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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-13 · Heft 33 (13.8.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 33 (13.8.1915)
Date
1915-08-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 13. August 1915 79. Jahrgang Nr. 33 Allgemeine eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-preis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berit« unv Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 329:. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 9M9, zu richten. Verlag. von Rudolf Blosse, Berlin. Htthflft* Innere Gemeinwirtschaft. Von Dr. Margarete Iakob- IJlllJUU* svhn, Dozentin an der Freien Hochschule. — Die W oche.— Bernhard Proskauer. — Neues Leben aus Ruinen. Von Rabbiner Dr. Bogelstein.— Geheimer Sanitätsrat Dr. OscarRothmann.— Heinestudien. Bon Ludwig Geiger. — Die „Wohltaten" des Hauses Romanow. Von Leo Scheinhaus. — Feuilleton: Der lange Rock. Roman von Anna Goldschmidt. — Litarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Thorn, Aus der Provinz Posen, Schroda, Rawitsch, Breslau, München, Nürnberg, Aachen, Göppingen, Wien, Konstantinopel, New Jork. — Bon Nah und Fern. Innere Grmeinlchskt. Bon Dr. Margarete Jacobs» h n, Dozentin an der Freien Hochschule. er Krieghat das Große gezeitigt, daß stärker als je im Menschen das G eme in s ch a st s b e w n ß t s e i n wachgerusen ist, daß der einzelne sich als Teil des Ganzen empfindet, dem sich unterzuvrdnen ihm als selbstverständliche Pflicht erscheint. Seit Beginn der Neuzeit hat sich in keinem Zeitraum die S t a a t s i d e e so siegreich durchgesetzt wie jetzt. Das Interesse des Staates ist zum ausschlaggebenden Faktor geworden, der auf unser gesamtes Leben bestimmend wirkt — und das nicht allein deshalb, weil der Staat die materielle Macht hat, die Wahrnehmung seiner Interessen zu erzwingen, sondern weil in jedem einzelnen der Wunsch glüht, über das Blaß des Zwanges heraus — freiwillig — zur Erhaltung des Ganzen beizutragen. Wir erleben eine Wandlung, die höchst bedeutsam ist: das Individuelle tritt zurück, das Betonen von Rechten des Jchs ist verstummt, das Persönliche versinkt im Strom der Allgemeinheit. Kurzum: das Staatsbürgertum niumphiert. Bon dieser Wandlung zieht nicht nur der Staat den Nutzen; oiclmehr bereitet das Zurücktreten des egoistischen und individuellen Elementes im Menschen den Boden vor, aus dem jede Gemeinschaft Früchte erntet, jede Gemeinschaft, welche für ihre Mitglieder zwingende Notwendigkeit besitzt. So können wir beobachten, daß auch das Zugehörigkeitsgesühl für die K vmmune größer geworden ist. Zahllose freiwillige Kräfte bieten sich an mitzuarbeiten, mitzuhelfen; Opfer jeder Art werden ohne Widerspruch getragen. Auch die Gemeinschaft der Juden, die jüdische G e - meinbe, bleibt nicht unberührt von dieser Quelle der Wärme, die überall emporsprudelt. Die Hingabebereitschaft ihrer Mitglieder für den Staat hat diese für sie selbst nicht nur nicht gemindert, sondern erhöht. Da, wo die Notlage der durch den Krieg betroffenen Juden besondere Maßnahmen erforderlich machte, wurden unter allgemeiner Anteilnahme die Einrichtungen geschaffen, die der sozialen Fürsorge dienen. Es fanden sich nicht nur die Mittel, es fanden sich vor allem in großer Anzahl die Menschen, die ihre Mitarbeit zur Verfügung stellten. Die innere Gemeinschaft erfuhr auch dadurch eine wesentliche Stärkung, daß der Burgfriede strikt durchgeführt wurde. Die inneren Zwistigkeiten wurden nicht weiter ausgetragen, sie verloren an Bedeutung; alles Trennende trat in den Hintergrund, das Gemeinsame wurde allen lebhafter als je fühlbar. Eine große Zeit hat immer zur Folge, daß der Sinn für das Wesentliche verschärft wird; das Unwesentliche büßt von seiner vermeintlichen Wichtigkeit ein. Als ein weiteres, gerade der jüdischen Gemeinschaft förderliches Moment kann die Stärkung der Religiosität angeführt werden, die seit Kriegsausbrnch eingesetzt hat. Auch sie führt zu innigerem Anschluß an die Genossen gleichen Glaubens, gleichen Fühlens. Für die jüdische Gemeinde ist es nun gerade eine Lebensfrage, den durch den Krieg hervorgerufenen engeren Zusammenschluß ihrer Mitglieder auch in der Zukunft zu sichern, auch dann, wenn die großen Gefühle und Impulse abgeebbt sind und Alltag eingetreten ist. Eine Lebensfrage ist es deshalb, weil vom Grad des Zusammengehörigkeitsgefühls die Entwicklung eines Gemeinwesens abhängt, dem anzugehören kein Zivang besteht. Je selbstverständlicher das freiwillige Beharren wird, um so mehr gesichert erscheint für alle Zukunft die Existenz der Gemeinde. Es kommt darum vor allem darauf an, daß jeder sich als Glied in der Kette empfindet, daß er sich mit den anderen Gliedern als unlöslich gebunden fühlt. Jeder einzelne muß sich als Teil eines Ganzen fühlen. Eine kluge Gemeindeverwaltung wird die Zeit eines ausgeprägten Gemeinsinnes nicht vorübergehen lassen, ohne Vorsorge für die Zukunft zu treffen, daß er erhalten bleibt. Ihre Aufgabe liegt darin, in den weitesten Schichten das Bewußtsein zu erhalten: die Gemeinde ist nicht etwas, das außerhalb von uns und unseren Interessen liegt, sondern die Gemeinde sind lvir selber. — Deshalb kommt es darauf an, die Menge zur Mitwirkung heranzuziehen, in jeden die Verantwortung für die Gestaltung des Gemeinwesens zu legen. Dies geschieht aber dadurch, daß jedem das Recht znsteht, an der Auswahl derer teilzunehmen, welche die Vertretung der Gesamtheit darstellen, daß das gleiche Wahlrecht für alle besteht. Die Vertretung der Berliner jüdischen Gemeinde bereitet schon seit geraumer Zeit eine Reform des bestehenden Wahlrechts vor; eine Aufgabe, die durch den Krieg einen Aufschub erlitten hat. Es liegt in ihrem Bestreben, demokratische Grundsätze zu verwirklichen, und als sicher kann angenommen werden, daß der Krieg auf den freiheitlichen Ausbau der Reform seine Wirkung ausüben wird. — Nach den Dezemberworten des Reichskanzlers kann es kaum zweifelhaft sein, daß Deutschland einer liberalen Gestaltung seiner politischen Verhältnisse entgegensetzen wird, und es wird kaum ein Gemeinwesen geben, in dem sich die Grundforderungen: „Freiheit und Gerechtigkeit" nicht durchsetzen werden.

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