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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-30 · Heft 31 (30.7.1915) · p. Seite 364

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 31 (30.7.1915)
Date
1915-07-30
Page
Seite 364 (sequence 4)
Language
German
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364 absurden Fälle von Kufchi und KieloeH sind krasse Belege dafür, und die Tatsache, das; diese Fülle irr den offiziellen Organen publiziert und auf den Straßen plakatiert wurden, bedeutet eine direkte, von der Negierung ausgehende, mit ihrem Siegel versehene Agitation für Pogrome. Indessen ist der Presse der Mund geschlossen, es wütet die . Militärzensur, und die gegen die Juden gerichteten Gewalttaten nehmen ihren Gang in einer Atmosphäre des Schweigens von seiten der Gesellschaft und schmachvoller Gleichgültigkeit von seiten der russischen liberalen Kreise. Wir jüdischen Sozialdemokraten erachten es als unsere Pflicht, die Gransanrkeiten der Verfolgung, denen die Juden ausgesetzt sind, vor alter Welt laut zu bekunden. Wir fordern alle zum Protest heraus, alle, die ihr'politisches Gewissen nicht verloren haben, die die Gefahr begreifen, welche nicht nur den Juden, sondern ganz Rußland von seiten eitles Häufleins von Gewalttätern droht, die die. MiUionennrasseu der russischen Soldaten in wilde Horden verwandeln wollen. Wir wenden lins mit diesem Aufruf allerorts all die klassenbewussten Proletarier aller Nationalitäten, die Rußland bevölkern. Wir fordern von ihnen, daß sie ihre Stimme gegen all die Schaudertaten erheben, die gegen uns begangen werdet!. Wir tvenden uns loeiter an das internationale Proletariat, dessen Pflicht es ist, vor alter Welt die Gewalttaten zu enthüllen, denen die jüdische Bevölkerirug ausgesetzt ist. Bon ihlletl, deu Proletariern der Verbündeten Rußlands, fordern wir, daß sie ihre Negierungen Zultl Protest gegen die blutigen Wildheiten ihres „Verbündeten" drängen. Wir tvenden uns mit unserem Aufruf schließlich an die Sozialisten der neutralen Länder Europas und Amerikas. In diesen Ländern sucht der Zarismus für sich Sympathien und Entgegenkommen zu gewinnen. Die Sozialisten der neutralen Staaten sind verpflichtet, ihre proletarische Schuldigkeit zu tun, damit der Zarismus auch in ihrer Heimat die Aufnahme erhält, die er sich mit seinen verbrecherischen Taten vorbereitet hat." * In einer Sitzung der Anthropologischen Gesellschaft in Berlin gab Professor v. Luschan einen Bericht über seine to i f s e n f ch a f t l i ch e n Arbeiten i n A m e r i k a. Darin äußerte er sich auch über die Judenfrage. Im Eingänge seiner Darlegungen hob v. Luschan zuerst die neuen Eindrücke hervor, die er von den russischen Juden in Amerika gewonnen hat, und räumte die Berechtigung der Anschauungen des Amerikaners Professor Fischberg über diese ein, obwohl er ihr bisher widersprochen hatte. Dies war aus seiner geringen Kenntnis, wie er offen zugab, geschehen, v. Luschan hat sich seit mehr als dreißig Jahren mit diesem Problem befaßt und hatte schon vor einem Menschenalter in Wien zahlreiche Inden aus Russisch-Polen, also immerhin aus einem räumlich begrenzten Gebiet stammend, untersucht. Er glaubte alles zu wissen, was man über Aschkenasim, das heißt die Juden Osteuropas, und Sephardim, das heißt die Nachkommen der spanischen Juden des Mittelalters, erfahren konnte, aber erst in Amerika lernte er, daß viele der heute dort lebenden russischen Juden, wie Professor Fischberg es tatsächlich dargestellt hat, vollkommen innerasiatische Eigenschaften in anthropologischer Hinsicht besitzen, die kalmückisches, burjätisches, baschkirisches Blut andeuten, v. Luschan erklärte, er bewundere die in New Pork in einer Zahl von 1 200 000 Seelen lebenden russischen Juden wegen ihres hochstehenden Familienlebens, ihrer vortrefflichen sozialen Eigenart, ihrer guten hygienischen Einrichtungen; sie seien gute Staatsbürger und würden gerade wegen ihrer sozialen Vorzüge bisweilen angefeindet: nach seiner Anschauung sei jeder Zweifel daran ausgeschlossen, daß das zionistische Ideal jemals auf dem Boden Syriens oder Palästinas seine Verwirklichung finden werde. Tie Frage werde vielmehr im Westen aufgeworfen werden müssen, ihre Lösung liege in Amerika. Hefter die Lagei n R i g a berichtet der „Berliner Börseneourier": Ein angesehener Rigaer Kaufmann, der soeben in Kopenhagen aus Riga eingetroffen ist, berichtet: Ich habe Riga vor etwa acht Tagen verlassen und bin glücklich, daß es mir endlich gelang, Stadt und Land zu finden, wo ich und l) Die jüdische Bevölkerung wurde hier angeklagt., den Einbruch der deutschen Armee begünstigt zu haben. meine Familie nicht nur nach langer Reise ausruhen, sondern uns auch von den Strapazen und Schikanen russischer Militärbehörden erholen können. Noch kürzlich konnte man in Riga wenigstens leben und atmen. Jetzt leidet die gesamte Bevölkerung unter dem schrecklichen Terror russischer Soldaten; man ist nicht nur durch tausend Verordnungen gebunden, sondern man wird aus Schritt und Tritt überwacht. Unter besonderem Verdacht stehen alle Elemente deutscher Abstammung sowie die jüdische Bevölkerung. Die russischen Behörden wissen sehr gut, daß die vollständige Rigarännning einen schlechten Eindruck in Rußland Hervorrufen wird, daher wird die Räumung verschleiert. Zuerst wurden die Elemente entfernt, die nicht zur ständigen Einwohnerschaft gehörten; dies wird durch die Notwendigkeit einer Bekämpfung deutscher Spionage motiviert. Dann wurde ein allgemeines Verbot erlassen, wonach niemand ohne Erlaubnis der betreffenden Militärverwaltung nach Riga kommen darf. Tie Militärbehörden sind aber so rigoros, daß niemand die Erlaubnis erhält. Alle Bahnhöfe Rigas sind von Stacheldraht umzäunt und machen einen schrecklichen Eindruck, besou ders die abgehenden Züge sind so überfüllt, daß viele Personen, dü Riga auf dein Zwangswege verlassen, nur Beförderung auf Wagen dächern finden. Dann kam die Reihe an die Juden, die früher am Kurland nach Riga ausgewiesen wurden. Rigasche Zeitungen schreiben diesen Juden sei gestattet, in Riga zu bleiben; plötzlich kam der Befehl die Juden auszuweisen. Die Schnelligkeit, womit die Entfernung dei Juden geschah, verursachte eine Panik in der Stadt und vergrößerte das Elend. Jetzt meinten die ständig ansässigen Elemente, es wertu Ruhe eintreten. Generalgouverneur Kurlow machte bekannt, daß es zweckmäßig sei wenn diejenigen, die die Stadt verlassen wollen, es rechtzeitig tun weil der Moment kommen könne, wo es zu spät fei oder die Behörde! alle ausnahmslos zwangsweise entfernen werden, wie in Windau Eine neue Panik brach aus; die wohlhabenden Familien beeilten fiili Riga zu verlassen. Die Fabrikbesitzer Rigas erhielten folgenden Befehl: „Alle Maschine! sind zu demontieren und nebst Warenlager nach Moskau zu bringen. Besondere Züge transportieren die gesamte Rigaer Industrie, vde besser gesagt, den Hefterreft dieser Industrie. Ich mußte meine War nach Moskau schicken, weil wir den Befehl erhielten, alles dorthin zi senden, wo angeblich kolossale Baracken und Schuppen zur Aufnahm unserer Waren und Maschinen seien. Mir und meiner Familie wurd aber nicht erlaubt, nach Moskau überzusiedeln, weil ich ein Jude bn Zum Glück erhielt ich einen Auslandspaß und durfte ins Anslan ubreisen. * Im „Berliner Tageblatt" begegnen wir folgender inter essanter Ausführung: Der „Avanti" hat mit Recht zu denjenigen Voltselementen, die vv'. den alliierten Vorkämpfern der Freiheit ein wenig vergessen oder dor nicht ganz im Sinne der Menschenrechte behandelt werden, die ai russischen! Boden lebenden Juden gezählt. In der ungeheuren Tr--, gödie dieses Krieges, zwischen dem uns näherliagenden und immittc; barer treffenden Leid, interessiert uns das Schicksal der östliche Inden nicht nur, weil es bedauernswert ist, sondern vor allein da Problem. Die Juden in Rußland und in Polen sind begreiflicheweise seit Ausbruch des Krieges bestrebt gewesen, der russischen R gierung trotz allen trüben Erinnerungen ihre Anhänglichkeit zu b weisen, und sie haben die einrückenden Gegner ihres Landes mit jenc mißtrauischen Zurückhaltung ausgenommen, die für sie geboten um Diese Loyalität hat ihnen ebensowenig genutzt wie der bekannte wol wollende Zarenerlaß, und besonders in den Gegenden, lvo das Kaust glück wechselte und die russische Arinee nach erzwungener Abwese! heit noch einmal zurückkehrte, hat man sie mißhandelt, beraubt, g treten und als Spione massenhaft anfgeknüpft. Als die deutsch Truppen Libau besetzten, las inan, das; hunderttausend Inden u : den russischen Militärbehörden aus Kurland vertrieben worden sei: Als Rumänien mobilisierte, wurden zunächst einmal die Inden d russischen Grenzgebiete, weil sie vielleicht militärische Maßnahm; verraten könnten, über die Grenzen gejagt. Im Hin- und Herwoge; des Krieges haben sie, was sich auch ereignete, den Ast mit dem Stri: über sich gesehen. Ein arabisches Sprichwort sagt: „Füllt der Stem auf den Topf, wehe dem Topf — fällt der Topf auf den Stein, wel-c dem Topf!" '

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