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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-13 · Heft 33 (13.8.1915) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 33 (13.8.1915)
Date
1915-08-13
Page
Seite 390 (sequence 6)
Language
German
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890 größere OtVneinbcn. Die Abwanderung nach dem Westen und 'innerhalb der Provinz die Abwanderung nach den größeren Städten, den wirtschaftlichen und geistigen Zentren ist eine allgemeine Erscheinung, deren Voraussetzungen und Ursachen sich teilweise in Ostpreußen stärker geltend machen als in anderen Provinzen. Tie Folgen sind seit Jahrzehnten eine ungünstige Bevölkerungsverteilung und unendlich schwierige Gemeinde- Verhältnisse. Wir haben überwiegend Zwerggemeinden, darunter solche, die zur Balanziernng ihres armseligen Etats trotz der Subventionen, die sie von dem Verbände der Synagogengemeinden Ostpreußens und vom DJGV. erhalten, bis zu 800 Prozent Zuschlag zur Staatseinkommensteuer erheben müssen. Diese Belastung ist um so drückender, weil auch die Kvmmuualsteuerzuschläge in großen wie in kleinen Städten Ostpreußens fast durchweg erheblich mehr als 200 Prozent betragen. Die Besserung der Eisenbahnverbindungen im letzten Jahrzehnt hat es ermöglicht, daß der Verband den Synagogengemeinden mit vieler Blühe die Vereinigung mehrerer Zwerggemeindcn und ihre Versorgung durch einen Beamten durchführen konnte. Von den etwa 00 Gemeinden der Provinz hat die Hülste durch den Krieg meist schwer gelitten. Schirwindt und Prvstken sind Trümmerhaufen, Orteisburg, Neidenburg, Svldan, Jvhannisburg, Lyck, Marggrabowa, Goldap, Angerbnrg, Schmalleningken, Gerdauen, Friedland, Tapiau, Stallupvnen, Eydtkuhnen und Tarkehmen sind halb zerstört oder ausgeplündcrt worden, die Einwohner waren monatelang auf der Flucht. In einigen dieser Städte sind die Synagogen zerstört oder für lange Zeit unbrauchbar, Thvrarollen, Bücher und Kultusgegenstände vernichtet oder geraubt und verschleppt, das jüdische Gemeindeleben hat vollständig aufgehört. Nur allmählich ist ein Teil der Einwohner zurückgekehrt, meist nur die Männer, da in den verwüsteten, ihres Hausrats beraubten Wohnungen der Aufenthalt für die Familien noch kaum möglich ist; bis vor kurzem war in manchen Orten auch die Beschaffung der Lebensmittel und notwendigen Gebrauchsgegenstände recht schwierig. Es ist ein Beweis für die Zähigkeit und das Vertrauen der vstpreußischen Bevölkerung, daß fast unmittelbar nach der masurischen Winterschlacht das Leben wieder erwachte. Landmann, Handwerker und Kaufmann gingen wieder an ihre Berufsarbeit, die Organe der staatlichen wie der kommunalen Verwaltung traten in Tätigkeit. Weit schwieriger ist die Wiederaufrichtung des Lebens der jüdischen Gemeinden. Zwerggemeinden, deren Mitglieder teilweise noch nicht zurückgekehrt sind, Beainke ohne Gemeinden und Gemeinden ohne Bea. , die Eisenbahnverbindungen bis in die letzten Wochen hine.a außerordentlich schwierig — ans Jahre hinaus werden sehr große Anforderungen an die finanzielle Opferlvilligkeit der deutschen Juden, an die persönliche Hingebung aller beteiligten Kreise in Ostpreußen in treuer Arbeit gestellt werden müssen, wenn anders das jüdische Gemeindeleben in unserer Grenzprovinz nicht zum schwersten Schaden für das gesamte deutsche Judentum für lange Zeit, vielleicht gar für immer vernichtet sein soll. Der ostpreußische Synagogenverband ist sofort an die Arbeit gegangen. Ein .Kriegsarbeitsausschuß ist gebildet nwrden, der unter Leitung des verdienstvollen Verbaudsvvrsitzenden zunächst genaue Informationen über die Verhältnisse der Gemeinden einzvg, in den einzelnen Geineinden die Wiederaufrichtung fördert, mit Rat und Tat den Beteiligten zur Seite steht, die erforderlichen Maßnahmen bei den Behörden in die Wege leitet. Für vier Gemeinden in den Regierungsbezirken Allenstein und Gumbinnen ist dem Verband bis zur Wiederherstellung geordneter Gemeindeverhältnisse von den Negierungen die Verwaltung übertragen nwrden, die Rückbcrnsnng der Beamten beziehungsweise ihre vorläufige Anstellung in anderen verwaisten Gemeinden ist erfolgt oder erfolgt in diesen Wochen, für die Herbstfeiertage soll überall für Gottesdienst gesorgt werden, und wo auch nur eine kleine Anzahl von Schulkindern vorhanden ist, wird der Religionsunterricht wieder ausgenommen. Im Aufträge des Verbandes war ich kürzlich in Blasuren Das wundervolle Land mit seinen herrlichen großen Seen, mi seinen weiten Wäldern und feinen reizvollen Städten ist vie zu wenig bekannt; selbst wir in Ostpreußen kennen es nich genug. Im Schmucke blühender Linden, die die Straßen um säumen, sah ich Lyck, malerisch am See gelegen mit seine breiten, marktühnlichen Hauptstraße in dem bunten Wechst kleiner Häuser und moderner Großstadthäuser, die freilich z»> größten Teil in Trümmer geschossen sind. Eine Wagenfahu wird mir unvergeßlich sein, zu der ein Königsberger Oberstabe arzt, der in Lyck steht, mich einlnd. Durch wundervollen Wal > ging es über Sybba nach dem Tatarensee. Sonnenschein nn > Regenwolken gaben dem Wasser eine ganz eigenartige reizvoll? Färbung, lind das Grün des Waldes, der den See umsäunu und die Hänge der sanft ansteigenden Hügel bedeckt, schillert? in allen Schattierungen von dem hellen, fast Gelbgrün d? Birke bis zu dem tiefen Dunkel der Nadelhölzer. Kam: konnten wir uns losreißen von diesem herrlichen Anbln diesem Bilde tiefsten Friedens. Aber nur für kurze Zeit hatte: wir das Bild des Friedens. Dann ging es weiter durch de: Wald, in dem heftige Gefechte getobt hatten. Da und dort di? runden Erdtrichter, die die Granaten in den Waldboden d? wühlt haben, an anderen Stellen Waldpartien, die wie dürr! Windbruch vernichtet waren; so hatten die Geschosse die Bäun? in halber Höhe geknickt wie die Streichhölzer, dann weite? Svldatengräber an der Straße oder ain Waldrande, -iur schließlich das zerschossene Dorf Neuendors. Wohl zwanzig vde mehr Häuser, von denen nichts stehen geblieben ist als d Herdkammer; der Wind trug uns aus dem feuchten Bode i den Brandgeruch zu. In Lyck selbst auf dem nicht schwer b schädigten jüdischen Friedhof Gräber russischer Soldaten uii? auf dem Militürsriedhof Hunderte von Soldatengräbern. Aber neben diesen Bildern der Zerstörung das freundlicher. erhebende Bild des Wiederaufbaus. Von den zerstörte: Häusern in Lyck ist großenteils wenigstens der Schutt wegg> schafft, an den nur teilweise beschädigten wird vielfach gearbeitet. Schmucke, kleine Stationshäuschen stehen wiede, wo von der Eisenbahnstation Sybba West so gut wie nickst übrig geblieben war; die halb zerstörten Chausseen werde : ivicderhergestellt. In der breiten Hauptstraße in Lyck habe Kaufleute Bretterbuden aufgeschlagen, die ihnen als Lade i dienen. Ich aber habe in Marggrabowo und Lyck Feiei stunden verlebt, die zu den schönsten Erinnerungen meine Lebens zählen. In beiden Städten sind die Synagogen erhalten geblieben Tie Synagoge in Marggrabowa ist ein bescheidener schmuck loser Bau an dem riesenhaften Marktplatz, der für eine gau? kleine Stadt, größer als Marggrabowa, Raum bieten würd Die Thvrarollen, Estherrollen, die Schofarhörner, Vorhäng und Altardeckev sind von den Russen verschleppt worden. Ei russischer Soldat hat von seinem Vorgesetzten die Erlaubni - erbeten, die heiligen Stücke, mit denen seine Kameraden ihre > Spott treiben wollten, zu schützen. So wurden sie in Suwal: in Sicherheit gebracht. Dort fand sie der Armeerabbiner de 10. Armee, Dr. Levi. Er erhielt vom Armeeoberkommando di Genehmigung zur Zurückschaffung, und mit einer schlichte? ergreifenden Feier wurde das lange verwaiste Gotteshai wieder seiner Bestimmung übergeben. Von der kleinen G meinde ist erst etwa die Hälfte zurückgekehrt, einige jüdisck Soldaten waren anwesend, das Armeeoberkommando, d: Ortskommandantur und die städtischen Behörden waren ver treten. Der Kultusbeamte der Gemeinde, Lehrer Jungmam der zurzeit in Insterburg das Lehramt versieht und von vor! aus auch seinen Gemeindedienst verwaltet, sang Psalm V.

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