Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- Seite 360 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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360 Und den langen Rock muß er doch noch ausziehen, wenn wir auch immer noch nicht darauf zu sprechen kamen. Den.1914. Das war eine harte Stunde, eine, die mich fast an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Und wie ein Verzweifelter Hab' ich gerungen um mein Letztes, mein Einziges. Ich habe — gesiegt. Ja, kann man das Siegen nennen? Mir geht es noch viel schlechter im Hanse, seit Erna mich mit Josua Djaloszinski im Park gesehen hat. Ich habe sie gar nicht bemerkt. Sie sagt, sie sei mit Lotte Werner vorübergegangen. Erst heute früh hat sie es mit Mama besprochen. Papa geht scheu an mir vorüber, Erna hält den Kopf so hoch, daß sie mich kaum sieht, und Mamas Gesicht ist eitel Verachtung. Margotle ist doppelt lieb und gut. Und ich tue es doch!!! Und wenn ihr euch auf den Kopf stellt, i ch t u e e s d o ch!!! Ich gehe jeden Sonnabend von fünf bis sieben Uhr mit Josna Djaloszinski spazieren. Ja, mit dem dünnen, langrockigen Juden, dem „dürftigen" Bankmenschen da. Jawohl! Umsonst habe ich dich nicht in mich hineinschauen lassen, teuerste Mama, und dir den Abgrund meiner Verzweiflung gezeigt. Umsonst habe ich dir nicht gesagt, daß ich das Leben bei dir unerträglich finde und daß ich es nicht länger aushalte, wenn ihr mir mein Einziges, mein Letztes raubt. Ob ich den polnischen Inden etwa heiraten wollte? Mutter, Mutter, zeig' mir nicht das Paradies. Auf den -Knien wollte ich Gott danken, tagtäglich, wenn er so Gutes, so Wunderbares mit mir vorhätte. Den.1914. Mein ehemaliger Bräutigam hatte immer ein Sprichwort bei der Hand, das ich nie leiden konnte, weil es ihn immer und unter allen Umständen in dem Gleichmaß erhielt, das mir oft so temperamentlos erschien. „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird." Wir haben auch abgerüstet, alle miteinander. Dem heißen Kampftag folgte ein Alltag wie jeder andere, einer von den vielen grauen, die so schwer zu tragen sind in ihrer Gleichartigkeit und Menge. Und dann kam der Sonnabend! Ja, ja, macht nur alle so böse Gesichter, ich gehe doch. Und wenn ihr euch aus den Kopf stellt, ich gehe. Ich war innerlich bis in die Fingerspitzen mit Zündstoff geladen, so daß ich mich gar nicht so schnell in den unfriedlichen Frieden hineinfinden konnte, mit dem sie mich ziehen ließen, und auf dem ganzen Weg mir noch im Geist zornig und mit wütendem Herzklopfen die Reden hielt, die ich Mama gehalten — hätte, wenn sie mir mein Fortgehen verboten haben würde. Aber sie ließ es müde geschehen, nickte nur mit ergebener Miene, auch als ich sagte, daß ich die Versammlungen der Jwria, des Jugendbundes, in dem Josua Vorstand ist, von nun an mitmachen würde. Also hat sie mich aufgegeben? Aber nein, von da aus könnte ja auch eine Spur ins gelobte Land führen. Es ist nicht zu leugnen, so ärgerlich es Mama und ihren Gesinnungsgenossen ist, auch die meisten unserer „besseren" jungen Leute, die Akademiker und überhaupt „die Partien" sind Mitglieder der Jwria. Warum soll ich also nicht auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege — Teuerste Mama, vielleicht hast du recht. Vielleicht treffe ich wirklich in der Jwria den, der mich einmal hineinführen soll in das Land der Erlösung — aber, was du meinst, ist nicht. Ach, was geht mich das alles an! Heute ist Sonnabend! Jubel und Seligkeit, heute ist Sonnabend! Und mein Josua liebt mich, liebt mich so heiß und in brünstig wie ich ihn. Ob er es mir einmal sagen wird, mi klaren, lieben, gesegneten Worten? Du Lieber, was hält dich zurück? Der beleidigte Freund Ich gebe dir mein Ehrenwort, er kommt über die Krünkum hinweg. Ich kenne ihn besser als du, der du deine verwund bare Seele dem Härtergebauten andichtest. Oder glaubst du. es schreckt mich, daß du nichts hast und für die Welt, mein ' Welt, nichts bist? Nein, nein, jetzt irre ich. Der Gedanke an dein begrenztes Einkommen ist zu praktisch, zu bodenständig als daß du ihn haben könntest. Also warum sprichst du nicht Deine Augen können ja doch nicht schweigen. Sie singen zu sammen mit meinen, die gar nicht schweigen wollen, ein Jubel lied, jedesmal, wenn wir uns nach tagelanger Sehnsuch Wiedersehen und unsere Blicke ineinander leuchten und lachen sekunden-, minutenlang, bis der erste glücksgepreßte Ton sick aus der Kehle ringt und der Bann gebrochen ist. Dann bist dn wieder der streitbare Kämpe, der nicht mehr bei mir ist, um hast mich vergessen. Oder wenn du wieder an mich denkst, ij es wachsam, eifervoll, ob du mich auch gehorsam an deine Seite findest, und wehe mir, wenn ich nicht will, wie du willst Und ich glaube, ich will nicht, wie du willst, mein Josua. Aber was tut das zur Sache? Was hat das mit unserer großen großen Liebe zu tun? Den.1914. Ich habe eine große innige Freude gehabt. Ich ging ein Stunde nach Tisch ganz allein spazieren und dachte mir an-: wie es sein würde, wenn ich jetzt Josua begegnete. Wirklich kan mir da ein einsamer Spaziergänger entgegen, es war — Morn Heymann. Mein Herz setzte einen Augenblick aus vor Schreck es war das erstemal, daß wir uns nach der Entlobun wiedersahen. Aber als ich seinen Schreck sah, vergaß ich de meinen. Er starrte mich tieferblaßt, fassungslos an, griff nan dein Hut, ließ den Arm auf halbem Weg wieder sinken uni und fühlte in seiner Ratlosigkeit wohl nur, daß wir nicht mi konventionellem Gruß wie zwei Fremde aneinander vorbei gehen konnten. Ich segne den Zufall, der das erste Zusammen treffen in den einsamen Park verlegte. So folgte ich meinen Gefühl — ich reichte dem guten Menschen die Hand. Was itdabei gesagt habe, weiß ich nicht mehr, aber es muß wohl da Rechte gewesen sein, denn er ging mit mir, zutraulich, gut, wi es seine Art ist, und er hat mir das Glück gegönnt, zu hören daß ihm nun nach der Aussprache mit mir viel, viel leichter zu mute sei. Seine Muter hat ihm sicher schon hundertmal wen eindringlicher und wortreicher auseinandergesetzt, daß es s. viel besser für ihn sei, aber mir schien, als glaube er mir meh und lieber, als begreife er auch mich nun schon besser. Unse Gespräch war friedlich, sehr versöhnlich — ich möchte dies Stunde nicht aus meinem Leben missen, auch nicht aus Morst. Leben. - Was mm noch an Kummer in ihm ist, das heilt di Zeit. Ich mußte einmal leis lächeln, vielleicht auch in plöl lichem Hindenken an Josuas schwere Sorgen um diesen un heilbaren Herzenskummer, als Moritz, der sich so gern von mi trösten und beruhigen ließ, wehmütig klagte: „Ich war so seh zufrieden. Alles hat so schön gepaßt, die Familie und alles. Würde dich der Ausspruch nicht beruhigen, du ewig B> unruhigter? Ist die Trauer um „alles" nicht viel ungefähr licher als die um eines? „Der Abschied von alledem wird mi so schwer. Ich habe meine Schwiegermutter so liebgehabt m: meine eigene. In das liebe Haus soll ich nun gar nicht meh kommen können." „Warum denn nicht?" Sage ich mit warmem Eifer um reiche ihm herzlich die Hand. „Wie würde sich Mama freuen! Später! Wenn Gras über unsere Erlebnisse gewachsen ist. Innerlich dachte ich mit Jubel: Wenn ich vielleicht schon nickst mehr im Elternhaus bin. - (Fortsetzung folgt.)