Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 T/D Berlin, 3. August. Die soeben herauskommendeu „Mitteilungen Nr. *7 vom D e u t f ch - I s r a e l i t i s ch e n Ge m e i n d e b u n d e sind ein stattliches Druckheft von 120 Leiten Großoktav mit reichem Inhalt. An der Spitze des Heftes finden wir die Bekanntmachung, daß der Deutsch-Israelitische Gemeindebund nach Steglitzer Straße 9 übergesiedelt ist. Diese Tatsache hat nicht nur für die zahlreichen Korrespondenten des Gemeindebundes Bedeutung, sondern gewinnt ein allgemeines Interesse dadurch, daß auch der „Verband der deutschen Juden" in demselben Hause sich niedergelassen hat und daß Allssicht vorhanden ist, in absehbarer Zeit noch eine dritte Zentralkörperschaft unter demselben Dache zu vereinigen. Hieran schließt sich eine Aussprache des geschäftsführenden Vorsitzenden, mit der er die Ausschußsitzung vom 14. Februar 1915, die erste lvährend der Kriegszeit, eröffnete und in der er der Verluste gedenkt, die der Deutsch-Israelitische Gemeindebund inzwischen erlitten hat, vor allem der Heimgegangenen Ausschnßmitglieder Geheimer Hof- und Illstizrat Jose P h t h a l in Nürnberg und Stadtverordneten Louis Sachs in Berlin. Den beiden um den Gemeindebund (Iosephthal war der letzte überlebende Mitbegründer des Bundes, Louis Sachs bekleidete das Amt eines stellvertretenden Vorsitzenden) wie um das gesamte Judentum hochverdienten Männern sind in den „Mitteilungen" warm empfundene Nachrufe gewidmet. Unter den Heimgegangenen Delegierten sei des auf dem Felde der Ehre gefallenen Tr. med. Myslowitzer aus Schneidemühl und des im öffentlichen jüdischen Leben rühmlich bekannten Professor Dr. Horowitz in Berlin, früher in Thvrn, besonders gedacht.- Einen breiten Umfang nimmt der Bericht über die vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde aus Anlaß des. Krieges getroffenen Maßnahmen ein. Seine Bereitwilligkeit, die jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee dem Roten Kreuz für Lazarettzwecke zur Verfügung zu stellen, ließ sich angesichts der für den Verein Arbeiterkolonie unerschwinglichen finanziellen Anforderungen nicht verwirklichen. Auf seelsorgerischem Gebiet hat der Bund durch eine Einggbe an das Kriegsministerium sich für die Bestattung der in heimischen Lazaretten Verstorbenen aus jüdischen Friedhöfen interessiert, ferner mit Hilfe seiner Provinzialverbände und der in verschiedenen Bundesstaaten vorhandenen Behörden für jüdische Angelegenheiten die Seelsorge für die Kriegsgefangenen und die in heimischen Lazaretten befindlichen jüdischen Krieger geordnet und dafür Sorge getragen, daß bei der Vereidigung der jüdischen Rekruten seitens der Gemeinden daraus geachtet wird, daß die nach den geltenden Dienstvorschriften der Königlich Preußischen Armee den jüdischen Geistlichen zustehende Vorbereitung aus den Fahneneid überall ausgeübt werde. — Als bedeutsamer Erfolg ist anzusehen, daß die kriegsgeschädigten jüdischen Gemeinden Ostpreußens aus dem in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 22. Oktober 1914 dem Minister des Innern zur Verfügung gestellten besonderen Fonds für die kriegsgeschädigten Kirchengemeinden berücksichtigt werden sollen und daß bei der Verteilung der Gemeindebund bzw. als dessen Organ der Verband der Shnagogengemeinden Ostpreußens herangezogen werden wird. Es wird allgemeine Genugtuung auslösen, daß in der Eingabe des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes an den Minister des Innern vom 22. Oktober 1914 gerade auf die Heranziehung der freiwilligen Vereinigung der jüdischen Gemeinden zu diesem Werke großer Wert gelegt wird und daß der mit der Ausführung des Gesetzes betraute Oberprüsident von Ostpreußen den Wünschen sowohl hinsichtlich der Gemeinden wie deren Beamten weitkommendes Interesse entgegenbringt. Sehr verdienstlich ist die Arbeit des ostpreußischen Verbandes und seines von den Behörden geschützten Vorsitzenden, Herrn Stadtrats Eichelbaum in Insterburg. Dies sehr umfangreiche Hilfswerk des ostpreußischen Gemeindeverbandes ist noch nicht abgeschlossen. Unter den durch die Kricgsverhältnisse geschaffenen Fragen, die die Gemeindeunterstützungskommission und die Lehrabteilung beschäftigt haben, ist wohl die wichtigste die nach dem Schicksal derjenigen jüdischen Schulen, deren Lehrer zur Vertretung ihrer im Felde stehenden christlichen Kollegen herangezogen wurden und deren Schüler ihrem Lehrer gefolgt sind. In einem Rundschreiben an die betreffenden Gemeindeu vorn 9. April hat die Lehrabteilung ihrem Standpunkt dahin Ausdruck gegeben, daß mit Rücksicht auf die große Bedeutung der jüdischen Volksschule für das jüdische Leben innerhalb der Gemeinden die betreffenden Schulen nach dem Kriege wieder eröffnet werden sollen. Wo etwa aus lokalen Gründen es dem Gemeindevorstande bzw. dem jüdischen Schulverbande die Anftösung einer Schule wünschenswert erscheinen läßt, kann ein solches Verjähren nur gebilligt werden, wenn vorher durch bindende Abmachung dafür gesorgt ist, daß an der allgemeinen Volksschule, in die die jüdischen Lehrer übertreten, nicht nur der gegenwärtige jüdische Lehrer für Lebzeiten angestellt wird, sondern für alle Zeiten eine Stelle geschaffen io erde, die durch eiueu jüdischen Lehrer besetzt werden muß. Die Lehrabteilung wünscht, von jeder dieser Vereinbarungen benachrichtigt zu werden, und stellt ihren Rat zur Verfügung. — Es würde zu weit führen, hier die in den Mitteilungen aufgeführten zahlreichen Fälle der vom Deutsch-Israelitischen Geureindebunde geübten Kriegshilfe auf jüdischem wie allgemein-patriotischem Gebiet aufzuzählen. Die einzige Einschränkung der Tätigkeit des Deutsch-Israelitischen Gemeindebnndes lvährend des Krieges besteht in der mtf das Jahr 1916 aufgeschobenen Bearbeitung des „Handbuchs der jüdischen Gemeiudeverwaltung und Wohlfahrtspflege" (Statistisches Jahrbuch). Stark fühlbar ist der Eiufluß des Krieges auf die vom Deutsch- Israelitischen Gemeiudebuude verwalteten Institute. Die Zahl der Insassen der jüdischen Arbeiterkolonie in Weiszensee ist von 90 auf kaum 20 herabgesunken/ Die Israelitische Fürsorge erziehungsanstalt Repzin hat ihren Leiter, Herrn Barvuvlvitz, eiueu ihrer beiden Lehrer und zwei von ihren drei Aufsehern nebst 25 Zöglingen, zu denen noch eine Anzahl früherer Zöglinge hinzukommk. ins Feld geschickt. Leider ist Herr Baronowitz nach rnonatelanger Be teitiguug an den Kämpfen im Osten in Feiudeshand geraten. Von den Zöglingen haben zwei in rühmlichster Weise den Heldentod erlitten, zlv-ei sind durch das Eiserne Kreuz ausgezeichnet lvorden. Die Fürsvrgeerziehungsanstalt für schulentlassene israelitische Mädchenist am 7. Juni aus Plötzeusee in den neu errichteten, alten Anforderungen der Hygiene und Anstaltspädngogik entsprechenden Bau in Köpenick an der Mahlsdorfer Straße übergesiedelt. Die feierliche Eröffnung der Anstatt ist bis nach dein Fried-ensschtuß vertagt lvorden: nur eine Besichtigung durch die Gönner der Anstalt, die durch ihre eifrige Mitarbeit und durch große Geldspenden das Zustandekommen ermöglicht haben, hat stattgefunden. Auch die Beelitzer Anstalt hat einen Erlveiterungsbau erfahren, der als Lehrlingsheim gedacht ist. Mil Rücksicht aus den Mangel an Personal — die beiden Hilfslehrer und die Handfertigkeitslehrer stehen im Felde — werden die 14 neugeschaffenen Plätze nicht mit Lehrlingen, sondern mit Knaben zlvischen dem 7. und 14. Lebensjahre besetzt. Der Zudrang ist sehr groß. Tie „Mit teilungen" fordern auf Anregung des Herrn Lehrers Rothschild am Achim die Gemeinden aus, eine Kriegschronik anzulegen, in die bei spielsweise Berichte über Verpflegung jüdischer Soldaten, militärische Gottesdienste, Versorgung von Flüchtlingen, Verlvundeten, Gefangenen, Beisetzung von Gefallenen, patriotische Feiern einzutragen wären. Es wäre auch der Einfluß der Einberufung von Mitgliedern der Berwaltungskörperschaften und der Beamten auf die Weit-erführung der Gemeindeaufgaben. zum Ausdruck zu bringen. Es wäre ferner anzugeben, ob der Krieg Wegzug oder Zuzug bewirkt habe. Sodann wäre auch ein Bild der wirtschaftlichen Veränderungen im Leben der verschiedenen Erwerbsgruppen innerhalb der Gemeinden, ihr Einfluß ans den Etat der Gemeinden zil entwerfen. Das Schicksal der jüdischen Schulen wäre gleichfalls zu berücksichtigen. Schließlich sollen interessante Einzelerlebnisfe und Betrachtungen nicht zu. kurz kommen. Als Zustandsbild der Bestrebungen der deutschen Juden für ihre öst liehen Brüder ist das stenographische Protokoll der Jahresversammlung der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmensürsorge von- 10. Mai 1914 von kulturhistorischem Interesse. Ter Deutschen Zentral stelle, die zurzeit geringe Gelegenheit hat, ihre Tätigkeit zu entfalten warten nach dem Kriege große Aufgaben. Die einen Druckbogen um fassende Abrechnung des Dentsch-Israelitischeu Gemeindebundes uu> seiner Institute gibt aufs neue eine Vorstellung von dem großen lim saug und der Kompliziertheit der dem Bureau obliegenden Verwai tungsgeschäfte. Exemplare der Mitteilungen können Jnteressentei durch das Bureau des Dentsch-Israelitischeu Gemeindebundes, Berlin Steglitzer Straße 9, gratis zur Verfügung gestellt werden. Berlin, 3. August. Unter großer Beteiligung der ärzi lichen Kreise und hygienischen Vereinigungen fand am 28. v. M. au dem Friedhof in Weißensee die Beerdigung des am 25. Juli ver storbeneu Geheimrats Prof. Tr. Bernhard P roskauer statt Vom Gesundheitsamt der Stabt Berlin wohnte Stadtmedizinalrat Geh. Medizinalrat Tr. Weber mit vielen Mitgliedern des Gesund heitsamtes der Trauerfeier bei. Ferner sah man in der zahlreichen