Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- Seite 377 (sequence 5)
- Language
- German
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377 Bevölkerung inmitten eines herrlich gelegenen, von üppigen Baumkronen geschützten, von Urquadern eingehegten und von zerschossenen Brandruinen umrahmten Festplatzes erhebt sich zum Erstaunen aller der Vertreter der jüdischen Gemeinde, Herr Rabbiner . . ein Mann im besten Alter stehend, mit ausgesprochen jüdischem Typus, üppigem, rötlich-blondem Vollbart, weißer Gesichtsfarbe, hoher Denkerstirn und geistvollem Aeußern, dem aber eine nicht zu verbergende Aengstlichkeit anhastet.; Als er zu reden begann, huschte über manches Gesicht ein leises Lächeln, das aber nach den ersten Sätzen schon schwand; denn jeder hatte das innere Empfinden: hier spricht ein Mann, dem es bitter ernst ist, und dem das, was er sagte, aus einem überzeugten Herzen kam. . I; \ i , Diese kernigen Mannesworte eines russischen Untertanen verdienen daher auch — des besseren Verständnisses wegen mit einem Kommentar — bestehend in Satzzeichen und Worterllärungen — versehen —, weiter- und wiedergegeben zu werden im Urtext: „In unser hieligen bibel hat der jüdischer Kaiser solimon gesagt: „in den guten tage brauchst du frehlich sieu und in dem schlechten, traurigen tage — dan (nn) kan man sehen." Die kluge bedietung (Bedeutung) derin ist Zum biespil (Beispiel): wen (nn) ein doktor komt, besuchen ein kranken, und der erzte (ü) wohl (will) wisen (ss) wiesil (wieviel) grose ist die grad hitz der kranken, so nehmt er ein termometer und bieligte (beilegen) bie dem tranken unter den Arem (Arm), dan (nn) bemerke der doktor, wiesil hitz der kranker hat. Dasselbe ist, wen (nn) wir wohlen (ll) wisen (ss), wiesil grad, wi gross ist die warime liebschaft (warme Liebe) und hiese triehait (heiße Treue) zu ihrem foterland (ihrem Vaterland). (Das) kan man wisen und bemerken in jetzige trouerige ziet (traurigen Zeit); den (nn) es ist wirklich zu bewundern die liebschaft (Liebe), die badische trupen gl ihrem grofen Herzog haben, das (den) sie fiern (ei); und mit müt (Mut) kenigs geburtstag (Königs Geburtstag) in dem sindesland lFeindesland) begehen; den (nn) in sriedenzeit ist kiene (ei) wunder ilicht, das (ß) die (Menschen) frehlich sind; aber in so schlechte ziet, wen (nn) die ganze Welt blutiges seier (Feuer) ist und den (da) haben badische trupen iberzeigt (gezeigt), wiesil gros ihre Heise libe zum kenig ist — und mit schtolz (Stolz) konen (können) wir Hofen (fs), das (ß) die ende (das Ende) ouch wird ginstig (ü) sten; den (nn) Ordnung ist die tochter der wahrhiet (Wahrheit) und in deitschland ist die greste ordnung; darum ist die wahrhiet und gerechtigkiet lWahrheit und Gerechtigkeit) ouf ihre siete (Seite). Damit verschtehn wir, was der keiser David (König David) in sien psakem (in seinem Psalm) hat gesagt: „gott mit diene schtarkeit! deiner Starkheil) thut sich ervsrehen (erfreuen) der kenig; den (nn) aut kenig ist ganz anders son (v) alle Menschen, alle Menschen haben den ougenen wähl (die eigene); der mensch kan sien gut und schlim; aber bim kenig ist sien Herz und wilen (Herz und Willen) imer die got in Hand (in Gottes Hand), und alle thaten (Taten), was kaiser und groserzoherzog tuht, das ist blos der wünsch son gott darum, io wie sine thaten (seine Taten) ist ibernatirlich (sind übernatürlich), nur getlich (göttlich), so ist sten rettung (seine Rettung) und Hilfe auch götlich, und das libe himmelfoter (Himmelvater) wird übernatürliches glik (Glück) und fegen (Degen) schiken — und Helsen dem ganzen dietschen land (deutschen Land) und ersrehen (erfreuen) dem groserzoherzog (den Großherzog) mit lange, gute jahren (Jahren). In unser hieligen tälmud wird erzählt: das (daß) wen der ewiger lals Gott) hat die welt beschaffen und hat begründet (begründet) zwie lichte (zwei Lichter), die Welt zu belouchten (eit) — die sohne (Sonne) und die Monde — (daß) die beide haben am anfangs ganz agal (gleich) geschaint (ei) und geschtrahlt (st) —, dan komte die blase monde (kam der jetzt blasse Mond) mit ein gebit und klage (mit einem Gebet und einer Klage) zu gott und sagte diese wogten: „wie ist das möglich (ö), das zwie kenige (daß zwei Könige) solen (ll) sich mit eine kröne benutzen"? (mit einer Krone begnügen) — dan (Dann) antwortete gottes schtime (Stimme) zu der monde: „gehe und mache sich (dich) selbst klener (ei)"! — das hist (heißt): „wen du wohlst (Wenn du nullst) nicht, das (daß) diene ein komrat (KanLrad) sol so gros und lnbsch^ü) wie du sien, muh du sich (dich) selbst klener (ei) machen!" Das selbe frage (Die gleiche Frage), was die monde hat gefragt bie gott (die der Mond gestellt), hakt ouch (auch) jetzt die politische macht in Eiropaa (Macht in Europa) gefragt — und das ist die Ursache (U) fon der groser alweltlicher krieg (von dem großen Weltkrieg). — was hat die ganze Welt in blut und sier rund und rühm genomen! (Wie steht die ganze Welt rundum in Blut und Feuer da!) — „den (Denn) in der letzter (n) ziet (Zeit) die grosse politische macht hat bemerkt, „wie gros und hibsch ist die deitsche kultur (K), das (ß) sie wirklich wie (die) sohne (Sonne) mit ihre (n) schtralen (Strahlen) die ganze welk belouchten (beleuchtet) hat, mit ihre (r) tünst und wisenschast (Kunst und Wissenschaft). — (D) dann hat die greste (größte) Politische macht angst gehabt, filiecht (vielleicht) wird ihre Komrat mehr beliechten (eu) die welk als sie; — darum haben sie ous gehezt (aufgehetzt) die felker (Völker), -zu machen den welt schturm (Weltsturm)." — Dan antwortete die getliches schtime (göttliche Stimme) zu der Politik: „gehn sie selbst und machen sie sich selbst klener (ei); den (nn) wer es wohlte (ll) den zwieten (ei) klener machen, der mus (ß) selbst klener werde (n) und hofendlich (hoffen wir), das (ß) unser (e) sohne (Sonne) ouch imer und ewig schienen (ei) wird iber dietschem land (über Deutschland) und mit fersicherung (V) bekliekwinschen (beglückwünschen) wir den groserzoherzog aus baden (Baden). Mit siene getriee tritpen (getreuen Truppen) gemiensain (gemeinsam) sich zu erfrieen (erfreuen) oufem eigenem foterland (zu Hause wieder, im eigenen Vaterland)! amen! Ein „kleiner Kommentar" — bestehend in „Satzzeichen und Worterklärungen" — mußte für manche Leser beigefügt werden des besseren Verständnisses wegen; jedes „loeitere Wort" jedoch würde abschwächend wirken. Wkltenlrampf und Vorsehung. Von Sanitätsrat Dr. Scherbel in Lissa i. P. enn der sternenhelle Nachthimmel aus Millionen Augen auf dich herniederblickt mit seiner Ruhe, seinem Frieden, sagt E. Meins in seinem Buche „Im Kampf der Sternenwelt"ch, so bringt er auch deinem aufgeregten Gemüt Beruhigung und Vertrauen. — Und namentlich in Kriegszeiten, in Zeiten, wo das Herz schwer ist unter dem Druck von Sorge und Leid, übt der prächtige Sternenhimmel eine wunderbar beruhigende, befreiende, hoffnungspendende Wirkung aus. Man begreift nicht, wie auf der Erde, diesem winzigen Sternlein im gewaltigen Meere der übrigen Sternenwelt, die Bewohner so in grimmem Haß gegeneinander wüten und kämpfen können, und beneidet das Firmament um seine Ruhe und seinen Frieden. Doch niemals war eine Enttäuschung grausamer als diese. Auch in diesen Himmelsregionen herrscht der Kamps, ein Kamps aller gegen alle! Und der Größe dieser riesenhaften Welten und der hier entfesselten, alles beherrschenden Gewalten entsprechend, bilden auch ein furchtbares Verheeren, das Entsetzen und der Schrecken ihr Gefolge. Aber auch in diesem Kampfe der Sternenwelt läßt sich das Walten einer Macht erkennen, deren Zwang alles unterworfen ist, und welche, ununterbrochen schaffend, das Gute erhält und ausgestaltet, das Minderwertige dagegen vernichtet. Es ist genau wie beim Menschen, in dem in gleicher Weise wie oben bei den Sternen das Bestreben zu höherer Entwicklung keimt, welches mit zunehmender Energie einer immer weiteren Ausgestaltung entgegenringt. In schönen Worten zeigt Meins, wie die Geisteskrast im Menschen immer stärker pulsierend, immer energischer sich entfaltet hat: „Die Eisenbahn, der Kraftwagen verdrängen den Gebrauch des Pferdes. Die arbeitende Maschine ersetzt die menschliche Hand. Gleich dem Adler fliegen wir in den Lüften. Unsere Unterseeboote schwimmen wie die Fische in der Diese, und große Schiffe durchfurchen die Luft wie das Meer, in Im Kampfe der Sternenwelt. Ein Weckruf von E. Meins. Kommissionsverlag von Siegismund u. Volkening, Leipzig 1914. Das Buch, das vielfach neue Gesichtspunkt« über die Entstehung der Welt und des Lebens und alle damit zusammenhängenden Fragen enthält, verdient beste Empfehlung und weite Verbreitung.