Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1915)
- Date
- 1915-07-30
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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370 sollte es geopfert werden, der Gesamtheit dient und dem Fortschritt, der nach dieser Erschütterung der Menschheit beschiedeu sein muß. Ist dieser Glaube durch Zweifel getrübt, wer wollte es nicht verstehen? Vielmehr, wer sollte es nicht wünschen? Ist doch keine Religiosität stärker gefestet als die durch Zweifel hindurchgegangene. Immerhin können wir nicht blind sein gegenüber der Erscheinung, das; das Gottvertrauen sehr oft nicht über den Wunsch der Erhaltung der eigenen Person hinaus gediehen ist. Man kann sehr wohl wissen, das; das Geschehen sich nicht nach unseren Gebeten und Wünschen richtet, und doch sein Stoßgebet emporsenden; man wird sich dadurch nicht untren; man zeigt keine Schwäche, wenn man sich stärkt. Und darin liegt das Geheimnis von der Macht des Gebetes. „Des Menschen Herz ist wunderbar, wer will es ergründen?" Zu den Unergründlichkeiten, die sich einer Enthüllung widersetzen, gehört aber auch dies. Immer wieder tritt es auf, und wie vor Jahrtausenden dieselben Stimmen aus dem Innern der Menschen tönten, so werden sie nicht verstummt sein, wenn unser Krieg längst grauer Vergangenheit angehören lvird. Zweifellos sind das die Grundzüge der religiösen Verfassung unserer Zeit; in aller Welt sind die Gotteshäuser stärker besucht; die Kirchen haben sich ebenso gefüllt wie Synagogen und Moscheen. Diesen Zustand haben wir vorgefunden, als wir hinauszogen ins Feld, und die Erfahrungen der Feldgeistlichen aller Konfessionen zeigen hierin Uebereinstimmung. Ihre Aufgabe ist es uun, diese Stimmung nutzbar zu machen, sie zu vertiefen und sie womöglich zu einem unverlierbaren Besitztum zu gestalten. Auch hierin gilt es, das Durchhalten und Ausharren zu fordern, damit der jetzt vorhandene religiöse Besitz gepflegt, gemehrt und möglichst viel davon in die Zeit des Friedens mitgenommen wird. Steht uns bei dieser Arbeit nur ein schwaches Mittel, das gesprochene Wort, zur Seite, so kommt vieles uns entgegen und fördert uns in dieser Aufgabe, die unter gleich günstigen Bedingungen nur in seltenen Fällen an den Geistlichen herantritt. Der Boden ist schon gelockert, das Gemüt empfänglich; die einen kommen aus dem Gefecht, die anderen gehen dorthin zurück; diese treffen wir aus dem Krankenlager, jene in seelischer Vereinsamung; dem einen ist der Gottesdienst im Felde die Fortsetzung seiner Gewohnheit, dem anderen eine liebe Erinnerung; u>em er etlvas Neues ist, dem wird er ein unverlierbares Andenken, vielleicht ein Anfang sein. In allem aber: so leicht wie jetzt öffnen steh nur selten die Menschenherzeu. Mehr als in der Heimat und im Frieden gilt unsere Sorge jetzt der Einzelseele, der wir nahetreten, wie sonst nur in seltenen Fällen des Lebens. Nie hat man mit gleicher Eindringlichkeit die Schönheit des Seelsorgerberufes empfinden können, das; man Freund sein darf einem jeden, der unsere Freundschaft annehmen will. Wahrhaft herzerfreuend ist es auch, mit welcher Dankbarkeit von den Angehörigen daheim der geringe Liebesdienst einiger Zeilen über das Befinden der Ihrigen entgegengenommen wird. Jedes Wort schlingt hier ein neues Band um die kleine Genua nde lind den Feldrabbiner. Wird die religiöse Stimmung anhalten? Wird sie so schnell verschwinden wie nach 1871? Oder sind wir, wie es den Anschein auch schon vor dem Kriege hatte, in einer aufsteigenden Linie religiösen Lebens begriffen? Wer möchte so vermessen sein, hier eine Antwort zu wagen? Die geringen Erfahrungen, die der Blick in kleine Ausschnitte gewährt, zu verallgemeinern? All die Einflüsse zu berechnen, die Hill und her ziehen und nach dem Kriege sich vielleicht stärker erweisen lverden als die Kraft, die wir jetzt beobachten? So soll es denn keine Meinung, sondern mehr eine Hoffnung sein, daß der Geist der Religiosität erhalten bleibt, daß er sich vor allem erhält in dem Ernst des Lebens, den ein Mensch gelvinnen muß, wenn er monatelang den Ernst des Sterbens vor Augen sieht. Wenn es mit unserem Geschlecht nicht schon schlimm steht, dann wird hoffentlich die Generation, die heimkehrt, eine neue Wertung des Lebens gewinnen, dem Geistigen sein Recht lassen und hauptsächlich alles, was von Snobismus — Gott sei Tank, daß es kein deutsches Wort dafür gibt — auch heute noch vorhanden ist, von Grund auf wegsegen. Welche große Rolle bei dieser Aufgabe gerade der Akademiker zu spielen hat, ist zu wichtig, als das; man es verschweigen, ist zu weittragend, als daß man es erschöpfend darlegen könnte. Alles, was von den hier ausgesprochenen Hoffnungen sich erfüllt, wird wie jeder anderen religiösen Gemeinschaft auch der unserigen zugute kommen und ihren Kern befruchten. Ihren Kern! Denn von welcher Seite wir auch zum Judentum kommen und wie wir zu ihm Stellung nehmen und uns in ihm betätigen mögeu, Anfang und Ende, Quelle und Mündung bleibt doch seine Religion. Der Seele des Einzelmenscheu gilt die erste und vornehmste Aufgabe des Geistlichen; allein, er darf nicht darauf verzichten, den Blick auf die Gesamtheit zu richten. Die Sittlichkeit des einzelnen ist Stückwerk, wenn nicht die Volkssittlichkeit ihre Fortsetzung, Versittlichung der Menschheit ihr Ziel ist. Wenn auch der gegenwärtige Krieg nichts anderes als eine rückläufige Bewegung in Hinsicht auf dieses Ziel genannt werden darf, so hat er doch, wie zum Ersatz dafür, im ganzem Volk sittliche Kräfte von ungeahnter Stärke ausgelöst, deren vornehmste Opfermut und Hilfsbereitschaft, Hingabe an das Ganze sind. Diese vaterländischen Tugenden zu fördern, das entflammte Feuer zu schüren, ist die Pflicht, die der Feldgeistliche dem Vaterlande und der Religion gegenüber zu erfüllen hat. Die Mehrung religiöser, sittlicher Kräfte im Einzelmenschen bedeutet zugleich eine Stärkung des sittlichen Bestandes des Volkes, in dem wir leben, dem wir verantwortlich sind nicht nur für Wohl und Wehe, sondern ebensosehr für die Höhe seines geistigen und sittlichen Besitzes. Darum ist die Pflege vaterländischer Gesinnung eine Ausgabe, die sich gleichberechtigt neben die erste stellt. Nicht willkürliche Arbeitshäufung, nicht zweckmäßige Zusammenstellung, sondern notwendige Folge der Gedanken lassen aus den religiösen die patriotischen Aufgaben erwachsen. Diese Aufgabe wird ebenso gern übernommen wie leicht erfüllt. Das deutsche Volk befindet sich in glücklicher Lage: sein Gewissen ist in Uebereinstimmung mit der vom Staat erkannten Notwendigkeit. Es kennt nicht den tragischen Zwiespalt zwischen Staatswohl und Rechtsbewußtsein. Ist unser Argwohn berechtigt, diesen Zwiespalt auf der Gegenseite anzunehmen? Es ist schwer, in eines anderen Seele zu lesen, leicht, ihm den guten Glauben abzusprechen; aber daß nicht auf allen Seiten unserer Gegner als 'Bundesgenosse das Bewußtsein des guten Rechtes kämpft, beweisen denn doch verschiedene Anzeichen innerer Uneinigkeit. Dies Bewußtsein des guten Rechtes ist es aber auch, das jedem davon erwärmten Wort — mag es auf der Tribüne oder dem Katheder, im Gottesdienst zu Hause oder int Felde gesprochen sein — den Widerhall sichert und die Verbindung von Redner zu Hörer knüpft. So ist denn diese Seite der Tätigkeit des Feldgeistlichelt eine leichtere und dankbarere, und die Hoffnungen, die sich daran knüpfen, sind um so berechtigter, je mehr das ganze Volk davon durchdrungen ist, daß es mit seinen Bundesgenossen auf dem rechten Wege geht. Haben wir es nötig, uns im besonderen als Juden dazu zu äußern? Die Uebereinstimmung unserer Gefühle mit den Forderungen des Vaterlandes zu betonen? Ich glaube nicht; zu offen liegt die Eiltsicht hierin vor; zu laut sprechen die Taten, die dafür zeugen. Wenn aber doch immer wieder auf so vieles hingewiesen wird, was die Uebereinstinlmung Zwischen Deutschtum und Judentum beleuchtet, so kommt es wohl daher, daß die Tatsache von gegnerischer Seite zu oft bestritten wird, als daß wir stillschweigend daran Vorbeigehen können, daß wir gezwungen lverden, Apologie zu treibett, wo wir lieber in heiliger Selbstlosigkeit aufbauend wirken lvürden. — Deutsche Sittlichkeit und jüdische Sittlichkeit sind nun einmal zwei Blüten am gleichen Stamm. Deutsche Sittlichkeit, wie sie Luther, Kant, Fichte — Willkür nennt diese Namen, verschweigt andere — gelehrt und gelebt haben, ist ebensosehr der Tiefe deutscher Volksseele entsprungen wü dttrch den Geist der Bibel genährt. Deutsche Treue ist groß, nich kleiner ist die jüdische; deutsche Hingabe ist bewunderungswürdig aber gleiche Selbstlosigkeit ttnd Aufopferung zeigen Jahrhunderte jüdischer Geschichte, zeigt die Mahnung: „Seid nicht wie der Knecht, der dem Herrn dient um Lohn, sondern erfüllt selbstlos die Pflicht/ Wir deutschen Juden brauchen, was Fragen der Weltanschauung be trifft, keine Zwiespältigkeit zu empfinden. Wir wissen, daß alles was Zwiespältigkeit in uns hervorgerusen hat, von außen gekommen ist. Wir leben in zwei Kreisen, die sich schneiden, und die Flüche die beiden gemeinsam ist, aus der wir stehen, ist groß genug, das lvir uns ungezwungen auf ihr bewegen und nach beiden Richtungei hin wirken können. Wir wissen aber auch, daß diese beiden Kreis/ zu fest miteinander verbunden sind, als daß sie ohne Schaden gelös werden könnten. Erziehung und Geschichte, Veranlagung und Wunsch Liebe und Pflicht haben uns nach beiden Seiten hin so sest verankert, das; eine Losreißung von der einen zugleich unseren Lebensnerv treffen lvürde. Judentum und Deutschtum haben sich in uns nicht Nur getroffen, sondern vermählt.