Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-06 · Heft 32 (6.8.1915) · p. Seite 380

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 32 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
Seite 380 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229210--71522-3283867
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

380 Intelligenteren unter ihnen in Verbindung und erfuhr folgendes: In alten Zeiten war einmal eine Epidemie, deren Aushören zeitlich mit der Trauung eines Brautpaares zusaininenfiel. Daraus wurde nun mit zwingender Logik der Schluß gezogen, daß eine allgemein verbreitete Krankheit durch die Trauung eines Brautpaares gebannt werden könnte. In dein Städtchen, das ich besuchte, war nun eine Krankheit ausgebrochen, und um sie zu bannen, hatte man ein Brautpaar ausfindig gemacht, das sich auf dem Friedhöfe inmitten der Leichensteine seinen Trauhimmel errichten ließ. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß selbst in Galizien ein vernünftiger Jude seine Ehe auf dem Friedhof gesegnet und geschlossen wissen wollte, und auf mein weiteres Fragen stellte ich dann fest, daß man in der Tat einen Schivachsinnigen mit einer Geistesarmen vermählt hatte in dem Wahn, dadurch die Krankheit zu bannen. Und als die Krankheit nicht wich, fand sich ein zweites bedauernswertes Paar, das sein Eheglück auf dem Friedhof begründete. Trotzdem wurde der ersehnte Zweck nicht erreicht. Ich hörte dann von den Juden, von denen ich mich belehren lassen wollte, daß sie von der festen Ueberzeugung durchdrungen seien, das Ende der Krankheit, wann es auch immer sei, stehe in Zusammenhang mit den vorgenommenen Friedhvfstrauungen. Ich machte die Juden auf das Abergläubische und Nichtjüdische solchen Tuns aufmerksam und wies sie darauf hin, daß Nichtjuden, wie es hier bei unseren Soldaten und auch Offizieren tatsächlich der Fall ist, einen gänzlich falschen Eindruck von dem Werte des Judentums empfangen müßten, daß die Weltinission des Judentums mit solchen Auffassungen schlecht übereinstimme — aber das jüdische Galizien von heute verstand mich nicht, das jüdische Galizien der Zukunft indessen schien mit dämmerndem Verständnis an meinen Ausführungen zu hängen; mit dein strahlenden Auge der Jugend und dem geschärften Ohre des Wisfensdurstigen waren sie befriedigter als die, die sie bisher aus Mißverständnis von den Quellen modernen Wissens und zeitgenössischer Kultur ferngehalten haben. Aus solchen Erfahrungen ergibt sich für uns deutsche Juden die gewaltige Aufgabe, unsere galizischen Brüder mit Hilfe der österreichischen Regierung aus der sie beengenden Welt finsterer Unwissenheit und beschämenden Aberglaubens herarlszuführen, auf daß ihre Söhne an der jüdischen Kultnr, an jüdischer Zukunftsarbeit in der einzig möglichen Form, die unser Jahrhundert gestattet, sich tatkräftig beteiligen, auf daß ihre Töchter nicht nur für die Küche und nicht nur zur Erhaltung der Art heranwachsen, sondern mit modernem nud jüdischem Wissen, das ihnen heute völlig äbgeht, ausgestattet in der feinfühligen Art des Weibes mithelfen, das Judentum in seinem Geist und auch in seinen äußeren Formen zur allgemeinen Anerkennung zu bringen. Dann wird gerade bei ihnen die Klage verstummen, die sie heute täglich und stündlich Vorbringen, daß die Welt, in der sie leben, sie nicht versteht und von dem schönen vom Verständnis für die Menschheitsausgaben zeugenden Grundsatz nichts weiß: „Nicht mitzuhassen, sondern mitzulieben bin ich da." Seile eines jungen deutschen Urseliten non Suenos Aires nsch Lurups. in Freund unseres Blattes sendet uns den nachstehenden Bericht t'im'y Verwandten, eines jungen deutschen Juden, der in Buenos Aires lebte, die Reise von dort nach Deutschland antrat, um sich zum Militär zu stellen, und mit cin*cr stmmenswerten Geschicklichkeit und Schlauheit alle Schwierigkeiten überlvand, die sich ihm entgegenstellten. Ter Brief, obgleich vom Mai 1915 datiert, wird noch heute von Interesse sein. Er zeigt, mit welcher Opserfreudigkeit einer der vielen Tausende seine Pflicht gegen sein Vaterland zu erfüllen wußte, und wie er durch Klugheit und Selbstbeherrschung den größten G> sahven zu entgehen Verstands. „Den 11. Mai 1915. Als ich mich gleich nach Abfahrt des Dampfers unter den Pass igieren umsah, bemerkte ich zu meiner größten Freude, daß sich unt r denselben kein richtiger Südamerikaner befand, ich also wegen mein * Spanisch kaum etwas zu befürchten hatte. Am dritten Tage sprach mi lj am Abend, als ich an der Bordwand lehnte, ein Herr auf deutsch l n und wollte mich vor einer Schweizerin warnen; aber da ich nicht wußl \ wer er war, fragte ich auf spanisch, ob er etlvas von mir woll:?. und tat, als ob ich ihn nicht verstanden hätte. Sonst verlief die Rei? bis Dakar ohne jeden weiteren Zwischenfall. Als wir in den Hasen von Dakar einliesen, bubberte mir das He; doch ein wenig. Schließlich als der Dampfer beim Kohlen war, ka n ein Offizier an Bord, und die Nichtitaliener unter den Passagier w mußten im Salon antreten. Einige Herren, die tatsächlich Deut sc? waren, untersuchte und befragte er aufs genaueste, bei mir wollte r nur einen Militärpaß sehen, war aber Zufrieden, als ich behauptete, d. s; in Paraguay die Studenten nicht zu dienen brauchen; außerdem erklär? ich, von englischer Mstammung zu sein. Daraus ging ich an Land, ni d zwar mit der Schweizer Dame, vor der man mich gewarnt ini) die uns allen bei der Unterhaltung gedolmetscht hatte. Sie war deutsi: feindlich, hielt uns aber alle für echt. In der Stadt lief ich also a:i feindlichem Boden ganz vergnügt spazieren und machte einige Einkäu. In Gibraltar hatten wir mit der Untersuchung Glück: die Engländ r revidierten nur die Schiffspapiere, und so verließen wir auch diesn Platz, ohne daß man von uns einen von Bord geholt hatte. Trotzde >i ich mich schon in Sicherheit glaubte, ließ ich doch die Maske nie 1 fallen, besonders da ich ja über die Lage Italiens nichts wußte. Und in letzter Stunde kam noch ein Hindernis. Am Ankunftstag . zwei Stunden bevor wir in italienische Gewässer kamen, wurden m mcrgens um 5 Uhr von einem Hilfskreuzer angehalten und ein Offizn r mit verschiedenen bewaffneten Franzosen kam an Bord. Ich ungli'u liches Menschenkind wurde Zuerst ausgesragt. Während ich mit eine : Matrosen auf spanisch verhandelte, fragte mich plötzlich ein anderer a.r' deutsch etwas; aber ich tat, als ob ich nichts gehört hätte, und a * er die Frage wiederholte, fragte ich den ersten, was denn der Ke i eigentlich voll mir wollte. Dann wollten sie noch andere Papiere sehe i und waren auch mit meinen verschiedenen Empfehlungsschreiben na--; Zürich nicht zufriedengestellt. Ta hörte ich, wie der eine auf fra; zösisch darauf aufmerksam machte, meine Unterschrift zu prüfen; u diesem Augenblick bat mich der zweite Matrose sehr höflich auf deutse, meinen Namen auf ein Stück Papier zu schreiben, aber auch diesiu. fiel ich nicht darauf rein und schrieb erst, als ich auf spanisch da,:: alifgefordert wurde. Trotzdem behauptete der Kerl, daß ihm mei, Papiere nicht genügten, und meinte, ich lnüßte doch Briese von B kannten usw. bei mir haben. Er fragte dann, ob ich immer in Buem. Aires gewesen sei, und als ich erzählte, ich wäre als Kind fünf Iah,.' in England gewesen, sprach er in sehr schlechtem Englisch mit mir. Nichtsdestoweniger erklärte er, daß er sich gezwungen sähe, meiiu; Koffer zu untersuchen. Den einen Koffer kramten sie mir auch richt!; ganz aus, aber außer einem Paar Lackpumps mit seidenen Socken darb und einem Brillenfutteral aus Buenos Aires fanden sie nichts Be dächtiges. Da nun inzwischen auch der Kommissar energisch gegen ein? längeren Aufenthalt protestiert hatte, zogen die Franzosen ohne Erfol > ab. Ich war natürlich froh; wie ich nachher hörte, Hütten die andere deutschen Herren an Bord, die sich lange nicht so vorgesehen hatte: eine Kosferrevision nicht ebenso glücklich überstanden und hatten eir mächtige Angst davor. In Genua auf dem Konsulat am nächsten Tm sprach ich dann die Herren alle sehr ausführlich; darunter war au : der Herr, der mich auf delltsch angeredet hatte. Er sagte mir, er Win wirklich stutzig geworden, ob ich nun ein Deutscher sei, als ich mit der Franzosen vor Toulon so schnell auf englisch rappelte. Nachdem ich vergeblich erst einige Tage auf die Ankunft der „Negiu Elena", auf der verschiedene Bekannte kommen sollten, gewartet halt fuhr ich endlich am Freitag, den 7. Mai, morgens, nach Hamburg. Na > mehreren Irrfahrten, da der neue Fahrplan nirgends erhältlich wa langte ich schließlich an der Grenze an und wurde dort nach Donai eschingen als dem mir am bequemsten liegenden Bezirkskommando g< sandt. Durch diese Meldung, die nur wenige Minuten in Ansprw ' *) Wir lassen den Namen absichtlich aus, sind aber bereit, der komp tenten Behörde, die den Namen zu erfahren wünscht, diesen mitzuteiler. Die Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.