Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1915)
- Date
- 1915-08-13
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
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386 Zweifellos werden auch die jüdischen F raue n fordern, ein Mitbestimmilngsrecht in jüdischen Gemeindeangelegenheiten auszuüben. Ihre Forderung begründet sich nicht allein mit der alten natnrrechtlichen Anerkennung, daß alle Menschen gleichen Anspruch auf Recht und Gerechtigkeit haben unb daß sie als ein Teil der Menschheit keinen Verzicht darauf zu leisten brauchen; sie können auch ins Feld dafür führen, daß die weiblichen Gemeindemitglieder in gleichem Maße wie die männlichen ihre Pflicht erfüllen und zil ehrenamtlicher Mitarbeit nicht nur Lust ititb Liebe, sondern auch Fähigkeiten besitzen. Ihr starker Anteil an der durch den Krieg bedingten sozialen Hilfstätigkeit hat dafür den Beweis geliefert. Eine weitblickende Gemeindeverwaltung wird sich auch kaum dem Argument verschließen, daß die Heranziehung der Frauen schon deshalb im Interesse der Gemeinde liegt, weil dadurch die Anteilnahme am Gemeindeleben in den Familien starker ward. Sind die Frnuen erst gleichberechtigte Mitglieder, so ist eine natürliche Folge, daß sie ein lebhafteres Interesse an den Vorgängen innerhalb der Gemeinde nehmen und dieses auch auf ihre Familienangehörigen, vornehmlich ihre Kinder, übertragen. Es darf und muß eben als unumstößliche Wahrheit hingestellt werden, daß nur diejenigen Elemente der menschlichen Gesellschaft, welche von jeder Mitwirkung ausgeschlossen sind, jene völlige Gleichgültigkeit ausiveisen, die der schlimmste Feind jeder Gemeinschaft ist. Vorläufig sind die jüdischen Frauen noch von jeder Gleichberechtigung weit entfernt. Ein Versuch, den die Berliner Gemeinde in früheren Jahren unternahm, um den ehrenamtlich tätigen Frauen das gleiche Mitbestimmungsrecht innerhalb der Kommissionen zu verschaffen, mißlang, da die dazu notwendige Statutenänderung nicht die Genehmigung der Regierungsbehörde erhielt. Bei dem neuen Kurs, der sicherlich auch für Preußen zu erwarten ist, wird eine Wiederholung des Versuchs wohl von Erfolg begleitet sein. — Ein nicht hoch genug einzuschätzender Vorzug der Organisation der jüdischen Gemeinde ist, daß sie der ehrenamtl i ch e n B e t ä t i g tt n g großen Spielraum läßt. Auf jedem Gebiete findet sich neben der Erledigung der Verwaltungsgeschäfte durch Berufsbeamte die durch freiwillige Kräfte — und das nicht zum Zwecke der Ersparnis: vielmehr wird damit zu erreichen gesucht, daß das Band zwischen Gemeinde und Mitgliedern enger geknüpft wird. Hat doch auch die von Stein- Hardenberg eingeführte Selbstverwaltung der Städte den Zweck, den Kreis der mitwirkenden Mitbürger zu erweitern und den Gemeinsinn zu stärken! Es ist ein gutes Zeichen für den Betätigungsdrang unserer Gemeindeangehörigen, daß das Angebot von Mitarbeitern stets größer als der Bedarf an ihnen ist. Soll nun die freiheitliche Ausgestaltung eines Gemeinwesens dahingehend erfolgen, daß ein Einschluß aller in gleichem Umfange erzielt wird, so muß auch bei der Auswahl der Ehrenbeamten darauf Rücksicht genommen werden, daß sie sich nicht nur auf gewisse Schichten der Bevölkerung zu erstrecken hat. Nichts wäre verkehrter als die ehrenamtliche Mitarbeit zu einem Privileg der Besitzenden zu machen. Dadurch würden die Berwaltnngsgeschäfte der Gemeinde für die besitzlosen oder geringen Besitz aufweisenden Kreise jedes lebhaftere Interesse verlieren. Auch können manche Tätigkeitsgebiete durch den Zustrom aus den unteren Klassen nur gewinnen; beispielsweise ist es für die Armenpflege von Wert, wenn ihre Unterstützungssätze von solchen mitbestimmt werden, die mtf Grund ihrer eigenen Lebensweise mit den Verhältnissen der kleinen Leute vertraut sind. Tie Sitzungen der Kommissionen bieten zugleich den Boden, auf dem sich Angehörige verschiedenster sozialer Schichten gemeinsamer Arbeit kennenlernen können, schassen eine Fülle von Gelegenheiten, Fühlung miteinander zu nehmen, wie sie sonst nirgends vorhanden ist, denn bei der zunehmenden Differenzierung der Gesellschaft verlieren die oberen und die unteren Kreise die Berührungsmöglichkeiten. Nach vielen Richtungen hin lassen sich die hier angedeuteten Gedankengänge ergänzen und erweitern; es gibt noch andere Wege, um das Ziel zu erreichen, daß eine innereGemeinschaftvon unlöslicherBindung entsteht. Sie'allein bürgt für die Zukunft jedes Gemeinwesens. Auch die jüdischen Gemeinden werden als lebendige und lebensfähige Organismen diejenige Entwicklung durchmachen, welche durch die Zeit bedingt ist; sie werden unermüdlich danach streben, restlos die Leitsätze zu verwirklichen, welche lauten: Recht und Gerechtigkeit für alle! Die Woche. Berlin, 10. August >915. ie vergangene Woche hat ungeheure Fortschritte gebracht. Warschau und Jwangorod sind in unseren Händen. Sie sind nicht erobert, sondern von den Aussen geräumt worden. Das vermindert zwar unseren Triumph und unsere Fronde, um so mehr als die Armee und das ungeheure Kriegsmaterial, daS gewiß in Warschau zusammengebracht war, dadurch nicht in unsere Hände gefallen sind, und da es den Russen, wie in diesem Kriege schon so häufig, gelungen ist, der ihnen drohenden Umkreisung zu entwischen. Tic Russen fahren fort und werden in diesem Bemühen von der Presse der mit ihnen Verbündeten Staaten unterstützt, von einem planmäßigen Rückzug zu sprechen. Aber sie verschweigen, daß dieser Rückzug eben erfolgen mußte, um nicht die aufgehäuften Truppenmassen und das wertvollste Material zu opfern. Neben dieser Lüge steht die andere, daß sie Warschau räumten, um es zu schonen; denn wie wenig diese Aussage der Wahrheit entspricht, beweist der Umstand, daß die Russe» von Praga mis, der Vorstadt Warschaus, die sie bis gestern noch besetzt hielten, die Stadt zu beschießen versuchten; also der Stätte, die sie zu schonen Vorgaben, die größte Schädigung bereiteten. Der moralische Erfolg der Einnahme beider Städte (bei Schluß dos Blattes trifft die Nachricht ein, daß auch die Festung Lvmza gefallen ist) ist ein ungeheurer. Man erkennt ihn aus den sehr trüblichen und kläglichen Zugeständnissen englischer und französischer Blätter. Die deutschen Truppen und die mit ihnen verbündeten Scharen werden den neuen Besitz, den Preis ihrer riesenhaften Anstrengungen, in den sie gelangt sind, auSzunntzen verstehen. Wir unsererseits maßen uns nicht an, der bewährten und erprobten Heeresleitung einen Rat zu geben und überlasseo das Geschäft, Kombinationen zu versuchen, müßigen Köpfen. Wir hegen das feste Vertrauen, daß unsere Heere sich nicht i> nutzlose Abenteuer verstricken werden, sondern in dem nur gewonnenen Gebiete, das von Nordosten von Kurland aus er weitert und zu einem festen Walle gestaltet wird, sich so kräftsi verschanzen werden, daß die Russen bei ihren etwaigen Ver suchen einer neuen Offensive, bei ihren Anstrengungen, me die erlangte Beute abzujagen, ebenso kläglich zerschellen wer den, tvie bei allen ihren früheren Versuchen eines Angriffes Ob ivir wirklich, nachdem Warschau in unserer Hand ist nachdem die Russen aus dem größten Teil Polens versagt sind stärkere Truppenmassen nach dem Westen zu werfen imstand sind, und dort eine Offensive wagen können, die uns einci noch viel größeren Teil Frankreichs und das bis zur Se reichende Grenzgebiet Belgiens verschaffen kann, überlasser toir getrost der Obersten Heeresleitung. Die gegen uns Verbündeten Mächte fahren fort, unsere Siege zu verkleinern, bemühen sich aus ihnen nicht nur keiner Schluß auf unseren endgültigen Erfolg zu ziehen, sondern dir