Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1915)
- Date
- 1915-07-30
- Page
- Seite 372 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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372 ewig jung bleiben. Solange du mich noch so siehst, geliebter Mann, sicher. War das ein Tag! Das Wetter, unsere Stimmung, die hvffnungssrohe Natur ringsum — ganz gewiß, ich habe schon ein Paar grüne Spitzchen an einem Strauch gesehen —, alles stiminte zueinander. Die Luft war so milch und mein Freund auch; das ist man beides nicht gewöhnt nach dem harten Winter, und mein Herz jauchzte dem ersehnten Frühling entgegen. Ich nahm den Hut ab, und Josuas Schritt hielt sich immer eine halbe Fußlänge hinter mir, so daß mich sein Auge so recht voll umfassen konnte. Ich fühlte seinen Blick auf mir ruhen, und das machte meinen Gang leicht und freudevoll. „Ich habe noch nie so blanschwarzes Haar gesehen, wie Sie haben," sagte er. Er spricht selten von so äußeren Dingen, und über meine Person hat er fast noch nie etwas gesagt. „Ja," sagte ich lachend, „das ist meiner Mutter Kummer, so lange ich auf der Welt bin. Sie wollte es mir schon immer färben lassen". „Großer Gott!" Ich sehe mich halb um und lache hell auf, so kindlich bestürzt, so beinahe entsetzt sieht das Gesicht neben mir ans. „Dann würden Sie wohl gar nicht mit mir gehen?" frage ich lachend. Und er schüttelt ernsthaft den Kopf. „Weiber mit gefärbten Haare» sind nrir das Widerwärtigste und Verlogenste, was es gibt." O weh, Mama, wenn du das gehört hättest! Und dn bist so stolz auf den rötlichen Haarton, der dich so jung macht. Ileberhanpt, Mama, bei diesem Schwiegersohn wird es dir einmal nicht so gut gehen wie bei dem, den deine Liebenswürdigkeit so schnell, so gänzlich einwickelte. Ob dieser hier einmal sagen würde: „Ich kenne keinen Unterschied zwischen der eigenen und der Schwiegermutter"? Ach, du Himmel! „Wissen Sie, Edith, das Ihr Name sehr schlecht zu Ihnen paßt? „Soovoo?" Noch immer bei mir? Ach, du Lieber, tausend Dank! „Ja! So wie Sie, denke ich mir die Königin Esther. Sie müßten Esther heißen." „Aber so heiße ich ja," wende ich mich fast jubelnd ihm zu. „Wie kommen Sie zu einem jüdischen Namen?" Ich erzähle ihm die Geschichte von meinem seligen Großvater, und zum erstenmal in meinem Leben bekommt der alte Mann da unten im Grabe keinen Vorwilrf. Ich fühle so etwas ü'ie Liebe und Ehrfurcht zu ihm hinwallen, ein Band zwischen einst und jetzt, zwischen Ahn und Enkelin. Wir kamen uns immer so über die Maßen aufgeklärt, so hypersortgeschritten vor, daß wir, Erna und ich besonders, höchstens einmal mit Lachen und Spott uns ausgemalt haben, „wenn der selige Großvater das jetzt alles einmal sähe". Ein leiser Stolz, daß wir es nun so herrlich weit gebracht, und ein wenig Schadenfreude und Spott, daß der alte Mann sich wohl dann kopfschüttelnd und ein wenig blamiert über seine eigene Zurückgebliebenheit schleunigst in das Dunkel seiner Zeit zurückziehen mühte. Heute fühle ich so ganz, ganz anders. „Darf ich Sie von heute an Esther nennen? Es ist doch mein Recht, Sie heißen ja so." »Ja, Josua, gern. Ich bin stolz auf den königlichen Namen." Wir lvaren froh wie zwei Kinder. Den.1914. Ich bin Josua zufällig begegnet. Ganz von weitem schon nickte und lachte ich ihm zu, ehe er mich erkannte. Er wurde ganz rot vor Freude, und ich beschaute mir sein freudiges Erröten und vergaß vor Glück, zu sprechen. „Wieso haben Sie mich schon von weitern erkannt?" fragte er. Und ich leise, ein wenig verschämt: „An Ihrem langen Rock." Und da wurde es in mir lebendig. Tausend gute Geister rüttelten mich auf und schalten mich, daß ich über meiner glückseligen Verträruntheit meine Pflicht gegen den Freund über dein eigenen Wohlgefallen an seiner Person den Spot: und die Verachtung vergessen wollte, die andere bei seiner Ver kleidung empfinden müssen. Denn es ist eine Verkleidung unk bleibt eine, wenn er, der all seine Bildung dem Lande verdankt in dem er jetzt lebt, sich noch so kleidet. Er verstand mich nicht gleich, er tauchte im Anfang nocl glückselig seine Blicke in die meinen und sagte — wir boger ohne Verabredung aus der Hauptstraße in den Park - „Nehmen Sie Ihren Hut ab. Ich will Ihr Haar sehen." Ich gehorchte so schnell, so gern. Alles, alles ihm zu: Freude. Aber er nahm meine Bitte anders auf. Er tat, alwolle ich ihm mit dieser lächerlichen Aeußerlichkeit, die ih> scheidet von den Bildungs- und Standesgenossen, etwas voi seinem Glauben, etwas Heiliges nehmen. Nein, Josua, nein, ein Rock ist ein Rock, nichts weiter, unk deiner ist häßlich, und du könntest ihn unbeschadet deine: Ueberzeugnng ablegen lvie so vieles Häßliche, daß du unk deine Partei glaubt, pietätvoll festhalten zu müssen. Den. ... 1914. Wir waren das letztemal mit einer kleinen Vcrstimmun, auseinandergegangen. Ich bin innerlich viel zu einsam, vie zu friedlos, um mich nicht nach Versöhnung und Frieden zi sehnen. Nur seinetwegen geschieht es, daß ich mich nicht fi'n besiegt erkläre, daß ich zu dem sonderbaren gewagten Mitte griff, das meiner Eitelkeit so schwer wurde. Denn Josio gegenüber bin ich eitel, ich gestehe es offen. Seit er mein blau schwarzes, welliges Haar bewundert hat, pflege und ordne ul es mit einer Sorgfalt wie nie zuvor. Ich weih, daß der tief: Scheitel mir gut steht. Und ich türmte mir doch das Haar ti einem spitzen, scheußlichen Winkel auf, der dem Kops eine ga» andere Form gab und mich gräßlich entstellte. Neben mir la> Mamas Photographie aus ihrer Backfischzeit. Es war kein, kleine Mühe, dieses Monstrum einer Frisur so ganz stilgerech nachzuahmen. Ich zog meine Boa, die gar nicht mehr zeit gemäß ist, bei dem herrlichen Wetter möglichst hoch, denn de Weg durch die Stadt war mir schon peinlich trotz Schleier uni Hut. Aber am Denkmal, an dem Josua schon wartend stand wuchs mir ein gewaltiger Opfermut. Boa und Hut hinge: mir über dem Arm, frei und unverhüllt zeigte ich dem Freuumeinen so zngerichteten Kopf. (Fortsetzung folgt.) Lprechlsal. Zn dem Artikel von H. Neuß in Nr. 26 sind uns verschiedene schristen zugekommen. Eine sehr gelehrte Arbeit mit vielen Nachträge und Berichtigungen mußten wir ablehnen und den Verfasser bitten, si in einer wissenschastlichen Zeitschrift zu veröffentlichen; aus eine anderen lassen wir nachstehende Bemerkung hier folgen. Die Ned „In dem Aufsatz „Familiennamen in der jüdische!: Gemeinde z Berlin" heißt es S. 309, Zeile 5: „Diminutive und andere Name mit den: s des Plurals scheinen zu sein . . Tatsächlich sind d> Namen unk dem Genitiv- -- nicht Plural- — s einfach Patrouymitü z. B. der au erster Stelle genannte Aböles. Zürn überwiegenden Tei sind sie aber nicht Patro-, sondern Matronyinika und erinnern an di Zeit, da (in Böhmen) nur der älteste Sohn der Jndenhüuser „Farn liant" werden, eine Familie gründen durfte. Die Sprößlinge dc jüngeren Söhne erhielten, als die Juden unter Kaiser Joseph Familien narnen annehmen mußten, denNamen der Mutter. Jeiteles ist alsi weder ein Diminutiv noch ein Plural, sondern ein Matrouymikou Sohn der Jette. Desgleichen Taubeles und Teweles: Sohn de? Taube usw."