Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-06 · Heft 32 (6.8.1915) · p. Seite 381

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 32 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
Seite 381 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229210--71523-3283868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

381 nahm, verlor ich einen halben Tag und kam auf diese Weise erst am Sonntagmittag in Hamburg an, wo mich bereits meine drahtlich benachrichtigten Eltern nebst meinem Bruder erwarteten. In Donaueschingen wurde ich auf meine gefärbten Haare hin von einem Gendarmen angehalten, aber da man auf mein Verlangen im Konsulat in Genua in meinen Paß geschrieben hatte: „Haare braun gefärbt", ließ er mich mit Entschuldigungen lausen. Auch hier erregte, wie auf dem Bezirkskonmmndo und jetzt bei der Kompagnie, mein zersetzter Paß, den ich ja in den Stiefeln getragen hatte, die größte Bewunderung. Jetzt bin ich bereits eine Woche im blauen Nock, tue stramm Dienst und bin außerdem auch schon mit einer Korporalschaft betraut. Zum Glück kann ich zu Hause wohnen. Wann ich ins Feld komme, weiß ich noch nicht, doch denke ich kaum vor drei Wochen, es kann aber noch länger dauern. Hier in Hamburg merkt man vom Kriege beinahe nichts, abgesehen von den vielen Soldaten, die herumwimmeln. Natürlich sind einige Sachen teurer, aber auch mit dem „Pan de guerra“ ist es nicht so schlimm und es schmeckt mir sehr gut. Aber von Not und Hunger keine Spur. Palästina in Kriegsbeilen. Eine K u n >d g e b u n fl Mosch e Francos, des Jerusalemer C h a ch a m B a s ch i. Von * '* * (Schluß.) II. m Innersten aufs tiefste getroffen, in seiner Ehre ge- \ kränkt, in feiner Würde verletzt, als Bürger beschämt, als Jude beleidigt, schien es dem Oberrabbiner von Jerusalem, Chacham Baschi Mosche Franco, nun auch für ihn an der Zeit, aus der bisher beobachteten Zurückhaltung herauszutreten. Und so richtete er ein Protestschreiben an den Gouverneur von Jerusalem, bei ihm über die den Juden zugefügte Unbill Beschwerde führend und ihn, der erst kürzlich auf seinen neuen Posten in der heiligen Stadt berufen wurde, zur Abstellung der Mißstände ermahnend. Wir glauben einen Patriarchen aus biblischer Zeit zu vernehmen, einen Weisen voller Abgeklärtheit und ruhiger Ueberlegenheit. Ohne Pathos, aber auch ohne Schminke macht er seine Darlegungen; ohne Uebertreibung, aber auch ohne etwas zu verheimlichen, fügt er Satz an Satz, Gedanke an Gedanke, und in allem, was er sagt, dokumentiert sich jener in sich gefestigte Standpunkt, der nicht aus einem rechthaberischen Gefühl, sondern aus dem Recht heischenden Bewußtsein gewonnen zu werden pflegt. Ich gebe den Brief in ungekürzter Form wieder, überzeugt, daß er mit Genuß und Genugtuung gelesen werden wird. Ein Hauch alten Spanierstolzes iveht uns aus den Worten des spaniolischen Rabbiners entgegen — sofern wir solches mannhaft-jüdische Auftreten erst durch eine Oualitätsanleihe bei diesem Lateinervolke deuten zu sollen glauben . . . Der hebräisch veröffentlichte Text bot teils durch die Eigentümlichkeit der hebräischen Sprache, teils durch die archaistische Ausdrucksweise des Schreibers nicht unerhebliche Schwierigleiten für den Uebersetzer. Ich bemühte mich, von dem Briefe eine möglichst wortgetreue Uebersetzung zu liefern. Nur wo es sich nicht anders machen ließ, wählte ich die etwas freiere Fassung, ohne selbstredend dabei je vom Sinne des Textes im geringsten abzuweichen. Der offene Brief des Chacham Baschi, der im „Hacheruth" erschienen ist, lautet in deutscher Uebersetzung folgendermaßen: An Se. Exzellenz Midhad Bei, Gouverneur von Jerusalem. Indem ich meiner lebhaften Freude über die Ankunft Eurer Exzellenz, deren Persönlichkeit Gewähr für eine gerechte und energische Amtsführung bietet, Ausdruck gebe, benutze ich die Gelegenheit, Eurer Exzellenz Aufmerksamkeit aus ein Anliegen meiner Stammesgenossen zu lenken, deren Interessen zu verfechten ich kraft des mir von der Regierung übertragenen Amtes eines Chacham Baschi von Jerusalem berufen und verpflichtet bin. Seit Jahrhunderten leben wir unter dem Schutze der erhabenen türkischen Herrschaft und erfreuen uns als Vollbürger in Freiheit und Frieden der Rechte, die sie uns, allen ihren anderen Untertanen gleich, ohne Einschränkung eingeräumt hat. Wir fühlten unS daher auch von jeher als treue Söhne unseres teuren Vaterlandes und dankten stets Gott, daß er uns die Gnade erwiesen hat, uns der schirmenden Obhut einer solchen Regierung zu überlassen. Leider müssen wir aber in letzter Zeit Dinge sich vollziehen sehen, die wir niemals erwartet hätten; Dinge, die dazu angetan sind, die Ehre meines Volkes in den Augen der anderen Mitbürger herabzusetzen und es in den Verdacht von Handlungen zu bringen, die seiner unwürdig sind. Nimmermehr fürwahr kann so etwas dem Geiste der Gleichheit und Brüderlichkeit entsprechen, die mit goldenen Lettern auf der Fahne unserer erhabenen Regierung geschrieben stehen. Es ist ein Befehl erlassen worden, dem zufolge es den Juden verboten sein soll, ihre Korrespondenz im Hebräischen zu führen. Zur selben Zeit jedoch wird es allen anderen Völkerschaften im Reiche - freigestellt, sich nach Belieben der eigenen Sprache (wie der armenischen, griechischen usw.) zu bedienen; ja sogar in den Sprachen der kriegführenden Nationen ist ihnen zu schreiben gestattet worden. Angesehene jüdische Geldinstitute, die selbst noch während der letzten furchtbaren Krise viel Geld ins Land gebracht haben, sind geschlossen worden. Dadurch leiden nun nicht bloß sämtliche im Lande lebende Juden, sondern auch Teile der anderen Bürgerkreise. Was uns jedoch am schmerzlichsten berührt, das ist, zusehen zu müssen, wie Verfügungen gegen uns erlassen, Erklärungen gegen uns veröffentlicht, ja selbst Haussuchungen in Anstalten und bei Privaten vorgenvmmen wurden, wobei man nicht einmal davor zurückscheut, angesehene Mitglieder der Gemeinde ihrer Freiheit zu berauben und manche von ihnen sogar ins Gefängnis zu sperren. Dieses Vorgehen, welches geeignet ist, den anderen Bürgern als Beweis dafür zu dienen, daß gegen einen Teil der jüdischen Bevölkerung — nämlich die Zionisten — ein starker Verdacht verräterischer Umtriebe besteht, setzt in deren Augen zugleich die Ehre des gesamten Judentums herab und muß schließlich bei ihnen die Auffassung erzeugen, daß den Juden gegenüber alles erlaubt sei. Als Hirt meiner Gemeinde kann ich darüber nicht hinweg, ohne gegen das geübte Verfahren energisch Protest zu erheben. Sowohl ich wie die übrigen Gemeindesührer, die wir doch mit allen Vorgängen im jüdischen Leben aufs genaueste vertraut sind, können mit ruhigem Gewissen und vor aller Welt feierlichst bezeugen, daß es unserem Volke absolut sernliegt, auch nur einen Schatten von Gegnerschaft gegen die Staatsgewalt zu hegen, und daß es unserem Volke durchaus zuwiderlaufen würde, einer Geheimaktion oder Geheimbündeleien zu huldigen, die gegen den Geist und das Wohl der Regierung gerichtet wären. Wir alle, ob alt oder jung, ob seit Generationen eingesessen oder erst seit kurzem eingewandert, sind in aufrichtiger, aufopferungsvoller Treue unserer Regierung zugetan, und alle ohne Ausnahme erwünschen wir von ganzem Herzen das Glück unseres Staates und seinen Sieg. Auch flehen wir zu Gott, daß es uns immerdar vergönnt bleiben möge, Söhne dieses Vaterlandes und seinen Interessen treu dienende Untertanen zu sein. Wenn die Regierung es für richtig findet, Verbote zu erlassen oder etwas zu unterdrücken, so ist es selbstverständlich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.