Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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358 Was ging vor? Die Nachrichten aus und über Palästina fließen jetzt nicht nur außerordentlich spärlich, sondern sind auch vielfach (zum Teil eben aus diesem Grunde) einander stark widersprechend. Mehr als Vermutungen vermögen also selbst Kenner der Verhältnisse zurzeit nicht zu bieten. Um nichtsdestoweniger ein einigermaßen klares Bild über die augenblicklichen Zustände im Heiligen Lande zu gewinnen, erschien es mir zweckmäßig, eine möglichst auf Quellen beruhende Behandlung der Frage zu unternehmen. Ich will demgemäß an der Hand von in Palästina erschienenem und unter dem Auge der Zensur veröffentlichtem Material die Vorgänge der letzten Zeit nachzuzeichnen versuchen. Einer solchen Darstellung dürfte ein erheblicher Grad von Zuverlässigkeit nicht mehr abzusprechen sein; zum mindesten wären wir dabei vor Nebertreibnngen gesichert. Was ich im folgenden biete, enthält sachlich nicht viel Neues. In manchen Zeitungen sind die Ereignisse sogar weit ausführlicher behandelt und im Hinblick aus ihre vermutlichen Nachwirkungen erheblich schärfer glossiert worden. Das wesentlich Neue meiner Darstellung liegt vielmehr in der Motivier u n g des Geschehens, das ich im kausalen Zusammenhang der politischen Gesamtbegebenheiten würdigen zu sollen glaubte. Fast allgemein werden die letzten Vorgänge in Palästina als das Werk der Lvkalbehörden hingestellt. Wie ein den« ex imidiina taucht da mit einem Male der zu ebenso großer wie unverdienter Berühmtheit gelangte Baha-addin auf, der ungestört und zerstörend überall sein Unwesen treibt: ein subalterner Beamter mit Hcrvstratnatur, maniakartig tobend und wütend gegen die palästinensische Indenheit. Der innere Widerspruch, der darin liegt, daß eine ganz untergeordnete Person so viel Macht besitzt und so großen Einfluß ausübt, scheint niemand zum Bewußtsein gekommen zu sein. Und dann die Frage: Wo bleiben die Vorgesetzten Behörden, und wie können sie ein solches Treiben dulden? In Wahrheit handelte es sich aber gar nicht um ein Vorgehen gegen die Juden, sondern gegen die Zionisten. Man könnte wirklich nicht gut behaupten, daß in den Regierungskrcisen der Türkei für die zionistischen Bestrebungen jemals besondere Sympathien bestanden hätten. Im großen und ganzen blieb das Verhältnis, wie die Beziehung, ziemlich locker. Von stärkstem Mißtrauen wurde jedoch die Regierung erfaßt, als die englische und französische Presse plötzlich die Idee zur Schaffung eines autonomen Judenstaates in Palästina aufbrachte. War auch das Manöver nur allzu durchsichtig, so konnte man doch immerhin nicht wissen, ob am Ende nicht die „Zionisten" im Lande selbst dem Plane naheständen und sogar seiner Verwirklichung Vorschub zu leisten bereit wären. Dabei handelte es sich nicht bloß um einen Territorialverlust, sondern alles drehte sich just um jenes Gebiet, von dem aus die Türkei den entscheidenden Schlag gegen England zu führen plante. Man kann es also schon verstehen, wenn die Regierung sich gegen den „inneren Feind" vorsehen zu müssen glaubte. Daß dann mitunter, namentlich durch den Uebereiser unverantwortlicher subalterner Beamter oder in Unkenntnis der innerpolitischen Verhältnisse der Juden, auch Fehl- und Uebergriffe vorgekommen sind, soll nicht bestritten werden. Wir können dies, wie ich glaube, ohne der türkischen Regierung irgendwie zu nahe zu treten, zugeben, nachdem sie, einmal über den wahren Sachverhalt unterrichtet, in bekannter Liberalität nicht nur für die Abstellung des Mißstandes, sondern auch für eine Vermeidung seiner Wiederholung in Zukunft sofort Vorsorge getroffen hat. Um das zu erreichen, bedurfte es allerdings, wie man sehen wird, des Vetos des Chacham Baschi von Jerusalem, der Aufklärungsarbeit eines Morgenthau und der Vermittlung eines Freiherrn v. Wangenheim. Aber das genügte dann auch den maßgebenden Kreisen in Konstantinopel, um ihr Verhalten den Zionisten gegenüber von Grund auf zu ändern. Und sie haben recht getan, wie auch wir, denen besondere Voreingenommenheit für den Zionismus wohl von niemand nachgesagl werden wird, mit gutem Gewissen bezeugen können. Denn wir zweifeln nicht einen Augenblick daran, daß die Zionisten in der Türkei ebenso gute türkische Patrioten sind, wie die Zionisten in Deutschland gute deutsche Patrioten sind. In so ernster Sache ist das Gehaben der Zionisten ungefährlich; selbst jene, die den Mund gern etwas voll zu nehmen pflegen, sind letzten Endes nur „Hans Schnock der Schreiner, kein böser Löw' fürwahr" . . . Aus den gemachten Ausführungen geht bereits deutlich hervor, daß wir es hier vornehmlich mit einer politischen Betrachtung der Dinge zu tun haben. Von einer wirtschaftlichen Würdigung der Verhältnisse soll im folgenden nach Möglichkeil abgesehen werden. Daß die ökonomischen Bedingungen im Heiligen Lande zurzeit nichts weniger als erfreuliche sind, kann jeder an seinen fünf Fingern abzählen. Wie sollte es auch anders sein in einem Gebiete, das sich nahezu im Brennpunkt kriegerischer Ereignisse befindet? Das sind Begleiterscheinungen des Krieges, die unvermeidlich sind, Uebel, mit denen in solchen Zeitläuften schlechterdings gerechnet werden muß. Weit schwererwiegend jedoch ist die Tatsache, daß auch in politischer Beziehung sich in Palästina Dinge zngetragen haben, von denen man gewünscht hätte, daß sie im Interesse einer ge deihlichen Weiterentwickelung des jüdischen Lebens dort lieber unterblieben wären. Vor mir liegt eine Kundgebung des Ehacham Baschi von Jerusalem, der sicherlich nie in dieser Weise aus seiner Reserve herausgetreten wäre, wenn er nichi der Ueberzeugung lebte, daß Gefahr im Anzuge sei, die beschworen werden müsse. Freilich werden wir dadurch auch Zeugen eines Aktes, der in seiner einfachen Größe wahrhaf! imponierend wirkt. In einem offenen Schreiben an den Gouverneur von Jerusalem sührt der Chacham Baschi Beschwerde über die den Juden zuteil gewordene Behandlung. Nicht weh- und demütig tut er das. Schlicht in der Form, sachlich im Inhalt zeichnen sich seine Ausführungen ebenso durch logische Schärfe der Begründung wie durch eine mannhafte Festigkeit in den Forderungen aus. Am liebsten hätte ich das Schreiben, so wie es ist, gleich wiedergegeben. Allein es nimmt aus jo vieles, was vorangegangen, Bezug, daß ein etwas weiteres Ausholen mir doch unerläßlich zu sein scheint. * Indem ich an die Lösung der mir gestellten Aufgabe gehe, sehe ich mich genötigt, auf die Frage des Verbots des Zionismus in Palästina noch einmal zurückzugreifen. Ungern nur und mit einem gewissen inneren Widerstreben tue ich das Denn nicht bloß im Zeichen des „Burgfriedens", aucl! sonst suche ich nach Möglichkeit Auslassungen über den Zionismus zu vermeiden, dessen Auswüchse ich wohl verurteile, ohne dabei doch seine Bedeutung für unser Volksleben zu verkenne» Hier aber haben wir es mit dem untrennbaren Gliede einer Kausalkette zu tun, das schon deswegen nicht übergangen werden kann, weil es ja überhaupt den Anlaß zu diesen Ausführungen gegeben hat. Es ist nun eine nicht zu leugnende Tatsache, daß behördlicherseits in Palästina gegen den Zionismus eine Verfügung erlassen worden ist, die in ihren Folgen für die gesamte dortigr Judenheit von Verhängnis zu werden drohte. Das sollte man. auf Abhilfe sinnend, ehrlicherweise eingestehen, statt sich hinter die kindliche Ausrede zu verschanzen, als ob es sich bei der ganzen Sache lediglich um den mißlungenen Streich irgendeines subalternen Beamten handelte. Zugegeben, daß der Coup von BahL-addin, dem früheren Kaimakam von Jaffa und zur