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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-06 · Heft 32 (6.8.1915) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 32 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
Seite 383 (sequence 11)
Language
German
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Juden getroffenen Bestimmungen unverzüglich wieder aufzuheben. Zu Ehren Dschemals, des Kommandanten der syrischpalästinensischen Armee, muß gesagt werden, daß er den Anweisungen der Zentralregierung nicht nur äußerlich, in getreuer Pflichterfüllung, nachkam, sondern mit soldatischer Charaktergeradheit sich ihnen, sobald er die Gründe der Verfügung und ihre Berechtigung erkannte, auch innerlich anschlvß. Seitdem befleißigte er sich geradezu, ein durchaus judenfreundliches Verhalten an den Tag zu legen. So besuchte er neben verschiedenen jüdischen Kolonien auch Tel Awiw, die „zionistische Hochburg", in Jaffa sowie das dort befindliche hebräische Gymnasium. Und damit man sich ja keiner Täuschung über seine Gesinnung hingebe, erließ er schließlich noch folgende Proklamation: „Es wird mir mitgeteilt, daß unter der Bevölkerung Nachrichten verbreitet werden, denen zufolge unsere jüdischen Brüder in Palästina ihre nationale Pflicht nicht erfüllten und ihre Gefühle nicht mit denen der übrigen Ottomanen übereinstimmten. Ta diese Nachrichten der Wahrheit widersprechen und schädlich sein können, befehle ich mit aller Strenge, derlei Ausstreuungen vollständig zu unterdrücken. Schwer bestraft wird jeder, der solche Nachrichten weiter verbreitet." Nun ist alles wieder in Ordnung. Denn auch die Anglv- Palestine Company ist wieder geöffnet und steht nur der ^orm nach, weil sie, wie ihr Name besagt, offiziell als englische Gründung gilt, unter Sequestration. Auch die hebräische Sprache ist für den Briefverkehr wieder freigegeben worden, und als Zensor fungiert —- ein zionistischer Matador . . . fkxi Der lange Lock. Roman von Anna Goldschmidt. <18. Forlictzung.) Um Gottes willen, was haben Sie denn gemacht?" sagte er und vergas; vor lauter Entsetzen, mir „Guten Tag" zu agen. Und dann — in einem Ton, der keinen Zweifel an seiner lleberzeugtheit ließ —■; „Geradezu scheußlich sehen Sie aus." Ich lachte, obgleich mir das Wort weh getan hatte. „Sv werde ich nun immer frisiert gehen," sagte ich ernst. „Sie sind wohl nicht gescheit, Esther — nein, Esther nenne ch Sie nicht mehr, in dieser Verzerrung sind Sie nicht mehr die Königin Esther." — „Schrecklich!" fuhr er kopfschüttelnd fort nach einer Weile killen Befchauens. „Wie eine Haartracht nur so entstellen, o alles Gefällige, alles Schöne rauben kann! Und ist denn oas — eigentlich," er stockte — in dem Punkt hält er sich nicht >ir ganz sattelfest — „ist denn das jetzt modern?" „Nein, ich gehe so aus Pietät." „Aus — was?" „Aus Pietät. Als meine Mutter jung war, war es so modern." Und ich zeigte ihm Mamas Photographie. „Ach sovo," sagte er plötzlich und lachte hell auf. Er hatte den Zusammenhang verstanden. Da ist aber nichts zu lachen, Josua. Meine ernsten Wünsche >ind nicht zu verlachen. Und wenn du über meine Frisur lachen mußt, so solltest du daran sehen, wie lächerlich dein Rock ist. ach glaube, ich habe das alles gesagt. Ich war sehr verlvundet, meinte sogar vor Zorn. Und dann haben nur Frieden gemacht. Ich glaube, einen recht ungleichen, unrühmlichen Frieden: Ich werde von nun an mieder den Wellenscheitel tragen, der ihm gefällt, und er wird weiter im langen Rock gehen. Und über Frisuren und Röcke wollen wir in Zukunft nicht mehr reden. Den.1914. Ich habe eine Einladung vom Vorstand der Jwria bekommen. Uebermorgen spricht Jakob Salim, ein sehr bedeutender Redner. Der „Vorsitzende" hat auf die gedruckte Einlaßkarte ein paar Worte geschrieben. Ich habe die Verpflichtung, ihm meine Eindrücke bis ins kleinste aufrichtig zu sagen, was mir einleuchtet und was ich nicht verstehe, auch wie mir seine Freunde gefallen. Ich bin sehr begierig auf alles. ' , Den.1914. Es war hochinteressant. Josua hat mir all seine Freunde vorgestellt. Und mit einem Male habe ich seinen unbeugsamen Sinn und seine scheinbare Ungerechtigkeit begriffen, rechthaberisch von seinem Nächsten zu verlangen, daß er denke wie er. Das ist keine persönliche Eigenschaft von ihm, das ist Parteigeist. Wie ich es aushalten soll, über all das bis Sonnabend nicht mit Josua zu sprechen, das weiß ich nicht. Aber er konnte mich nicht heim begleiten, er als Vorsitzender mußte mit dem Redner in dessen Hotel gehen und sich ihm noch etwas widmen. Einer vvn seinen Freunden tat es auf seine Bitte, ein junger Zahnarzt. Wir sind keine guten Freunde geworden auf dem langen Weg, obgleich er mir gleich viel Vertrauen zeigte. Das tun sie übrigens alle. Es ist doch etwas, was alle Juden gleich verbindet, etwas, loie ein Hauch der Verwandtschaft, der alle umweht. Es ist sonderbar, ich lernte die meisten dieser Leute erst den Abend kennen und fühlte mich mehr zu Hause, als nach Jahren in der „Harmonie". Der blasse Dr. Barth, mein Begleiter, war von einer merkwürdigen Schwermut, die er mir aber auch sofort mitteilte. Bei jedem Wort und ohne Anlaß, selbst, als wir einmal schnell einem Auto ausbiegen mußten: „Und was wäre schon, wenn ich überfahren worden wäre? Ein Unglücklicher weniger auf der Welt!" Ich kann eine Sentimentalität, die sich so schamlos gleich offenbart, nicht leiden, deshalb sagte ich nicht gerade wehleidig: „Was drückt Sie denn für ein großes Unglück?" „Das größte!" sagte er und breitete seine Arme leidvoll aus. „Ich bin heimatlos." Ich starrte ihn etwas dumm an. Und er fuhr fort: „Kann ein Mensch glücklich sein in der Fremde, im Goluß? Ich sehne mich nach dem Land meiner Väter." Am liebsten hätte ich gesagt: „Sie sind verdreht!" Aber Gott sei Dank, ich hielt zurück. Aber ich fragte ziemlich barsch: „Stehen Sie allein auf der Welt? Haben Sie keine Freunde? Keine Eltern?" „Ich habe die zärtlichsten Eltern von der Welt," sägte er mit inniger Betonung, „die mir die sonnigste Kindheit bereiteten und sich täglich noch für mich aufopfern würden. Ich habe die liebevollsten Geschwister und die besten Freunde, aber —" „Ein Undankbarer sind Sie," sagte ich. Ich konnte mich einfach nicht beherrschen, und wir haben uns tüchtig gezankt bis vor meiner Haustür, und auch da waren wir noch nicht fertig. Er hat mich nicht überzeugt. Ich ihn freilich ebenso wenig. Ich bleibe dabei, es ist etwas Unrechtes, mindestens aber etwas Krankhaftes, seine lebendigen Eltern zu vergessen und sich nach seinen toten Urahnen zu sehnen. Als ich am Schlafzimmer der Mama vorbeiging, ries sie inich an. „Edith, wer war denn der Herr, den ich unten mit dir sprechen hörte?" „Dr. Barth, Mama, ein junger Zahnarzt, er hat mich heimgebracht." „Ach, der. Ich habe schon von ihm gehört. Er soll ja wohl schon eine gute Praxis haben?"

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