Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229210--71521-3283866- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
379 te. Ein? tbnelenfi it. oohl ein egen bi' rdanker, nd Tor ieb, dagigestec!l l stecken?)audan? , dich 31 es heiß : )? All? dir? - rmps bi? Friede i im Ve^ n höhl, das di? Veit nn it leite. Judei. ter de?;el de - i Schar tampfe u leide; ie mar, )er, al - icke bhin-au' üste de? werde r g ar i and ari ere Er s Lost? en, in uf da' Von ie buxu nde, w? > Von ise itio nburci' zu bei en, ba i en sin . lerblicl ' Freihe: bet l)ii nu’c. itäbte! Mitte >nt ei i el sehe > ten h> > rt. N> hriste n aii Sabbat, bte bev Jude nicht selbst ausführen darf. Sobald ich in ein Judenviertel komme und mit dem ersten besten, sei es Mann, Frau oder Kind, ein Gespräch angeknüpft habe, dauert es keine Viertelstunde, bis sich die Kunde von dem „Feldsrabbiner" oder dem „daitschen Dvktorrabbiner" überall verbreitet hat und man sich sehr bald zum Mittelpunkt einergroßen Schar von Bewunderern und noch mehr Neugierigen geworden sieht. Noch wagt keiner Fragen zu stellen, man muß selbst fragen, und die anfängliche Schüchternheit weicht dann sehr bald einem immer mehr anschwellenden Redestrom. Der Doktorrabbiner nimmt bei diesen Juden eine ganz eigentümliche, uns merkwürdig berührende Stellung ein. Auf der einen Seite staunen sie ihn an als einen Menschen, der mir der Wissenschaft engere Fühlung genommen als auch nur einer von ihnen, auf der anderen Seite nehmen sie ihn gerade deshalb als Rabbiner nicht für voll. Sie schenken ihm kein Vertrauen, halten ihn in jüdischen Dingen für einen Am Haarez, und so waren sie in der Tat erstaunt und sichtlich erfreut, als ich die Frage eines ganz besonders Wißbegierigen, ob ich auch schon einmal Talmud und Schulchan Aruch gelernt habe, mit gutem Gewissen bejahen konnte. „Na, dann also scholl es von einigen Seiten, und wenn ich diesen Gruß richtig deute, war ich damit gewissermaßen als gleichberechtigt in diesen Kreis ausgenommen. Wohin diese mittelalterliche Anschauung, als ob Judentum und modernes Wissen einander ausschließen müßten, führt, erhellt klar aus Ser Tatsache, daß z. B. eine Stadt wie Jarvslan, die eine sehrschöne und große Synagoge mit einem besonderen Beth Hamibrasch ihr eigen nennt und 5000 jüdische Seelen bei einer Einwohnerschaft von 30 000 zählt, seit neun Jahren keinen Rabbiner hat, weil die einen einen „Rebbe", die anderen einen Doktorrabbiner wünschen. Da man sich nicht einigen kann, muß eben die Gemeinde überhaupt aus einen Rabbiner vernichten. Wie sehr Gemeinde und alle Institutionen darunter leiden, habe ich selbst feststellen können. Ist nun die Gemeinde auf der Straße versammelt, und stellt man dann die allgemeine Frage, wie die Verhältnisse unter der Russenherrschaft gewesen seien, dann geht allüberall ein Klagen und Jammern los, daß einem das Herz brechen könnte. Ich beabsichtige in einer anderen Artikelserie mich des uüheren darüber auszulassen. Aber dann erlebt man auch wieder Helle Freuden, wenn man die Lobeserhebungen aus das deutsche Militär hört, das als der Befreier Galiziens und der Juden betrachtet wird. Die Frauen sind alle sehr arbeitsam, ihre große Kinderschar zwingt sie ja wohl von selbst dazu; die Männer, soweit sie jetzt nicht im Kriege sind, „lernen" und etzen ihre Diskussionen oft auf der Straße fort. Die alte rracht des Kaftan, der Peies und der sichtbar getragenen Jizith ist hier selbstverständlich. Jeder Versuch, hier modernen Anschauungen Raum zu geben, würde an dem bewundernsiverten Fatalismus dieser armen Juden unbedingt scheitern. ,Gott hat bis jetzt geholfen, Er wird auch weiter Helsen." Das ist der starke Trost und die nie wankende Stütze, die diese Juden am Leben erhalten. Und doch — so meine ich — müsse Großes geschehen, um diesen starken Zweig am Baume des Judentums, der nur verdorrt erscheint, dessen Kraft aber nicht versiegt ist, zu neuer Entfaltung zu bringen! Die Jugenderziehung und Unterweisung muß in ganz andere, muß in inoderne Bahnen gelenkt werden. Ich habe mit einem modernen österreichischen Feldrabbiner gesprochen, ihm die auch ihm bekannten Tatsachen vorgestellt und meiner Meinung dahin Ausdruck gegeben, daß Oesterreichs akademisch gebildete Rabbiner die Unterweisung und Erziehung der jüdischen Jugend Galiziens in die Hand nehmen müßten. Er meinte, die galizischen Juden würden sich selbst dagegen wehren. Nach meinen Erfahrungen aber lechzt die galizische Jugend geradezu nach einer modernen Erziehung und nach modernem Unterricht, weil sie ihre Unfähigkeiten und ihre Unkenntnis in allen Dingen erkannt hat. Am schlimmsten steht es mit der weiblichen Jugend. Nach dem veralteten Grundsatz, daß jüdische Mädchen nicht Bibel und Talmud lernen sollten, lernt das jüdische Mädchen hier einfach gar nichts. Ich habe eine große Zahl jüdischer Mädchen auf ihre Kenntnis des Gebetbuches geprüft und habe festgestellt, daß sie wohl zumeist das VvV-Gebet lesen konnten, aber was das Gebet bedeutet, den Sinn der einzelnen Worte wußte keine einzige. Sehr häufig aber waren sie auch nicht imstande, den ersten Satz I'OV seinem Inhalte nach wiederzugeben. Da leisten unsere Religionsschulen in Deutschland auch in den Mädchenklassen ja geradezu Hervorragendes. Dann habe ich eine ganze Reihe von Chedarim besucht. Um der Lehrer und der Kinder willen sollte man sie alle aufheben. Der Lehrer (Melamed) führt ein entsetzliches Hungerleben. Tie jungen Menschenknospen müssen in diesen lust- und lichtlosen Rämnen, ohne genügende Nahrung und in einer körperlichen Verfassung, die jeder Hygiene spottet, einfach zugrunde gehen. Und wenn man mir entgegenhült, daß die Kinder dort doch mit der Zeit etwas lernen, so denke ich an die bekannten Künste des Papageien, der auch durch Ausdauer zu einem scheinbar gelehrigen Vogel gedrillt werden kann. In einem Cheder in Neu-Sandez ist der Stundenplan der Kinder, die oft noch nicht sechs Jahre alt sind, folgender: 6 bis 8 Uhr morgens, 10 bis l Uhr und 3 bis 7 Uhr nachmittags. Der Lehrstoff ist immer derselbe, der Melamed immer der gleiche, die Gesichtsfarbe der Kinder immer blaß und diese niemals froh und lustig. Hier muß der Krieg auch eine Aenderung herbeisühren, eine Besserung. Zunächst haben wir als Juden ein höchstes Interesse daran, diese verkümmerten und verdorrenden Pflanzen mit Licht, Lust und Nahrung zu versorgen; moderne Volksschulen müssen errichtet werden, in denen die hebräischen Disziplinen aus ein gesundes Maß beschränkt werden müssen. Knaben und Mädchen müssen in gleicher Weise dieser Wohltat teilhaftig werden, und den galizischen Eltern muß durch aufklärende Vorträge und durch Schriften das Verständnis dafür beigebracht werden, daß jüdische Religion und modernes Wissen sich nicht nur nicht ausschließen, sondern sich in sehr erfreulicher Weise ergänzen. Aber auch als Deutsche tritt diese Pflicht der Förderung der gälizischen Jugend an uns heran. Mitten unter Ruthenen und russensreundlichen Polen bilden die Inden eine Stütze des Deutschtums. Sie sprechen alle Deutsch und werden deshalb von den anderen gehaßt und gemieden. Ich tvar in Jaroslan und wunderte mich, überall im Judenviertel, wenn auch in primitivster Art, deutsche Fahnen angebracht zu sehen. Der König von Bayern fuhr an diesem Tage durch das Städtchen; das Judenviertel, das abseits vom Wege lag, konnte er nicht berühren, und doch gaben sie ihrer Freude über die Anwesenheit des deutschen Fürsten gern Ausdruck. Sie sprechen Deutsch und verehren alles Deutsche, am meiste» Seine Diajcstät unseren Kaiser. Als Juden und als Deutsche wollen wir ihnen, die so viel um beider Eigenschaften willen gelitten haben, Helsen, und neuer Segen und ungeahnte brachliegende Kräfte werden aus Galiziens Judenvierteln erblühen. II. Ich kam an einem Nachmittag nach einem kleinen elenden Städtchen und ging, wie ich mir das zur Gewohnheit gemacht habe, zum Marktplatz, um durch die Inden, die zumeist dort und in der nächsten Umgebung wohnen, mich über ihre Verhältnisse unterrichten zu lassen. Dat trat ein mir bekannter Major an mich heran mit der Frage, was wohl die Gründe für den Fackelzug sein könnten, den die Juden aiu Abend vorher veranstaltet hatten. Selbst neugierig, aus welchen Gründen die Juden in dieser Zeit und in dieser Gegend Fäckelzüge zu veranstalten hätten, trat ich sogleich mit den