende Ansprache, der er das Wort zugrunde legte, daß die Thora in der Wüste, im Feuer und im Wasser gegeben sei. Die Beziehungen auf die gegenwärtige Feier ergaben sich von selbst und übten einen tiefen Eindruck auf die Gemüter. Unter dem Gesänge des Uwnucho jomar wurden die Thorarollen in die heilige Lade gestellt, und vor geöffneter Lade sprach ich, selbst im Innersten bewegt, das Weihegebet, ausgehend von dem Psalmwort: „Sende dein Licht und deine Wahrheit; sie sollen mich führen." Das Haschiwenu beschloß die Feier. Wir aber trennten uns mit einem stummen Händedruck in dem Gefühl, eine große Stunde erlebt zu haben. Der Feier im Gotteshause folgte eine Besprechung der Maßnahmen, die zur Wiederaufrichtung des Gemeindelebens erforderlich sind. Dann fuhr ich nach Lyck, wo ich am späten Abend mit mehreren Gemeindemitgliedern eingehend konferierte. Dort ist in den letzten Wochen die Mehrzahl der Gemeindemitglieder zurückgekehrt; aber das Gemeindeleben ruhte noch gänzlich. Ein Gemeindegottesdienst hatte seit dem zweiten Neujahrstage nicht mehr stattgefuuden; denn am Versöhnungstage pfiffen bereits wieder die Kugeln über Lyck, und der notdürftig gehaltene Gottesdienst war ohne Andacht und Stimmung. Die Klage kam zur Sprache, und ich erbot in ich, am folgenden Tage — es war der Neumondstag — einen Gottesdienst zu halten. Mit dankbarer Freude wurde der Vorschlag angenommen. Bald nach 9 Uhr waren in der einfachen, aber sehr hübschen Synagoge fast ausnahmslos alle in Lyck anwesenden Gemeindemitglieder mit ihren Angehörigen versammelt. Wir waren, auch die Kinder mit eingerechnet, kaum 30 Personen, aber es war eine wundervolle Stimmung und Weihe in dem Gottesdienst. Ich habe vorgebetet, aus der Thora vorgelesen und gepredigt. Von den Thorarollen sind mehrere vernichtet; Thoramäntel, Behänge und dergleichen scheinen sämtlich zerstört zu sein. Von den vorhandenen Thorarollen sind zwei, soweit eine flüchtige Durchsicht ergab, in tadellosem Zustand. Unbekleidet standen sie in der heiligen Lade, die schmucklos, ohne Vorhang war. Aber es ergriff uns alle, als nach zehn Monaten zum erstenmal wieder das Gotteswort in jenem Raum erklang, und die schlichte Feierlichkeit, mit der wir die Thora aus der Lade nahmen und wieder zurücktrugen, hat gerade dadurch, daß aller äußere Schmuck fehlte, ihres tiefen Eindrucks nicht verfehlt. Für die Predigt ergaben sich die Gedanken aus den Hallelpsalmen, die der Neumond brachte, besonders Psalm 118 und aus dem Prophetenabschnitt für den zweiten Neujahrstag, an dem der letzte Gottesdienst der Gemeinde stattgefunden hatte. Jeremias' Worte klangen wie für die Gegenwart gesprochen: „Wieder will ich dich aufbauen, daß du fest gebauet dastehst. Ein Lohn winkt dir, sie werden aus Feindesland heimkehren, noch ist die! Hoffnung für die Zukunft, heimkehren werden deine Kinder in! ihr Land." Es war eine Stunde, die über alles Niederdrückende des Krieges hinaushob. Airs der Kanzel hat ein deutscher Soldat mit jüdischen Lettern seinen Namen verzeichnet „zur Erinnerung an der Russen Vertreibung aus Lyck, 14. Februar 1915, 12 Uhr mittags." Eine Glasplatte soll darüber gelegt werden, um die Inschrift zu erhalten. Aus einem Kalender, der in der Synagoge hängt, haben verschiedene russische Soldaten, die sich während der Okkupation dort zum Gebet vereint hatten, ihre Namen verewigt. Auch diese Aufzeichnungen sollen als historische Dokumente erhalten bleiben. Ich habe trübe Bilder gesehen, aber viel Erhebendes. In den kleinen Gemeinden Ostpreußens soll und wird wieder jüdisches Leben pulsieren, und in ganz Deutschland wird man so hoffe ich — in jüdischen Kreisen der Verpflichtung eingedenk sein, daß nicht nur für Wohltätigkeit, sondern auch für die geistigen und religiösen Interessen alle einzustehen haben. Wir haben keine kirchliche Organisation, keinen Gustav-Adolf-Verein, der durch sein festes Gefüge und seine großen finanziellen Kräfte in solcher Zeit der Not dem Verfall des religiösen Lebens zu ftenern vermöchte. Hier muß die freiwillige opferfreudige Tätigleit aller einsetzeu, denen das Judentum nicht ein leerer Name ist. „Von der Gefahr, der ungeheuren, errettet nur gesamte Kraft." Geheimer Sanitslsrst Dr. Ssrsr Sothmsmr eh. Sanitätsrat Dr. Oskar Rothmann, einer der angesehensten Berliner Aerzte, feierte am 3. August seinen 80. Geburtstag. Rothmann, der in Wongrowitz in der Provinz Posen geboren ist, besuchte das Gymnasium zum grauen Kloster in Berlin, wo er 1855 das Zeugnis der Reife erwarb. In Berlin widmete er sich dem Studium der Medizin, wo er 1859 den Doktortitel erwarb und, nachdem er im nächsten Jahre approbiert wurde, sich 1861 niederließ. Er kam in sehr kurzer Zeit zu einer großen Praxis und war als geschickter Geburtshelfer gesucht. 1864 zog der junge Arzt mit ins Feld. Er zeichnete sich bei Alsen aus und erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse mit Schwertern. Auch die beiden folgenden Kriege brachten ihm Auszeichnungen. 1866 erhielt er den Kronenorden 4. Klasse, 1870 bei Vionville das Eiserne Kreuz. Als im Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts das ärztliche Vereinsleben in Berlin aufblühte, nahm Rothmann regen Anteil daran und wurde mit vielerlei Ehrenstellen betraut. Der Aerztekammer gehörte er durch mehrere Wahlperioden an. Nicht minder rührig betätigte sich Rothmann in den wissenschaftlichen Vereinen, wo er häufiger das Wortergriffen hat. Seit über 50 Jahren ist er Mitglied der Medizinischen Gesellschaft, deren Aufnahmekommission er lange Jahre angehörte. Den Verein für innere Medizin, dessen Ehrenmitglied Rothmann ist, hat er mitbegründet und lange Jahre seine Geschäftskommission geleitet. Seit einigen Jahren hat Rothmann sich von der Praris zurückgezogen. Körperliches i i i Geheimer Sanitätsrat Dr. G. Rothmann feierte feinen 80. Geburtstag.

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