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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-30 · Heft 31 (30.7.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 31 (30.7.1915)
Date
1915-07-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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79. Jahrgang Nr. 31 Berlin, 30. Juli 1915 Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. U bonnements-ssre':s>. durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen lierteljähriich 3 M. — Postscheckkonto 32H. begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums», Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. * ^blche Aufgaben stellt der Krieg unserem Religionsunterricht? IIUJUU« Von Lehrer E. Flanter, Berlin. — Die Woche. — , ak Noa Mannheimer. Von L. Gr. — Die „Wohltaten" des Hauses ' omanow. Von Leo Scheinhaus. — Palästina in Kriegszeiten. " ^n *** — Von der Arbeit des Feldrabbiners. Von Dr. L. Baerwald, ^ldrabbiner der 6. Armee (Gouvernement Lille). — Feuilleton: Der luge Rock. Roman von Anna Goldschmidt. — Sprechsaal. Der Gemein-e-ote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Juden-! ins"). Berlin, Hohensalza, Samotschin, Breslau, Hamburg, Kolberg, Fürth, , irich, Wien. — Von Nah und Fern. Äelche ftukgsllen stellt der Krieg unterem Lellgionsunterricht? Von Lehrer E. Flanter, Berlin, n. Der gewaltige Strom religiösen Denkens and Empfindens, der sich aus den welterschütternden Tageseignissen über unsere gesamte Jugend ergießt und sie in rem tiefsten Innern ergreift, wird seinen Einfluß auf Inhalt, lchtung und Lehrverfahren unseres Religionsunterrichts ltend machen müssen. Für tiefer dringende Einwirkungen f Charakter und Gemütsleben bietet die ernste und empfängi>e Seelenstimmung, erzeugt durch all die aufwühlenden Einücke, den rechten Boden. Herzerhebend wirkt die Wahrhmung, wie der Krieg bei den Kämpfenden und Daheimvliebenen sittliche Kräfte entbunden hat; wie Gottvertrauen, lichtgefühl, der Glaube an Gerechtigkeit, Ewigkeitshoffnung ie aus verborgenen Tiefen neu erstanden sind, wie Gebete, edürfnis nach Erbauung innerhalb unserer Gemeinschaft, ie altehrwürdige religiöse Gebräuche, z. B. S e d e r, i d d u s ch usw., ihre Auferstehung erlebten. Wenn diese Üenbarungen auf das Konto des Religionsunterrichts gesetzt erden dürfen — wahrlich dann kann der Religionslehrer it dem Erfolge seiner Arbeit zufrieden sein! Es muß nun e Aufgabe des Religionsunterrichts sein, die vorhandene lische Spannung in Positive Religiosität umzusetzen, und >ar so intensiv, daß sie in einem langen, der Menschheit üfentlich sehr bald beschiedenen Frieden nicht wieder verlorensten oder verflachen könne. Nicht gilt es, neue religiöse -ischauungen zu schaffen, sondern die uns von unseren rvpheten, Psalmisten und Gesetzeslehrern überlieferten mit ein lebendigen Geiste der Gegenwart zu verklären, sie zu verefen und zu befestigen und das aus dev Vergleichung mit ■ n in dem blutigen Völkerringen geborenen Anschauungen ge- »itnene Resultat zur Weckung, Belebung und Förderung idisch-religiösen Empfindens, Denkens und Lebens nutzbar!> machen. Die Auffassung des Judentums von Krieg und Kriegs- Ehrung wird auf breitester Grundlage und an der Hand der 'ibel, des Gebetbuches und des übrigen jüdischen Schrifttums "> Kindern klarzumachen sein. Daraus werden sie die Ueberzeugung gewinnen, daß das Judentum eine Religion des Friedens und der Friede des messianischen Zeitalters eigentlichstes und letztes Ziel des Judentums ist. Mit starker Betonung muß den Kindern zum Bewußtsein gebracht werden, daß unsere Propheten die höchste menschliche Vollkommenheit in der Idee der allgemeinen Verbrüderung der Menschheit, in dem allgemeinen Weltfrieden erblicken, daß der Krieg aber auch als heilige Pflicht anzusehen ist, wenn er ruchlos heraufbeschworen und zum Schutze der heiligsten Güter herausfordert. Der Hinweis auf Abraham, Mose, David, die Makkabäer und andere mehr wird diese Ansicht bekräftigen und zugleich zeigen, daß Entschiedenheit und Aufbietung aller Kräfte, wobei Härten unvermeidlich, unnötige Grausamkeiten aber zu vermeiden sind, unerläßlich ist. Die Vorschriften der Bibel über Kriegführung, zum Beispiel die humane Behandlung der Gefangenen, Verwundeten und Besiegten, wird — besonders durch den Vergleich mit den im gegenwärtigen Kriege oft erlebten Grausamkeiten und Brutalitäten unserer Feinde — des Eindrucks nicht verfehlen. Die Heldengestalten und Heldenzeiten, an denen die Geschichte des Judentums wahrlich reich genug ist, werden jetzt einem tieferen Erfassen, einem innigeren Verständnis bei unseren Kindern begegnen, und der von unseren Vorfahren an den Tag gelegte Glaubensmut und die allzeit bewährte Opferfreudigkeit werden Knaben und Mädchen um so nachahmenswerter erscheinen. Die Kinder werden jetzt leichter begreifen, warum die Juden zu allen Zeiten allen Versuchen und Versuchungen, die Treue zum angestammten Glauben zu brechen, widerstanden und warum sie alle Martern, Zurücksetzungen und Kränkungen auf sich genommen und mit ihrem Herzblut Vaterland und Glauben, Heimat und Religion verteidigt haben. An persönlichen Beispielen unserer Geschichte und mit Hilfe; der zahllosen -entsprechenden Belegstellen aus Bibel und nachbiblischem Schrifttum wird den Lernenden gezeigt, wie das Judentum bemüht ist, der Verrohung und Verwilderung vorzubeugen. Damit ist der Weg gewiesen zu der nächsten Aufgabe des Religionsunterrichts, nämlich: unsere Jugend vor Verwirrung, Trübung und Vernichtung der sittlichen Begriffe zu bewahren und ihnen vielmehr das sittliche Urteil und Feingefühl zu erhalten. Die besonders in der männlichen Jugend erwachten kriegerischen Instinkte mit allen ihren der Sittlichkeit znwiderlaufenden Begleiterscheinungen zu dämpfen, muß sich der Religionsunterricht ernstlich angelegen sein lassen. Wenn wir den an sich begreiflichen Jubel unserer Kinder bei Bekanntwerden der Siegesnachrichten und bei der Meldung großer Niederlagen unserer Feinde, bei der Kunde von der Vernichtung feindlicher Menschenmassen und Güter beobachten, müssen wir wähnen, alle ethischen Begriffe seien ausgehoben. Hier hat der Religionsunterricht einzusetzen und der Zerrüttung ethischen Empfindens Einhalt zu tun und so z. B. den Haß gegen die feindlichen Völker, der uns alle und

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