Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1915)
- Date
- 1915-07-30
- Page
- Seite 365 (sequence 5)
- Language
- German
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865 Zn Polen sind alle Fragen, die dort austauchen, durch die antisemitische Agitation erschwert, die in den letzten Jahren von den polnischen Nationaldemokraten erfolgreich betrieben worden ist. Diese dem russische Regime ergebene und von ihm abhängige Partei hat im Einverständnis mit den russischen Machthabern die jüdische Bevölkerung terrorisiert. Sie hat während des Krieges mit Vorliebe jeden chlden, der ihr gerade im Wege war, als Spion angezeigt. Sie hat auch in den besetzten Landesteilen die mildtätige Hilssarbeit, die Polen and Juden zugute kommt, nach Kräften durchkreuzt. Je weiter sich?ie Tinge jetzt entwickeln und je mehr Gebiete besetzt werden, desto Mtlvendiger wird es, alle Möglichkeiten in Erwägung zu ziehen. Ran muß dabei genau so alle Sympathien und Antipathien, Emvindlichkeiten und vorgefaßten Meinungen ausschalten, wie auch sonst;u der Politik. Es genügt nicht, Antipathie zu empfinden, denn damit .ommt man an den Tatsachen nicht vorbei, und man sollte auch bedenken, daß es manchem schwer ist, ein Engel zu bleiben, wenn er in iner Hölle lebt. Es genügt auch nicht, Sympathie zu zeigen, und wlche Sympathiebeweise sind sogar recht gefährlich, da man die Juden in Innern Rußlands Programmüßig dafür büßen läßt. Jedenfalls lätte niemand Grund zu der Besorgnis, mit der möglichen Entwicklung der Dinge könnte bei uns ein jähes Hineinfluten so gemischter ckemente zu erwarten sein. Alle vernünftigen Menschen würden sich iesen Bedenken anschließen und die wirksamen Gegenmittel gutheißen, mtürlich im Rahmen der allgemeinen Gesetzlichkeit. Ob diese Fragen nach dem Kriege spruchreif sein werden, wissen nir nicht. Einstweilen dringen die ruhmreichen deutschen Heere und mserc Verbündeten immer weiter in Polen vor. Das aber wissen oir genau: sollten die russischen Behörden in die jetzt abgenommenen Bezirke zurückkehren, so würde für viele Juden das irdische Dasein vgetürzt und für alle unerträglich sein. Ihre vorsichtige Zurückhaltung, ihre ängstliche und nur zu begreifliche Beflissenheit, sich licht lrerdüchtig zu machen, würden ihnen wenig genützt haben, denn ie nationaldemokratischen Giftmischer ließen sich, im Bunde mit den ussischeu Beamten, diese Gelegenheit zu einem größeren Schlachtfest anz gewiß nicht entgehen. Die Franzosen, die Engländer, die -taliener und selbst die Amerikaner, die den gegenwärtig unwahryeinlichen Sieg Rußlands erhoffen und zuZÄhern suchen, wünschen amit zugleich, da das eine vom anderen' untrennbar ist, dieses Ausattnngselend herbei. Gleichwohl sind sie, wie der „Avanti" so essend zeigt, allesamt mit der Versicherung ausgezogeu, sie wollten ie unterdrückten Völker befreien. Um den Widerspruch, der zwischen;rcit Worten und ihrem Handeln sich auftut, nicht so fühlbar werden i lassen, weisen sie daraus hin, daß es ja auch in Deutschland einen ntisemitismus gibt. Dieses ist nicht zu bestreiten, und wir haben sehen, was die Rückschrittlichkeit solcher und anderer Gesinnungen, e neben der kühnsten Fortschrittlichkeit in Technik und Organisation nhergeht, uns in der Welt gekostet hat. Wer erstens sagt man ja, iß das nach dem Krieg anders werden soll, und zweitens ist zu ustatieren, daß der Antisemitismus bei uns selbst in seiner lichten lanzzeit nicht geradezu lebensgefährlich war. Die Franzosen, Engmder und Amerikaner werden nicht leugnen können, daß immerhin n Unterschied besteht. Und trotzdem liefert sogar das aufgeklärte inerika dem heiligen Rußland Munition und Waffen und den ans für die Stricke, mit denen man die Inden hängt. * Die „Frankfurter Zeitung" enthält nachstehenden Bericht: s tu englis ch e s Urteil über die Judenverfolgung. London, 20. Juli. In den „Daily News" wird ein Buch Gregor Alexesinskys über tißland recht wohlwollend besprochen, obwohl das Buch ausgesprochen gen ixui Zarismus gerichtet ist. Der Verfasser wird gelobt und als dealist, Liberaler und Freihändler gekennzeichnet, der selbst für den reihandel zwischen England und Rußland eintrete. Aus denn Buche einige Stellen angeführt, und es wird gesagt: „Das traurigste nb in dieser Hinsicht gewiß das wichtigste Kapitel in diesem Buche ist 'tu% das von der unglaublichsten Perversität und Torheit handelt, 'ie die russische Negierung seit dem Kriege in der Behandlung des!< n11oiutlitcitenl>ToWem» gezeigt hat. Ein bezeichnendes Beispiel hierfür 'l der Brief einer jüdischen Tarne irr Petersbrrrg. lieber den Eifer nr russischen Juden, mit dem sie sich anr europäischen Kriege beteilig- ' it, besteht nicht der geringste Zrveifel. In allen Städten jüdischer Niederlassungen gab es patriotische Demonstrationen; reiche Juden trugen in freigebigster Weise zu Kriegshi'lsssonds bei, und junge Juderr traten zu Tausenden als Freiwillige in das Heer ein. Einer der bekanntesten antisemitischen Führer dachte niemals, daß die Juden so liebenswert seien!" Dieser Brief jener Dame jedoch ist ein trauriger Kommentar auf den Erfolg. Die Dame hat alle Illusionen aufgegeben, indem sie schreibt: „Bon unseren Träumen ist bereits jetzt nichts mehr übriggeblieben. Wir sind erwacht, zu denselben Ungerechtigkeiten, denselben Erniedrigungen und Schmähungen. Ungefähr 400 000 Inden dienen in der russischen Armee, und unter ihnen sind viele Helden, die sich bereits das Mlitürkreuz durch ihre Taten errungen haben. Alles ist wie vorher, und die Lage wird selbst schlimmer. Es ist furchtbar." Es mag daran gezweifelt werden, ob in der ganzen Geschichte der Verfolgungen irgend etwas besteht, das verglichen werden kann mit dieser stupiden Undankbarkeit und Grausamkeit, mit der die Russen die Juden während der letzten sechs Monate behandelt haben. fjfttli Aoa Mannheimer. mannheimer gilt als einer der hervorragendsten jüdischen Prediger und ist, vielleicht nicht mit Unrecht als der eigentliche Begründer der Wiener Knltnsgemeinde und als Zivilisator des österreichischen Judentums bezeichnet worden. Nach seinein erst jetzt aufgefundenen Tagebuch von 1829—1865, aus dem eine Probe als Faksimile gegeben wird, und aus anderen Quellen hat Rosemann das Leben des verdienstvollen Mannes geschrieben?) Aus dieser Darstellung mögen folgende Notizen zur Begleitung seines Bildes hier stehen. Auf eine Beurteilung und Charakteristik des hervorragenden Predigers gehe ich nicht ein, weil die Art, in der ich ihn ansehe, unsere österreichischen Leser verstimmen möchte. Nur ein kurzes Wort sei gestattet: In jüdischen Dingen muß der geistliche Führer Partei ergreifen. Er muß entweder seinen altgläubigen Standpunkt fest behaupten oder seine liberalen Ideen deutlich bekunden. Mannheimer, in seiner Jugend ausgesprochener Reformer, glaubte während seiner Wiener Wirksamkeit seinen Standpunkt verbergen zu müssen. So wurde er ein Halber, der es mit keiner Partei verderben wollte. Mannheimer wurde am 17. Oktober 1795 in Kopenhagen geboren. Er gewann in seiner Vaterstadt eine tüchtige klassische Bildung, hatte sich mit seinen Heimatsgenossen in jungen Jahren der vollen Gleichstellung zu erfreuen und bekannte in seiner Frühzeit eine liberale Richtung, so daß er nicht nur dänisch predigte, sondern im Gottesdienst den Sonnabend auf einen Wochentag, und zwar den Mittwoch, verlegte. 1824 wurde er, nachdem er zeitweise in ^Hamburg am Reformtempel tätig gewesen war, nach Wien berufen, nicht als Prediger, sondern als „Direktor der Wiener Kaiserlich Königlich genehmigten öffentlichen israelitischen Religionsschule". Bald aber wurde er wirklicher Prediger, konnte den ersten Tempel in Wien begründen und schuf ein Gebetbuch und eine Organisation, die die Einheitlichkeit der Gemeinde feststellte. Als Religionslehrer und als Leiter der ihm anvertrauten Anstalt erwarb er sich große Verdienste. lieber den Religionsunterricht stellte er als Grundsätze auf: „Die Kenntnis der hebräischen Sprache ist höchst notwendig, um a) die Bibel im Grundiert zu lesen und zu verstehen und daraus die Religionslehre und das Zeremonialgesetz kennenzulernen, b) die hebräischen Gebete ebenfalls zu verstehen und dabei die Andacht aus eine entsprechend würdige Weise zu Verrichten." Als Seelsorger erwarb er sich außerordentliche Verdienste. Auch als Politiker wirkte er mächtig; seine Rede bei der h Jsak Noa Mannheimer. Aus seinem Leben und Wirken von Dr. M. Rvsemanu, Rabbiner und Prediger an der israelitischen Knltnsgemeinde in Wien. Zweite, erweiterte Auflage. Wien 1015. R. Löwit Verlag. Preis: 1,80 Mark.