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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-30 · Heft 31 (30.7.1915) · p. Seite 369

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 31 (30.7.1915)
Date
1915-07-30
Page
Seite 369 (sequence 9)
Language
German
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36S lrchen bewährt und . dank ihrer Maßnahmen viel Unheil abzuwenden vermocht hat. Ich bin im Besitze eines Berichtes der Deutschen Palästina-Bank, worin auf die Tätigkeit der Anglo- Palestine Company Bezug genommen wird. Es ist ein Bericht der Jaffaer Filiale an die Direktion in Berlin; er bars also als sachlich und, da es sich um ein Konkurrenzinstitut handelt, auch als durchaus einwandfrei gelten. „Gleich zu Beginn des europäischen Krieges", heißt es nun darin, „bemächtigte sich des Publikums eine Panik, die zur Folge hatte, daß die Barbestände in kürzester Zeit vom Markt verschwanden. Was nicht durch die Regierung dem Platze entzogen wurde, wurde von der verängstigten Bevölkerung versteckt. Infolge der in Europa, Aegypten und in der Türkei selbst verhängten Moratvria und Goldsperren war es von vornherein unmöglich, größere Barbestände von auswärts hereinzubekommen. In unserer Provinz gestaltete sich die Lage der Banken besonders mißlich, weil da das türkische Moratorium 11 Tage später als in der Hauptstadt verkündet wurde. Den Banken stand somit kein gesetzlicher Schutz gegen das kopslose Zurückziehen der Kapitalien zu Gebote, wobei andererseits ihre eigenen auswärtigen Guthaben um so viel früher dem Moratorium verfielen. Der ganze Handel und Verkehr drohte mangels jeden Zahlungsinittels stillzustehen, da in den türkischen Provinzen bekanntlich keine Banknoten zirkulieren. Wechsel, selbst Dokumentrimessen konnten nicht mehr eingelöst werden. Ein namenloses Elend begann über die ärmere, hauptsächlich die sehr Zahlreiche jüdische, meist aus europäischen Geldzuschüsien lebende Bevölkerung hereinzubrechen. In dieser Notlage entschloß sich die hiesige Ang'lo-Palestine Company Limited in ihrem Charakter einer jüdischen Nationalbank zur Ausgabe von Notstandspapiergeld für ihren ausgedehnten Kundenkreis und schuf damit eine große Erleichterung." Das gespendete Lob wird allerdings bald im Berichte einigermaßen eingeschränkt. Denn bei dem großen Bedarf konnte es nicht ausbleiben, daß der Markt bald mit den Banknoten überschwemmt war und Gold überhaupt nicht mehr gesehen wurde. „Nichtsdestoweniger", heißt es aber schließlich doch im Bericht, „mußten wohl oder übel auch wir »ns dazu bequemen, diese Schecks, deren Flüssigmachung erst nach Ablauf des Moratoriums und Wiedereröffnung des Verkehrs nach außen denkbar ist, für unsere eigenen und die uns anvertrauten fremden Forderungen an Zahlungsstatt, selbst sür die kleinsten Moratoriumsquoten, anzunehmen." Das Vorgehen gegen die Anglo-Palestine Company bedeutete also unleugbar einen schweren Schlag für das Wirtschaftsleben im Heiligen Lande. Allein, was uns in diesem Zusammenhänge weit mchr interessiert, das sind die Motive, die zu den Regierungsmaßnahmen geführt haben. Wohl konnten in den Operationen der Anglo-Palestine Company eine Verletzung des Notenprivilegs der Ottomanbank sonne der Versuch zur Einführung von Papiergeld erblickt werden. Fraglos aber waren es ebensowenig staatsrechtliche Bedenken wie sinanztechnische Unzuträglichkeiten, die der Obrig- 'eit Anlaß zum Einschreiten boten. Der wahre Beweggrund dürfte vielmehr, wie mir scheint, in dem Wunsche gelegen naben, die Anglo-Palestine Company in ihrer Eigenschaft einer ..jüdischen Nationalbank" zu treffen. Darin haben wir auch die eigentliche Tragweite des Vorganges zu suchen, dessen Tendenz vor allem politischer Natur ist, mit dem ausgesprochenen Ziele, dem in Palästina sich breitmachenden Zionismus entgegenzutreten. Und so war es nur ein Schritt weiter auf dem gleichen Wege, als bald die Behörden auch daran gingen, den Juden den Verkehr überhaupt und ganz besonders mit dem Auslände zu erschweren. Gegen die Zionisten, die vermeintlichen «taatsseinde, sollte wohl der Schlag geführt werden, allein er >raf die gesamte jüdische Bevölkerung. Von der Postdirektion in Jerusalem ging der Redaktion des „Hacheruth" folgende offizielle Verfügung zur Veröffentlichung zu: 1. Jnlandsbriese müssen in türkischer oder arabischer Sprache geschrieben sein. Französisch geschriebene Briefe werden nach Damaskus gesandt (wohl zur Prüfung der Zensur). 2. Briefe, die fürs Ausland bestimmt sind, müssen — soweit die mohammedanische beziehungsweise die christliche Bevölkerung in Frage kommt — in einer der folgenden Sprachen abgefaßt sein: Türkisch, Arabisch, Französisch, Italienisch, Deutsch, Griechisch, Armenisch, Amerikanisch. 3. Von Inden abgesandte Briese müssen ohne Rücksicht auf den Bestimmungsort türkisch, arabisch oder französisch geschrieben sein. In einer anderen Sprache als den eben erwähnten abgefaßt, bleiben sie von der Weiterbeförderung ausgeschlossen. Was hier gleich auffällt, ist die Trennung in Mohammedaner und Christen einer-, Juden andererseits. Durch diese Scheidung werden die Juden geradezu zu Bürgern zweiten Grades gestempelt. Den anderen Völkerschaften wird der schriftliche Verkehr nicht nur in der eigenen Muttersprache, sondern selbst in Feindessprachen gestattet. Es ist die altgerühmte Toleranz des Osmanen, die auf die starke Verbreitung des Französischen Bedacht nimmt und mit Rücksicht auf die Möglichkeit, daß englisch schreibende Neutrale betroffen werden könnten, „amerikanisch" zu korrespondieren erlaubt! Nur bei den Inden wird eine Ausnahme gemacht. Nicht allein, daß ihnen der Verkehr im Hebräischen untersagt bleibt, auch der deutschen Sprache, der Sprache der Verbündeten, dürfen sie sich nicht bedienen — weil den meisten Juden Palästinas das Deutsche in hohem Grade geläufig ist. Ein scharfer Wind weht gegen Israel im Lande der Väter . . . (Fortsetzung folgt.) Von der prbert des Lrldrsbbjnrrs'^ A u f g a b e n u n d Hoff n un ge n. Von Dr. L. Baer w ald, Feldrabbiner 6. Armee (Gouvernement Lille). aß der Krieg die Religiosität gefördert hat, obwohl er selbst allen Lehren der Religiosität widerstreitet, ist mehr als einmal bemerkt und nilsgesprochen worden. Es ist einer von den vielen, scheinbaren Widersprüchen, die der Krieg geboren; der alle Schrecknisse entfesselt, ließ alles Große und Erhabene ans Licht treten, der die Völker getrennt, band mit unauflöslichen Banden das Volk, der den Haß erzeugte, den Neid erweckte, rief ungeahnte Kräfte der Liebe und des Vertrauens ins Dasein. So hat der Krieg die Seelen bewegt, das Gemüt erwärmt, den Willen zur Hingabe bereit gemacht; mit einem Wort, die sittlichen Kräfte im Menschen gestärkt; vollends aber hat er den Boden zur Aufnahme religiöser Gefühle gelockert durch das gewaltige Erleben unserer Zeit. Ob das Erleben von innen oder außen kommen muß, um Gedanken- und Gefühlsinhalt des Menschen vom Grunde a-uszurühren, ganz gleich; hier verband sich Aeußertiches und Innerliches und erfaßte mit doppelter Gewalt jeden, der nicht mit Blindheit geschlagen ist. Es erfüllte ihn mit dem „Gefühl der Abhängigkeit", das, wenn auch nicht der Hauptinhalt der Religion, doch eine ihrer Grlrndstimmungen ist. Wer hätte sich dem Gefühl entziehen können? Ob er selbst zum Schwerte griff, ob Angehörige hinauszogeu, oder ob auch nur alle Bedingungen seines Lebens durch das kommende Ungewisse in Frage gezogen wurden. Zum Glück tat der Krieg noch mchr. Indem er die sittlichen Kräfte weckte, den Geist des Widerstandes gegen das Schlechte stärkte, tätige Mitarbeit zu freudig erkannter Pflicht machte, hat er uns an das Gute in der Welt glauben gelehrt, an den Weltwillen, den wir trotz aller Dunketheit doch immer wieder zu erkennen meinen. So entstand in unserem Geschlecht ans Not und Leid Gottvertrauen und Zuversicht. Zuversicht freilich nickst in dem Sinne, daß wir unser eigenes Leben dadurch geschützt wahnen — wir wissen, die Kugel trifft auch den Gläubigsten und Frömmsten —, sondern als Vertrauen daraus, daß unser Dasein, J) Aus den „K. C.-Blättern", Mai-Juni 1915.

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