Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229210--71520-3283865- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
378 vollständiger Abhängigkeit von unserem Willen. Ein Druck der Hand fördert die schwersten Lasten, verwandelt die Nacht zum leuchtenden Tage, und dieselbe Kraft, die solche Wunder wirkt, gibt unseren Augen die Fähigkeit, selbst die festeste Materie zu durchblicken. Unsere Worte, unsere Gedanken blitzen, laut unserem Befehle, um die Erde, und unser Antipode wird zum Nachbar." Ter Kampf in der Sternenwelt ist hauptsächlich durch die Tätigkeit der Anziehungskraft bedingt, die einmal ein Entstehen von Weltkörpern, dann wieder das Gegenteil, die Auflösung derselben, bewirkt. So beginnt z. B. der innere Kampf, die innere Berdichtung mit Erlöschen des Eigenlichtes beim Saturn sofort, nachdem, nach den Mond- und Ringablösungen, dieser Planet sich zu einer Kugel geformt hat. Welche Kämpfe aber in der Lonne selbst stattfinden, das sehen wir an den Sonnenflecken und an den Eruptionen der Protuberanzen, welche sich bis zu 70 Kilometer und noch mehr Höhe aus der Sonne erheben und mit ungeheurer Gewalt hervorbrechen. — Auf Erden aber sind die Kämpfe der Völker gegeneinander in letzter Linie durch das Gesetz der Anziehung und .Abstoßung bedingt, wie ja Sympathie und Antipathie nicht nur beim Einzelmenschen, sondern auch im Leben der Völker die größte Rolle spielen. Und wenn gefragt wird, warum der Deutsche und der Jude so wenig Liebe in der Welt finden, so kann man wohl sagen, daß es letzten Grundes Vorurteile sind, die aufmangelnder Kenntnis und zu geringem Verständnis beider beruhen und durch Selbstsucht, Dünkel, Neid und Mißgunst genährt werden. Man gibt sich auch nicht die Mühe,! sie durch besseres Kennen- und Verstehenlernen zu beseitigen. Was uns aussöhnen muß mit allem Krieg und allem Hader und all dem Zwiespalt, der in unserer Seele durch die Frage nach ihrem Endzweck entsteht, ist der Gedanke, daß nichts in der Welt geschieht ohne den Willen eines höheren Lenkers und Leiters. Schrecklich und furchtbar ist das Unglück und Ungeniach, welches durch den jetzigen Krieg über einen großen Teil der Menschheit und insbesondere über viele der Juden hereingebrochen ist. Aber letztere sind gewohnt, sich mit dem Worte „Auch dies zum Gilten!" zil trösten und mit der Hoffnung, daß sie durch die heutige Nacht zum Lichte des Friedens, der Freiheit und des Glückes geführt werden würden. Wer als Arzt im Lazarett tätig ist, ist freudig überrascht, dieses felsenfeste Gottvertrauen immer wieder bei den jüdischen Kriegern vorzufinden. Und inuner wieder erlebt er, daß ihm Wunderbares erzählt wird über Errettung von schwerer Verwundllng und vom Tode. So wurde mir jüngst von einem leicht verwundeten jüdischen Soldaten eine verbogene und zerbeulte Denkmünze mit einem hebräischen Segensspruche darauf gezeigt, die ihm seine Braut in den Krieg mitgegeben hatte. Ein? Gewehrkugel war durch sie in lebensrettender Weise abgelenk worden und hatte nur eine leichte Fleischwunde gemacht. Das Merkwürdigste und Wunderbarste aber hat wohl ein jüdischer schlesischer Landwehrunterofsizier erlebt, der gegen di' Russen kämpfte. Er hat sein Leben dem Umstande zu verdanke:. daß die russische Schrapnellkugel, die ihm Kochgeschirr und Toi nister durchschlagen hatte, in dem Gebetbuch steckenblieb, da - ihm seine Mutter vor dem Auszug ins Feld noch zugestecll hatte, und zwar ist sie an der Stelle des Morgengebetes ftecfer geblieben, wo da steht: levichoch anachnu chajovim lehaudau - lechu usw. (Daher sind wir verpflichtet, dir zu danken, dich z i loben und zu Preisen.) Und vorher ist die Stelle, in der es heiß; Was sind wir, unsere Kraft, unsere Stärke ohne dich? All? Helden, die Männer des Ruhmes verschwinden vor dir? - So werden unsere herrlichen Truppen den Weltenkamps bi? zum Ende, bis zum Siege und zu einem ehrenvollen Friede i weiterführen, im Ve:- trauen aus ein höhl, res Walten, das di? Geschicke derWeltuu' der Menschheit leite. Und auch die Jude:, die jetzt unter de? Schreckensgeißel de - Krieges andenSchai Plätzen des Kampfe - so furchtbar zuleide; haben, und die mar. ganz wie früher, al> die Sündenböcke btrachtet und hinam jagt in die Wüste de? Elends, sie werde i die Hoffnung cti r bessere Tuge und ar-i eine glücklichere Er staltung ihres Lose? nicht aufgeben, in Vertrauen auf da- Walten der Vo: sehung, das sie öuxu die Jahrtausende, w? kein anderes Vo t der Erde, weise ino wunderbar hindurc! geführt hat, per aspera ad astra, über rauhe Pfade zu de; Sternen der Erlösung und des Heils. Denn sie wissen, da; noch kein Staat und kein Herrscher ungestraft geblieben sin die sich an ihnen versündigten. Wie einst der unsterblicl ' Schiller, der Lieblingsdichter der gedrückten und nach Freihe' und Menschenglück lechzenden russischen Juden, es gekündet ha „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!" Im ggltzilchen Iudrnoikrtrl. Bon Tr. Owi c o l) «fintjcv, Fcldrnbbiiikr der XI. Armee. I. 3n allen bisher von mir besuchten galizischen Städte : hat sich das charakteristische Judenviertel des Mitte alters getreu erhalten. Nur ganz seiten ivvhnt ei : Jude in einem anderen Stadtteil, der dann in der Regel sehe > über ein stattliches Vermögen verfügt, und ebenso selten h> > ein Nichtjnde seine Zelte in Israels Mitte anfgeschlagen. Ni die Hausmeister (Portier und Pförtner) sind alle Christel wegen der verschiedenen, nvtwendigen Verrichtungen au "rin t -7>2G WWW- Li •2Ä’ **% * Ste, ' Das Gebetbuch als Lebensretter. (Eilt schlesischer Laildwchnmtcrofsizicr, der gegen die Bussen gekämpft, hat sein Leben dem Umstande zu verdanken, daß die russische Schraxnellkugel, die ihm Kochgeschirr und Tornister durchschlagen, in dem Gebetbuch steckenblieb, das ihn: seine Mutter vor dem Auszug ins ^clb noch zugesteckt. Ties Bild ist nicht zu verwechseln mit dem ähnlichen von uns in Nr. 21 gebrachten. In jenem war das Gebetbuch hebräisch und ungarisch, das hier veröffentlichte ist offenbar hebräisch und deutsch.