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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-08-06 · Heft 32 (6.8.1915) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 32 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
Seite 376 (sequence 4)
Language
German
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376 Und doch allüberall: eigensinniges Beharren aus dem einmal eingeschlagenen Wege, starre Einmütigkeit für Fortführung des Kampfes und laute Verkündung von Siegeshoffnung und der Sicherheit eines endgültigen Erfolges. Wie soll das enden? Der einzige, der zum Frieden redet, der die Volker mahnt, den Krieg zu beenden, ist der Papst. Es sei fern von uns, das Oberhaupt der katholischen Kirche zu verspotten; aber seine Kraft ist gering, sein Wort verhallt, sein Einfluß auf die kriegführenden Mächte ist schon deshalb gleich Null, weil England und Rußland sich seiner Autorität nicht beugen, Frankreich ihm kühl gegenübersteht und Italien ihm feindlich gesinnt ist. Wo ist der Mächtige, der nicht nur zum Frieden mahnt, sondern die Kraft hat, zum Frieden zu zwingen? Wir sind allein angewiesen auf unser Beharren und auf unsere Kraft. * Die Lage der Juden i n R u ß l a n d ist trostlos. Namentlich aus Polen werden Hunderttausende ins Innere Rußlands getrieben, ihr Elend ist fürchterlich und Hilfe kann ihnen nicht gebracht werden. Der Berliner „Jüdischen Rundschau" wird mitgeteitt, daß die drei g roßen j ü d i s ch -e n Tageszeitungen Warf ch a u s , „Haint", „Moment" und „Hazefirah", soeben für die Dauer des Krieges verboten worden sind. „Haint" und „Moment" erscheinen im Jargon, „Hazefirah" in nenhebräischer Lp rache. Die Ursache des Verbots liegt darin, daß die drei Blätter Berichte über die Judeno e r f o l g n n g e n i n R n ß l a n d b r a ch t e 11. Die mit Rußland verbündeten Mächte enthalten sich wohlweislich eines Einschreitens gegen Grausamkeiten, Plünderungen, Ermordungen, gegen alle Greuel, die von seiten Rußlands gegen die Juden geschehen; sie bedienen sich der russischen Juden, die in ihren Ländern eine Zuflucht gesucht haben, um sie als bequeme Schlachtopfer vor die Front zu schicken, ja man spricht davon, daß die von der Türkei aus Palästina ansgewiesenen russischen Juden von den Engländern als eine besondere jüdi s ch eLegion in den D a r darr e l l e n k äm p f e n verwendet worden seien. # Zur Illustrierung der traurigen Lage unserer russischen Glaubensgenossen mag auch folgender Berichtaus Warschau dienen: M. B. Auf Befehl des russischen Hauptquartiers — des Departements der Niederlagen, wie es in diesen Tagen in den Eouloiren der Reichsduma in Petersburg oon einem lustigen Turnadeputierten sehr treffend bezeichnet wurde — vom 27. April (alten Stils) 3915 unter Nr. 1193 wurde es auf der ganzen Froutlinie angeordnet, „auf die jüdischen Soldaten acht zu geben, ob sie sich nicht freiwillig in Gefangenschaft begeben und w i e sie sich überhaupt v e r h a l t e n." Tie Negierung schickt sich also an, „aktenmäßig" darzustellen, daß die Niederlagen der russischen Truppen durch einen Nt affe n h o ch v e r r a t der im Felde stehenden jüdischen Loldaten und durch eine im Solde Deutschlands betriebene Bl a s s e n s P i o n a g e der gesamten jüdischen Bevölkerung des westlichen Grenzgebietes hervorgerufen sind. Und damit die oppositionellen Parteien späterhin nicht die Möglichkeit haben sollen, das auf Grund dieses Befehls gesammelte Material etwa als einseitig und tendenziös zu bezeichnen, wird es im Befehl vorgeschricben, auch einzelne Fälle „lobenswerten Verhaltens" jüdischer Soldaten anzuführen. Beiläufig bemerkt ist wohl nur diesem letzten Umstande zu danken, daß die russische Heeresleitmlg neben allerhand Lügengeschichten über Spionage der jüdischen Bevölkerung ab lind zu auch über Heldentaten einzelner jüdischer Soldaten zu berichten weiß. Welche Früchte dieses System zeitigt, davon liefert uns ein krasses Beispiel eine sehr interessante Gerichtsverhandlung in L o m s ch a , über die die russische legale Presse nichts Mitteilen durfte. Auf der Anklagebank des Militärgerichtshofes zu Lomscha saßen drei Militärbeamte eines Rekognoszierungsdetachements: Tschupranhk, Toroschenko und Mitzkewitsch. Der Prozeß ergab folgende Tatsachen. Tie Angeklagten „entdeckten" in der Kinematographenhalle eines Juden Eisenbiegel in,Lomscha einen Telephonapparat. Eisenbiegel wurde beschuldigt, vermittels seines Apparates feindlichen Truppen Dienste geleistet zu haben, und wurde natürlich ins Gefängnis gesteckt. Es wurde aber noch im U-ntersuchungsstadium vom Staatsanwalt festgestellt, daß der Telephonapparat im Lokal Eisenbiegels von Tschu- Pranyk selbst heimlicherweise unterschoben wurde, und daß bei „Auffindung" des Apparates Tschupranhk von Eisenbiegel 5000 Rubel verlangte und ihm dafür versprach, ihn alsdann nicht in Haft zu nehmen. Der Milikärstaatsanwalt ließ Tschupranhk und Genossen in Haft nehmen und erteilte der Gefängnisadministration den Befehl, Eisenbiegel auf freien Fuß zu setzen. Zu der Gerichtsverhandlung, zu der Eisenbiegel als Zeuge vorgeladen war, stellte es sich indessen heraus, daß er fortgesetzt in Untersuchungshaft gehalten wird. Ter Vorsitzende des Militärgerichts, General Tava st ferne, verlangte darüber sofortige Auskunft. Der Ehef des Rekognoszierungsdetache-- ments erklärte, der Jude stehe im Verdacht, in einer Reihe anderer Fälle Militärspionage für Deutschland betrieben zu haben. Der Vorsitzende forderte die genaue Angabe dieser „Fälle". Und da wurde es ohne weiteres gerichtlich festaestellt, daß gegen den Inden absolut nichts vorlag — mit Ausnahme wohl seiner „echtjü di scheu", „frechen" Weigerung, dem Herrn Tschupranhk 5000 Rubel auszuzahlen. Ter Vorsitzende verfügte alsdann die sofortige Freilassung Eisenbiegels. Bon den angeklagten Militärbeamten wurden zwei zu sechs Jahren Korrektionshaus, der dritte, der dem Gericht offenherzig über eine große Anzahl ähnlicher Fälle beichtete, wurde frei gesprochen. Das Gerichtsprotokoll enthält unter anderem di-e Feststellung, daß unter Mitwirkung Tschupranhks bei analogen Umständen 17 Juden bereits gehängt wurden. Der Vorsitzende des Militärgerichts sah sich veranlaßt, über diese Angelegenheit dem Oberkommandierenden der Truppen des nordwestlichen Gebiets, dein General Alexejew, einen besonderen Bericht zu erstatten und dringend darauf hinzuweisen, daß die gesamte Tätigkeit des genannten Detachements genau untersucht werden müßte. Alexejew soll diesen Vorschlag akzeptiert haben. Es ist in hohem Grade bezeichnend, daß es der russischen Negierung bisher noch nicht gelungen ist, auch nur einen einzigen Fall jüdischen Hochverrats auf gerichtlichem Wege sestzustellen. Das russische Gericht, das sich in der Reaktion s Periode des letzten Jahrzehnts zu einem gefügigen Werkzeug der Regieruugspolitik entwürdigen ließ und nach Vorschrift des Justizministers Stscheglowitow die schmachvollsteir Henkersunktwnen in sklavischem Gehorsam ausübte, dieses Gericht konnte bisher nicht einmal den Schatten eines Beweises der ruchlosen Beschuldigung erbringen! Einige Monate vor der Lomschaer Gerichtssitzung kam eine ähnliche Sache vor dem Warschauer Militärgerichtshof zur Verhandlung. Auf der Anklagebank saß eine Gruppe Juden aus Grojee (Grojch)). In dieser Stadt wurden seinerzeit viele Juden für angebliche Militärspionage vom Feldgericht zum Tode durch den Strang verurteilt, und noch mehr von ihnen wurden von den Kosaken ganz einfach — ohne lästige Formalitäten — erdrosselt. Einige Juden wurden von dort nach Warschau abtransportiert und nicht vor ein Feldgericht, sondern vor ein mehr oder minder geregeltes Militärgericht gestellt — wie angenommen wird, um an ihnen ein Exempel zu statuieren, indem diese in beit Augen der Militärbehörden am schwersten belastet gewesen sein sotten. Und nun erwies die Militürgerichtsverhandlung, daß das ganze Anklagematerial völlig aus der Luft gegriffen war. Auf Antrag des Staatsanwalts wurde votn Ge richt selbst der Prozeß annulliert, sämtliche Angeklagte wurden sofort enthaftet. Und dies in einer Atmosphäre grauenhafter Juden Hetze, bei Voreingenommenheit der Richter, bei äußerst mangelhaftem Rechtsschutz! Ter erfreuliche Ausgang der Gerichtsverhandlungen be rechtigt leider die russischen Juden noch keineswegs zu optimistischen Illusionen. Die Legende vom jüdischen Hochverrat wird von den breiten Schichten des russischen Volkes als unumstößliche Tatsache wahrgenommen und bereitet dem russischen Jlldentuut — wenigstens für die nächste Zeit — sehr düstere Aussichten. * Dem „Badischen Beobachter" entnehmen wir folgenden Artikel: Ein russisch-polnischer Rabbiner zur. G r o ß h e r z o g s f e i e r. Bei der Großherzogsfeier der 4. Kompagnie des 4. Badischen Land wehrinfanterie-Ersatz-Bataillous Heidelberg in einem Städtchen von. Russisch-Polen unter Teilnahme der gesamten jüdischen und polnischen

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