Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1915)
- Date
- 1915-07-30
- Page
- Seite 371 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229209--71508-3283852- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
371 In religiösem und deutsch-vaterländischem Sinne zu wirken, damit wären denn wohl die Aufgaben des Feldgeistlichen erschöpft, und ich könnte füglich schließen. Und doch kann ich die Feder noch nicht weglegen, ohne auch noch die Frage zu 'streifen, die heute jeden Juden in Deutschland beschäftigt, die Frage, lvie die staatsbürgerliche Stellung der Juden in Deutschland nach dem Kriege sich gestalten wird. Ich wiederhole: zmn Kreise meiner Aufgaben gehört diese Frage nicht; denn wer als Geistlicher aus den Kriegsschauplatz gegangen ist, hat kein Recht, dieser politischen Frage näherzutreten, oder doch nur insoweit, als es ihm als Einzelperson nicht verwehrt sein kann, politische Fragen zu erörtern. Immer wieder gelangt in Gesprächen und Briefen die genannte Frage an mich, und ich weiß, daß auch die anderen Kollegen die gleiche Ersahrlmg gemacht haben. Man meint, daß wir FeLdrabbiner hier draußen mehr sehen, größere Zusammenhänge überblicken, Meinungen i.nd Stimmungen maßgebender Persönlichkeiten kennenlernen, lmb demnach in der Lage seien, Urteile abzugeben. Jede Berechtigung läßt sich dein nicht absprechen. Wir haben des öfteren Gelegenheit, mit Herren zu sprechen, die über jüdische Fragen aufgeklärt sein wollen, beobachten mit Freude das Wohlwollen, das von so mancher Kommandostelle der Seelsorge für die jüdischen Soldaten entgegengebracht wird. Wir sehen, wie Kompagnie- und Bataillonsführer indische Soldaten aus dein Schützengraben weg zur seltenen Gelegenheit des Gottesdienstes beurlauben. Andere Tatsachen, die auf eine Besserung schließen lassen, sind der Öffentlichkeit ohnehin bekannt. Wer wollte anderseits seine Augen davor verschließen, daß es außer günstigen auch ungünstige Zeichen gibt; daß sich neben beförderten Offizieren auch Kameraden finden, die glauben, aus antisemitischen Gründen nicht befördert oder ausgezeichnet worden zu sein. Naturgemäß sind hier die Erfahrungen verschieden, die Berichte gefärbt; teils nach dem Wesen des Erstatters, teils nach den Truppenteilen und den Borgesetzten. So muß ich mich denn bescheiden und sagen: Ich bin kein Prophet. Aicht alts Bequemlichkeit, um der Schwierigkeit der Beurteilung ausglweichen, sondern weil ich meine, daß zu viel der Möglichkeiten im Schoß der Zeiten schlummern. Wie mißlich es ist, Voraussagen zu '.vollen, hat das vergangene Jahr gezeigt. Wer hätte noch vor Jahressrist für möglich gehalten, was heute Wirklichkeit geworden ist. So N'hen wir der Entwicklung der Dinge mit Ruhe und Zuversicht entgegen. Wir sind nicht Optimisten genug, um zu meinen, daß das herrliche Kaiserwort, das die Parteien bannte, Wunderkraft genug gehalten wird, um jahrhundertealte Vorurteile, jahrzehntealten haß mit einem Male zu überwinden; lvir lverden bereit sein müssen, -.mch im Frieden weiter zu kämpfen. Aber wir können auch das Berirauen auf den Sieg unserer guten Sache nicht preisgeben und denken :uit hoffender Zuversicht: Das deutsche Volk, dessen gesunde Kraft Ks Anwalt nicht nur für die eigene gute Sache aufgetreten ist, wessen Blick durch eigene bittere Erfahrungen geschürft worden ist iür ungerechtfertigte Beschuldigungen und grundlosen Haß, dieses unser deutsches Volk wird in seinem eigenen Hause schließlich auch reden Rest von Ungerechtigkeit beiseite räumen, es wird uns beistehen in Kampf, den lvir, lvemüs not tut, wieder aufnehmen mld führen vollen lilit den Gedanken Dehmels im „Lied an alle": Gläubig greifen wir zur Wehre Für den Geist in nnserm Blut; Volk, tritt ein für deine Ehre, Mensch, dein Glück heißt Opfermut! - Dann kommt der Sieg, Der herrliche Sieg. Brr langr Nock. Roman von Anna Goldschmidt. (12. Fortsetzung.) ch nein," sagt er müde und traurig, „als Fremder, das könnte ich nicht wieder, wo ich Sohn gewesen bin". „Ich habe ja noch mehr Schwestern," sage ich ganz leise und >ehe ihn erschreckt von der Seite an. War ich taktlos? Aber »ein, kein empörtes Hvchsahren, kein abweisender Zorn. „Erna und ich paßten gar nicht zusammen," sagt er ernst. „Nein, an Erna habe ich auch nicht gedacht," sagte ich ruhig, und in Gedanken füge ich hinzu: Die ist mir nicht gut genug für dich. „Aber ich habe ja noch eine kleinere Schwester, das Margotle." Und er sieht mich an, sehr nachdenklich, sehr ernst, dann sagt er: „Wer kann heute schon über so etwas reden!" Und dann reicht er mir die Hand, drückt sie fest und wünscht mir Glück, ehrlich und ohne Groll. Der Gute! Keinen Lieberen könnte ich mir einmal als Schwager wünschen. Ich glaube, die beiden würden wunderbar zusammenpassen, beide so gut und liebenswürdig. Und bei keinem Mann könnte ich einmal so beruhigt über des Schwesterchens Schicksal sein wie bei dem. Heute ist mir zumute, als könne das alles einmal werden, als könne überhaupt alles gut werden auf der Welt. Und du, Freund Josua, wird dich dieses Gespräch min beruhigen? Sprichst du nun das heißersehnte Wort? Den..... l914. Ich glaube, Erna sieht es ganz gern, daß ich nicht mit in die „Harmonie" gehe. Wenigstens sagt siejedesmal, wennMama wieder einen schwachen Versuch macht: „Aber, Mama, wenn Edith doch keine Lust hat." DieSchwester sieht jetzt sehr über mich hinweg, und deshalb merkt sie wohl gar nicht, was Mama mit so tiefer Bekümmernis und Sorge wahrnimmt und was Erna doch beruhigen könnte, daß ich — aus der ersten Blüte heraus bin. Das ist freilich etwas früh mit 23 Jahren, aber ich habe halt schon zu viel dnrchgemacht, zu viel Quälendes und Sehnendes. Vor allem die Verdrießlichkeiten meines täglichen Lebens, diese ruhelose Unbeschäftigtkeit. Manchmal quält mich das so, daß ich nachts abenteuerliche Pläne fasse: ich will ansreißen, ich will mir mit Gewalt einen Berns erzwingen — ach, du lieber Gott, im nüchternen Tageslicht sehe ich dann gleich wieder, wie unausführbar, wie wahnsinnig meine Pläne sind. Es bleibt schon alles hübsch beim alten. Auf dem Salonschrank steht ein Bildchen von Erna und mir, eine übermalte Photographie, unsere beiden Köpfe anein andergelehnt. Wir waren damals 20 und 18. Ob uns der Photograph geschmeichelt hat, weiß ich nicht, aber die beiden Köpfe, der blonde und der schwarze, sehen wirklich hübsch zusammen aus, und das Bild ist schon sehr viel bewundert worden. „Das reine Genrebild," sagen die Besucher, die nicht vorbei können, ohne es zu sehen. Neulich sah mich Mama lange prüfend an, mit diesem schmerz- und vorwurfsvollen Blick, der mich so peinigt. Dann nahm sie das Bild in die Hand und sah lange, lange darauf. Der Vergleich muß sehr zuungunsten meines Heute ausgefallen sein, denn Mama blieb den ganze,: Nachmittag so verstimmt, daß ihre schlechte Laune Migräne hieß. Die „Ressource" ist jetzt wieder mal ganz abgetan. Erna will nicht hingehen, und da ich überhaupt jetzt kein Vergnügen mitmache, gehen die Eltern natürlich auch nicht. Warum ist Erna nur auf einmal so für die „Harmonie?" Und warum ist ihr Wesen so siegessicher, wenn sie hingeht oder davon spricht? Mir ist das alles so fern und so fremd, ich weiß nichts von den Meinigen, und sie wissen nichts von mir. Ich habe keine Heimat. Ach, wer mich doch erlöste und mir eine Heimat brächte! Josua, mein Erlöser, wann kommst du? Den.1914. Habe ich gestern wirklich gesagt, ich sei heraus aus der ersten Blüte? Siehst du, mein Josua, so schnell kannst du einen Menschen verjüngen. Ich fühle meine Jugend so glücksbewußt, so heiß, daß es mir ist, als könne sie nie, nie vergehen, als müsse ich