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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-30 · Heft 31 (30.7.1915) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 31 (30.7.1915)
Date
1915-07-30
Page
Seite 362 (sequence 2)
Language
German
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362 nicht zuletzt unsere Jugend erfaßt hat, zu zügeln, sv daß er beispielsweise nicht hindern darf, verwundete und gefangene Feinde menschenfreundlich zu behandeln, wie es das Judentum fordert. Bei dieser Gelegenheit wird der Religionsunterricht nicht versäumen dürfen, die Kinder darüber zu belehren, daß sie sich von dem ihnen innewohnenden Haßasfekt ehestens frei zu machen haben, sobald der Krieg zu Ende ist, und ihn nicht dem einzelnen Gegner gegenüber, zumal in Zeiten des Friedens, in Schmähungen und Kränkungen zum häßlichen Ausdruck zu bringen. Schon jetzt, ja gerade jetzt, scheint es angezeigt, nachzuweisen, daß unsere Gegner, besonders England, an den Fortschritten der Kultur auch reichen Anteil haben, und daß England und Frankreich zum Beispiel unseren Glaubensbrüdern völlige Gleichberechtigung gewährt und sich schon dadurch einen Platz unter den Kulturvölkern gesichert haben, zu denen Rußland freilich nicht zu zählen ist. Unsere reifere Jugend wird leicht begreifen, daß wir nach Friedensschluß den Austausch der ideellen und materiellen Güter mit unseren jetzigen Feinden früher oder später wieder aufnehmen müssen und werden. Den verheerenden Wirkungen des Krieges nach der Richtung hin, daß Trcne und Glauben, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit außer Kurs gesetzt zu sein scheinen, muß der Religionsunterricht mit aller Geflissentlichkeit entgegentreten. Lüge und Heuchelei, Falschheit, Verleumdung und besonders die Hinterlist und Treulosigkeit Italiens gegen den Dreibund — diese schmutzigen Waffen aus dem reich gefüllten und wvhlgehüteten Arsenal unserer Feinde, müssen in ihrer ganzen Verächtlichkeit und Verabscheuungswürdigkeit den .Kindern zu Gemüte geführt und die sprichwörtliche deutsche Treue und das vom Judentum geforderte Streben nach Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit in Gesinnung, Wort und TatJ mit Beispielen aus der biblischen und nachbiblischen Geschichte ins lvohlverdiente Licht gerückt werden, auf daß diese Tugenden in dem Heranwachsenden Geschlecht sowohl im persönlichen Umgang als auch den Lebensgemeinschaften, dem Vaterlande und dem Väterglauben gegenüber selbst in den schwersten Zeiten und unter großen Opfern bewahrt und geübt werden. Als einen ans den Nöten des Krieges hervorgegangenen Gewinn müssen wir es preisen, wenn es dem Religionsunterricht gelingt, den in überwältigende Erscheinung getretenen heroischen Opferwillen auch für die Zeiten des Friedens zu sichern. Dieses anti-egoistische Streben, die Preisgabe selbstischer Neigungen und die schrankenlose Betätigung des Gemeinsinns — diese als sozial-ethisch anzusprechende und anzucrkennende Wirkung des Krieges wird geeigneten Anlaß zu einer eingehenden Erörterung der sozialen Ethik des Judentums geben, die sich in der unvergleichlichen Zeit der Gegenwart auf jode nur mögliche Weise betätigt hat. An der Gegenwart mit ihrer uneingeschränkten Opferwilligkeit gemessen und nach den zahllosen jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen und -Veranstaltungen, Stiftungen, Vereinen und Spenden und Persönlichen Leistungen bewertet, wird die soziale Ethik des Judentums auf die Herzen unserer Kinder mächtig wirken, sie mit berechtigtem Stolz auf ihre Zugehörigkeit zum Judentum erfüllen und zur Nacheiferung anspornen. Ist die Pflege sozialethischer Triebe stets des Religionsunterrichts heilige Pflicht, so muß in Rücksicht auf die jetzige seelische Einstellung der Jugend die Pflicht zur „h e i l i g st e n Notwendigkeit" werden. Der jetzt anerzogene Wille zu stets tatbereitem Eemeinsinn und zur nimmer versagenden Vaterlandsliebe muß sv stark sein, daß sie selbst dann nicht aussetzen oder Nachlassen, wenn — wider Erwarten — die uns gesetzlich längst zugesagte Gleichberechtigung nach dem Kriege, trotzdem wir in allen r) „Schon dein Ja und Nein sei rechtlich!" (Talm. Bahn mezia 49) Ps. 15 und 24. III. Buch M. 19. Ezcch. 17, 11—22. Pred. 8, 2 u. a. m. Leistungen in und hinter der Front unseren christlichen Mitbürgern nicht nachstehen und trotz der Anerkennung und Auszeichnungen, die wir für Opferwilligkeit, Hingebung, Mut und Todesverachtung erfahren haben, dennoch vorenthalten oder beschränkt werden sollte. Andererseits müssen wir unsere Jugend schon jetzt darauf einstellen, daß sie, wenn — was wir als den köstlichsten Gewinn des auch für uns Juden so opferreichen Krieges zuversichtlich erhoffen — die uns beengenden und von unseren christlichen Brüdern trennenden Schranken fallen werden, bei voller Wahrung der jüdisch-religiösen Eigenart und in unverbrüchlicher Treue zum geheiligten Glauben bei Väter, ihre Fähigkeiten und Kräfte willigst und hingebungtz voll dem Vaterlande zur Verfügung stellen und auch an den jenigen Kulturarbeiten lebhaftesten Anteil nehmen, an dene> mitzuwirken uns bis jetzt versagt gewesen ist. Wenn wir zusammenfassend all das Große und Erhebende das religiös-sittlich Bildende, das uns der Krieg zu geben im stände ist, betrachten und beachten, dann werden wir unleichter versöhnen mit dem nnmeßbaren Leid, das der Kriruns zufügt. Und über den Hügeln, unter denen unsere tapferci Brüder und Söhne ruhen, wird Hoffnungsfreude und Zuver sicht für eine bessere Zukunft erstrahlen. Dann wollen wu dankbar unseren Feinden die Worte zurufen, die einst Josepl seinen Brüdern zurief:'') Atem chaschawtem olaj rooh; Elohin chaschowvh l'tauwoh ---- „Ihr trachtet mir Böses zuzufügeii Gott aber hat es zum Guten gewendet." Sie Woche. Berlin, den 27. Juli NU5. as erste Kriegsjahr ist in wenigen Tagen beende: Sollte England, das von einem v i e l jährigen Krieg gesprochen hat, wirklich recht haben? Sind die Mächte fähig die großen Verluste an Menschenleben und die sich inimr. steigernde Wucht der Ausgaben auszuhalten? Daß unser- 14 Milliarden bald erschöpft sind, wissen wir, aber die Zahle» die über die Ausgaben Englands und Frankreichs mitgetci: werden, sind bei weitem höher — Rußland schweigt darüber wie über vieles andere. Wird es wirklich möglich sein, diel ungeheuren Summen aufzubringen und die Verpflichtungei einzugehen, die für Verzinsung und Tilgung dieser beispiellose! Zahlen nötig sind. Man kann nur wünschen, daß diese Fragen verneint wer den und die Erschöpfung unsere Feinde bald nötigen wird, öl" Frieden zu erbitten. Unser siegreicher Vormarsch im Osten und Süd v st e n schreitet vor. Die Zukunft wird erst ein klares Dili von dieser zähen Ausdauer, von diesem unvergleichliche! Heldentum geben. Der eiserne Gürtel um die russische Festungen Jwangorod und Warschau zieht sich immer enge zusammen. Gewiß ist den Russen, die immer noch ihre letzte! Reserven nicht aufgezehrt haben, nicht abzusprechen, daß st mit Mut und Kühnheit Widerstand leisten, daß die ve: sprengten und geschlagenen Truppen durch immer neue Masse ergänzt und gestärkt sich zu heldenmütiger Gegenwehr, am gelegentlich zu wirklichen Vorstößen zusammenfügen. S> selbst suchen die Zukunft rosig genug darzustellen. Sie habe! ihre Hoffnung nicht aufgegeben, daß die Entscheidungsschlacl zwischen Bug und Weichsel, die bevorsteht, zu ihren Gunstcausfallen wird. Aber wenn nicht alles trügt, so sind das Geschi der Festungen und die Verdrängung der Russen aus der kleinen noch besetzten Stücke Galiziens und aus dem größte- Teile Polens besiegelt. Das deuten die großen Blätter de wirklich neutralen Mächte an. Das gestehen selbst die eng s) rniab rntr'n D,ni?K, nin a^Dtrn B£ik

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