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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-13 · Heft 33 (13.8.1915) · p. Seite 388

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 33 (13.8.1915)
Date
1915-08-13
Page
Seite 388 (sequence 4)
Language
German
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388 haben, wurden überall verfolgt und ansgewiesen. Biele dnrch den Krieg zu Krüppeln gewordene jüdische Soldaten wurden, als sie aus dem Lazarett entlassen waren, in den Ansiedlungsrayon geschickt. Anders als eine Schmach kann man dies nicht neunen." Friedmann sprach dann weiter über die Unterdrückung der jüdischen Presse, über das Verbot der jüdischen Sprache in Wort und Schrift, über die Prozentnorm in den Lehranstalten und über alle schrecklichen Verfolgungen und Leiden der Juden. „Gestern", so führte er weiter aus, „wurden hier den Polen Begrüßungsreden gehalten. Das ist natürlich gerecht und richtig. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß im Polenlande und in den Grenzgebieten jüdisches Blut in starken Strömen fließt, und zum Unglück nicht nur von Feindeshand. Militärbehörden und Regierung brauchten Sündenböcke für ihre Mißerfolge. Blau benutzt zu diesem Zweck die alte Firma, das ist der Jude. Kaum überschritt der Feind die Grenze, so verbreiteten sich schon Gerüchte, daß jüdisches Gold auf Aeroplanen, in Särgen und Eingeweiden von Gänsen zu den Deutschen floß. Die Legende wuchs, sie verbreitete sich dank der Agitation der Negiernngsagenten und nahm schließlich ungeheure Dimensionen an. Den Juden gegenüber wurden unerhörte Maßnahmen angewendet, und diese Maßnahmen, die vor den Augen der ganzen Bevölkerung vollzogen wurden, flößten derselben imb der Armee das Gefühl ein, daß die Inden als schlinnnste Feinde des Landes außerhalb des Gesetzes stehen. Zuerst wurden alle Juden aus Polen und Litauen nusgewiesen, lieber eine Million Menschen mußte den Bettelstab ergreifen. Verwundete jüdische Soldaten mit dem Georgskreuz wurden in Viehwagen und wirklich wie Vieh mit entern Frachtschein abtransportiert. In demselben Frachtschein unter der Rubrik „Art der Ware" standen: 450, oder 600, oder 1000 ausgewiesene Juden. Eine andere harte Maßnahme war das Geiselniiehmen. (f§ handelt sich hier um einen uuerhörteii Fall in der Weltgeschichte. Alan nahm Juden als Geiseln, also Staatsangehörige des eigenen Landes." * t Der „Berliner Morgenpvst" entnehmen wir folgenden Bericht über den Heldenmut polnischer Jude n: „Az Eft" bringt hochinteressante Schilderungen ans den Kümpfen um Lemberg. Hiernach lvaren die berühmten Szekler Truppen zur Crstürinnng der Lemberger Landstraße ausersehen. In eine stark gelichtete Szekler Kompagnie wurden 400 polnische Juden, sämtlich alte Landstürmer mit langen Bärten und Ringellöckchen, eingereiht und der Befehl gegeben, die polnischen Juden nicht anzutreiben, wenn sie während des Sturmes zurückbleiben würden. Der Sturm begann. Die Szekler liefen mit außergewöhnlicher Heftigkeit gegen die Russen an und schlugen mit Doppelspaten und Gewehrkolben rücksichtslos ein, obwohl der Feind die Angreifer durch ein fürchterliches Feuer fernzuhalten versuchte. Die polnischen Inden machten ohne Ausnahme den Sturm begeistert mit. Sie hatten ihre Gebetriemen um die Stirn gewickelt und riefen während des Anlaufes den alttestameutlichen Kampfruf: Schma Jisroel (höre, Israel!). In diesem leidenschaftlichen Kampfe kam der ganze Hatz des polnischen Judentums gegen seine Bedrücker elementar znm Ausbruch. Die außergewöhnlich tapfere Haltung dieser polnischen Juden, die allgemein bewundert wird, hatte eine bedeutungsvolle Wirkung, denn nach einstündigem heitzen und blutigen Ringen wurde die Russenfront durchbrochen und die Landstraße von den Szeklern und den polnischen Juden genommen. Wir können nicht umhin zu bemerken, daß der Bericht etwas phantastisch klingt. * Zum Schluß folgende Zuschrift des Herrn Ludwig K l a u s n e r - D a v o c, der ich um so lieber Raum gebe, als sie sich mit Gedankengängen begegnet, die ich in dem Leitartikel der vorigen Nummer entwickelt habe. In New Jork hat sich eine Bereinigung gebildet, die sich zur Aufgabe stellt, die amerikanische Negierung zu bewegen, daß sie dem dringenden Verlangen und dem glühenden Wunsche des amerikanischen Volkes (ille fcrvent and innerrnost desire of the American people) entsprechend auf dem Friedenskongreß alles in ihrer Macht tun solle, um für die Inden Garantien zu schaffen, die sie mit der übrigen Menschheit gleichstellen, daß sie vor Menschen und vor dem Gesetz gleich sein sollen, wie sie es vor Gott seien. Sehr hervorragende Persönlichkeiten stehen an der Spitz dieser Vereinigung. So ist der Präsident des ameri k a n i s ch e n Repräsentantenhauses Clark der erst Präsident der Bereinigung; der Gouverneur vo Kansas Kapper, der Kanzler der Universitä P i t t s b u r g M c K o r m i ck, der Vertreter öoi Indiana im amerikanischen Senat Kern Bischof Greer in New Uork und der Gouverneur von Norddakota Hanna sind die fünf Vizepräsidenten. Zum Erekutivausschuß gehört u. a. auch Senator Ogden L. Will-. In einer im Senat des Staates Pennsylvania eingebrack ten Resolution wird die „aufrichtige Hoffnung" ausgedrück. daß die Negierung sich bemühen werde, die Anerkennung dm Gleichberechtigung der Inden in Rußland zu erlangen. Allzu große Hoffnungen freilich dürfen die russischen Jude i auf diese Bemühungen und auf den kommenden Kongre; nicht setzen. Der Berliner Kongreß hat ja die Gleichberec! tigung der rumänischen Juden beschlossen, die immer no.) darauf warten, daß der Beschluß zur Wahrheit wird. Wom dem kleinen Rumänien mit einem Hohenzollern als Köniz und einer Carmen Shlva als Königin nicht hat durchgesel! werden können, sollte das in dem russischen Riesenreiche min lich sein? Es ist auch nicht gut denkbar, daß der Tschin ei i so bequemes Erpressungsinstrument, wie die judenfeindlie!-e Gesetzgebung Rußlands es ist, sich entwinden, eine so ergiebig Einnahmequelle sich verstopfen lassen wird. Freilich dürf-e dieser furchtbare Krieg selbst in Rußland manche Umwälzm i zustande bringen, ob er aber auch die Geldgier der Beamten uro das Vorurteil der herrschenden obersten Schicht — denn b;o russische Volk ist durchaus nicht judenfeindlich — beseitig. das möchten wir zu unserem lebhaftesten Bedauern bezweife! ... An Beschlüssen selbst eines Weltkongresses, die nicht zur Wir lichkeit werden, kann den Juden nur wenig gelegen sei . Immerhin ist es dankenswert, daß für sie etwas getan werd/ - soll. Ewig kann ja die selbstmörderische judenfeindliche Poln t nicht regieren. Unseren Feinden, die ja, wie sie behaupte , für die Freiheit der Völker, für Gerechtigkeit und Zivilisatu, kämpfen, gönnen wir hinsichtlich der Juden auf dem Kongro einen vollen Erfolg. Bernhard Moskauer goborrn am 5. Januar 3851, gestorben am 25. Juli 19J5. it Bernhard Proskauer, Professor, Geheimer Reih rungsrat, dem Direktor des Untersuchungsamts d,r Stadt Berlin — er gab seiner Kränklichkeit wegen am 1. Ap> sein Amt auf —, dem Mitherausgeber des „Gesundheit Ingenieurs", ist ein trefflicher Mann dahingegangen. Zu seiner Würdigung entnehmen wir einem Aufs, o P. Borinskis aus der letztgenannten Zeitschrift folgende Do ■ legung: Proskauer ist einer der wenigen Hygieniker, die aus de-.i Chemikerstande hervorgegangen sind. Als Schüler A. W. Ho ‘ manns kam er im Jahre 1877 mit Sell in das kaiserliche Gesundheitsamt, wo er bereits drei Jahre später ein eigen * Laboratorium erhielt. Hier beschäftigten ihn vornehmlich Ai - gaben der in der Entwicklung begriffenen Nahrungsmiti - Hygiene, und an den Vorarbeiten für das 1879 erschiem n Nahrungsmittelgesetz hat er einen beträchtlichen Anteil. B größter Bedeutung für seine weitere Entwicklung war im Zusammentreffen mit Koch, der 1880 in das Reichsgesun heitsamt berufen wurde. Inmitten einer fast aüsschlietzli 1) medizinischen Umgebung wurde ihm Proskauer durch sei umfassenden chemischen Kenntnisse ein wertvoller Mitarbeiter, »nd als ihm 1885 die Leitung des neuerrichteten Hygienisch,» Institutes übertragen wurde, nahm er Proskauer mit in dieses

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