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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-13 · Heft 33 (13.8.1915) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 33 (13.8.1915)
Date
1915-08-13
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
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Sicherheit ihres eigenen Triumphes zu verkünden: die engijchen Minister in Parlamentsreden und Ansprachen in anderen Versammlungen, der Präsident der französischen Remblik in einer ganz besonders feierlichen Anrede an das geamte Frankreich. Sie sind ferner immer weiter bestrebt, von hrem Aus- und Durchhalten zu sprechen, und rechnen mit iner Ermüdung Deutschlands und ihrem sicheren Erfolge — der alle diese Reden bedeuten gegen die Wucht der wirklichen rergnisse und unserer großen Erfolge nichts. Denn wir dürfen freudig konstatieren, daß weder die taliener, noch die verbündeten Franzosen, Engländer und äLgier einen Schritt vorwärts gekommen sind. Italien hat var noch nicht offiziell der Türkei den Krieg erklärt; aber es t, wie es jetzt den Anschein hat, fest entschlossen, auch gegen ie Türkei an der Seite seiner Verbündeten loszugehen, wahrheinlich in Kleinasien, da eine Bezwingung der Dardanellen ch als fast unmöglich herausgestellt hat. Jedenfalls stehen für uns die Sachen überall günstig. Es t nlrr zu hoffen, daß die sehr beängstigenden Nachrichten über mnänien, die in der letzten Zeit verbreitet worden sind, sich!cht bewahrheiten. * Die jetzt hier eingetroffenen Petersburger Zeitungen bringen ussührliche Einzelheitenüber die Debatten in der Reichsinua in den ersten zwei Tagen nach der Eröffnung. Nach den eben der Minister sprachen Vertreter aller Fraktionen; einige Milderten in ihren Reden die entsetzliche Lage der russischen udm. Der Vertreter der Fortschrittlichen Partei, Jefreo w, führte unter anderem aus: „Wer stark an Geist ist, braucht nicht zu fürchten, alle seine Fehler :d Schwächen einzugestchen. Unsere Negierung bemüht sich aber mer, die Wirklichkeit dem Volke zu verheimlichen. Infolge der engen Zensur war die Presse gezwungen, dem Volke und der Geschäft a n d a u e r n d f a l s ch e V o r st e l l il u g e n von unseren >.d des Feindes Streitkräften zu geben. Alle unsere Niederlagen urden verheilnlicht, unsere Erfolge stark übertrieben und verschönert, äegsminister Suchomlinow hat auf der letzten Tumatagnng die iegslage vollständig falsch geschildert. Genug der Geheimnisse, nug der Lügen! Das russische Volk hat diese Lügen mit seinem nie teuer genug bezahlt. Das russische Volk hat ein Recht darauf, i volle Wahrheit zu erfahren. Gleich bei Ausbruch des Krieges stellte . m in allen Schichten der Bevölkerung steigenden Enthusiasmus fest, rs erhielt aber das Volk dafür? Das öffentliche Leben wird erstickt, nationalen Ungerechtigkeiten spitzen sich zu, Arbeiterorganisationen rden zertrümmert, das ökonomische Leben erschwert, und alles leidet ' r unter der schlechten Leitung der Negierunasngenten. Wir haben schversten Niederlagen erlitten, und -als das Messer uns an der ' hle saß, erkannte die Negierung ihre Schwäche, die untauglichen Kister wurden entlassen. Wir begrüßen ein wenig diese Veründeug, aber hat die Negierung damit alles getan, um zum Siege zu langen? Nein, tausendmal nein; es kamen nur einige neue Männer, er die Regierung mit ihrem alten System ist geblieben, und die tum kann dem Volke noch nicht sagen: Wir haben neue, tüchtige ihrer, folgt ihnen ohne Furcht und Zweifel! Nein, das kann sie ht! Wir müssen zuerst den inneren Friedere schaffen, Achtung vor : Person errungen und den russischen Bürgern die Freiheit geben!" ' tarier Beifall im Zentrum und links.) Der Kadettenführer Miljukow erklärte: „Unsere Katastrophen edank-eu wir dom anormalen Verhältnis zwischen Regierung und lk. Um -die eigene Unfähigkeit zu verschleiern imb das Volk irre- 'ühren, sucht die Negierung die Sündenböcke in den kleinen üionalitäten, die sie durch falsche Beschuldigungen sinnlos und granm verfolgt." — Nach Aufzählung aller Schandtaten der Regierung itf Miljukow weiter: „Das unglückliche j ü di s ch e V o l k, welches iin Kriegsausbruch von Patriotismus durchdrungen war, wurde 4't Gegenstand systematischer Verfolgung. Das gesinnte jüdische - lk wurde rücksichtslos der Spionage beschuldigt. Das Mißtrauen u einzelnen Nationen gegenüber war immer der Leitfaden unserer ' ueren Politik. Die Regierung tat alles, um den Nationalitätenhaß entflammen. Während in Rußland ein Gesetz über Neligionssreiheit eristiert, Unmii wir Angenzengen der allerschrecklichsteii Ge"- nmlltaten, die an Sektierern verübt um rden, nur deshalb, weil voll irgendeiner eeite ihr Glaube als „Denkschenglaube" erklärt worden ist. Wir waren Augenzeugen des unerhörten Versuchs unserer Alachthaber, die religiösen und nationalen Gefühle der Bevölkerung des kaum besetzten Galiziens zu vergewaltigen. In diesem kaum betretenen Gebiet hat man für die Verwaltung die allerschlechtesten Provinzialbeamten Rußlands gewählt. Diese Scheusale von Beamten brachten es fertig, auch die uns verwandte Bevölkerung gegen uns zu empören. Aber alles verblaßte vor dem, was die Inden inr Kriegsrayon zu leiden hatten. Wenn man alle diese unerhörten Maßnahmen anfzählen soll, welche inan den Inden gegenüber für ihre i.iemals begangenen Verbrechen amvandte, so müßten wir uns ins Mittelalter versetzen. Wir müssen uns schämen, zu einem europäischen Volk gezählt zu werden. Das Ziel der Regierung ist klar, es mußte doch immer ein Sündenbrck für die schlechte Organisation und Niederlagen gesunden lverden. Ter einfache Abschied des Kriegsministers kann weder die Armee noch das Land befriedigen. Der Kriegsminister hat die Reichsdnma bewusst belogen. Man kann vieles durch die Untätigkeit der Regierung erklären, aber eine Untätigkeit der Regierung unter den augenblicklichen Verhältnissen ist kein' gewöhnlicher Fehler, sondern ein schweres Staatsverbrechen. Außerdem glaubt niemand, daß nur der Kriegsminister aüein die Schuld trägt. Die Verantwortliehen verschmähen es, auch nur eine Minute lang nachzudenken, was dem Lande not tut. Diese Menschen stehen ans denn Standpunkt, je schlechter desto besser. Die Tatsachen zeigten uns, daß Anhänger dieser Devise nur Vertreter der Regierung waren und nicht wir. Vom ersten Aloin ent des Kriegsallsbrnches an war die ganze Arbeiterklasse inr wahrsten Sinne des Wortes terrorisiert, die Krankenkassen wurden in Detektivkammern verwandelt, die Presse erstickt. Aber das -lvar ihnen noch nicht genug. Dieselben Leute, welche in ihren Reihen immer Al j a sie jeden os hatten oder noch jetzt haben, diese Leute begannen die Suche nach Verrätern in der Arbeiterklasse; während die Herren Aljassojedmvs hinter dem Rücken der Armee Rußland verkauften, verurteilte man unsere Kameraden und die R-eichsdumanbgeordneten, und Herr Schtscheglmvitow legte sie ln Ketten. Die Arbeiter forderten ihre Zulagen um wenige Groschen, dafür wurden sie erschossen. Von den I n d e n lverden die ehrbarsten Männer als Geiseln festgenommen. Ich frage euch: Hat schon irgendeine Regierung solch einen Zynismus erreicht, ihre eigenen Staatsangehörigen als Geiseln festzun-ehmen? Ich behaupte, daß das eine beispiellose Erscheinung in der Weltgeschichte ist. Hier sprach man über die Autonomie Polens. Wann begann man darüber zu sprechen? Als ganz Polen vom Feinde besetzt war!" Dann schilderte T sch e i d se die Lage >:m Kaukasus. „In dem zerstörten Gebiet Adscharia fand man -erfrorene Frauen mit Säuglingen, welche vor den Vergewaltigern geflohen lvar-en. Unser Land kann und darf nicht in einem solchen Instande bleiben, und es wirdsich auch ein Auslv-eg finden. Dieser Ausweg ist die vollständige Befreiung und Demokratisierung der Massen. Falls das Volk nicht erwacht und nicht in seine Hände das Schicksal des Landes nehmen wird-, ist der Zusammenbruch unvermeidlich. Die Regierung muß verschwinden, und das Volk muß das Schicksal des Landes bestimmen." Der jüdische Deputierte Friedmann sagte: „Die Juden zeigten sich ungeachtet aller Verfolgungen und Unterdrückungen sowie der Reehtlosmachnng im Kriege dennoch als wahre Patrioten, sie standen den anderen Nationen in keiner Beziehung nach, sie mobilisierten alle ihre Einberufenen, nur mit dem Unterschiede, daß sie dank eines Ausnahmegesetzes und im Gegensatz zu allen anderen russischen Untertanen auch ihre einzigen Söhne in den Krieg schickten. Die Zeitungen registrierten eine ungeheure Menge jüdischer Kriegsfreiwilliger. Diese Freiwilligen sollten ihrem Bildungsgrad nach Anspruch ans Ossiziersrnng haben, aber sie wussten ganz gut, daß sie als Juden den Qffiziersrang nicht erhalten lverden. Trotzdem zogen sie in den Krieg. Zahlreiche jüdische Studenten kamen ans dem Ausland und gingen an die Front. Die Juden bauten Lazarette, spendeten viel Geld und brachten verhältnismäßig weit größere Opfer als andere Nationen. Viele jüdische Soldaten bekamen auch das Georgskrenz. So war die Stimmung der-Inden bei Kriegsausbruch. Ursprünglich schien es, als ob man mit dieser Stimmung und mit dem Gefühl von Hunderttausenden von Inden, die ihr Blut fürs Vaterland vergießen, rechnen wird. Aber geschah es in Wirklichkeit? Inden und Jüdinnen, deren Männer, Kinder und Brüder ihr Blut fürs Vaterland vergossen

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