Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- Seite 356 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229208--71488-3283831- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
356 seine Funken; ungezügelt wagte er sich an das Entfernteste und Höchste, jede beschränkende Grenze verachtend. Ein solcher Geist mußte überall, wohin er sich mit seiner ganzen vollen Krast wandte, epochemachend wirken. Was Remak in der Anatomie und Physiologie geleistet, reiht ihn für die Ewigkeit den bedeutendsten Namen aller Zeiten an; der Fortschritt, den unsere medizinische Wissenschaft der mikroskopischen Anatomie verdankt, ist mit sein Verdienst, er war einer der rüstigsten und schöpferischsten Mitarbeiter an dem kolossalen Werke, dessen Früchte uns jetzt erfreuen. Zu diesen Leistungen, die allein für das größte Menschenleben genügt hätten, kommen nun noch die ungeheuren Arbeiten seiner letzten Jahre auf dem Gebiete der praktischen Medizin. Remak selbst hat während seines Lebens diese letzten Arbeiten weit höher geachtet als die früheren, die seinen Ruhm begründeten. Er selbst hat noch die Genugtuung erlebt, das vor aller Welt als wahr beweisen zu können, was kleine, beschränkte Geister früher zu bespötteln gewagt hätten; er fing schon an, selbst den Ungläubigsten, den Funken seines Lichtes sichtbar zu machen und diejenigen, die seinem kühnen Riesenfluge zu folgen unternahmen, durch die Macht seines Feuers zu binden. Wir können bisher kaum übersehen, bis zu welcher Höhe sich Remaks Genie emporzuschwingen und welche Gebiete alle es durch seine Fülle zu befruchten wagte. Leider gibt es gegenwärtig keinen, der seine Arbeiten auch nur annähernd fortzusetzen imstande wäre, und es werden wohl Jahrzehnte darüber hingehen, ehe wir einen einigermaßen sicheren Boden gewonnen haben werden, von dem aus sich die ganze Bedeutung von Remaks Entdeckungen wird übersehen lassen. Vielleicht wird noch nach 106 Jahren manche Tatsache von einem anderen als eine neu entdeckte ausgegeben werden, die jetzt bereits von Remak gefunden oder geahnt und von der Mitwelt verkannt wurde." Wir haben allen Grund, den Gedenktag eines so ausgezeichneten Mannes, als eines der unseren, mit Stolz und Freude zu begehen. L. G. Wie lsh der Crmpelplstz?ur Leit des hrrodes aus?') Bon Regierungs- und Baurat a. D. Hasak, Berlin-Grunewald. rotz der Zahlreichen Wiederherstellungsversuche des Tempels durch Deutsche, Franzosen, Engländer und Amerikaner ist eigentlich das einzig Gemeinsame derselben, die Behauptung, Josephus Flavias hat sich geirrt oder aus dem Gedächtnis unrichtige Zahlen und unklare Beschreibungen hinterlassen, übertrieben. Ebenso Hütten die Rabbinen erst nach späten Nachrichten aus zweiter Hand in Middoth den Tempelplatz zu beschreiben versucht. Das sei ihnen daher mißraten. Das letztere mag sein; jedenfalls haben die Niederschriften über den Tempel in Middoth Menschen verfaßt, denen jede bauliche Auffassung versagt war. Josephus erweist sich dagegen als ein allgemeingebildeter, weitgereister Mann, der das, was er beschreibt, völlig erfaßt hatte und über ausgezeichnete Unterlagen verfügte. Er war überdies ein vollendeter Techniker. Seiner Führung kann man sich getrost anvertrauen, man gelangt all seiner Hand zum Ziel — nämlich zur Wiederherstellung des Herodianischeu Tempels — und findet daun auch, daß die Middoth ebenfalls ganz Nichtiges erzählen; nur ist es höchlichst ungeschickt voraetragen. Als dritter Anhalt für die Wiederherstellung des Tempels bietet sich natürlich der heutige Tempelplatz dar mit seinem Felsen in der Felsenmoschee. Dieser Fels ist zugleich der höchste Punkt, der Gipfel des Berges. Auf ihm wird David den Altar errichtet haben. Das ist doch wohl das menschlich Naheliegendste. i) Mit freundlicher Genehmigung des Herrn Verfassers geben wir einen Auszug aus seinem Aufsatz in der Zeitschrift „Das heilige Land" 1914, S. 142 sf. Stellt man den Altar auf den Kels der Felsenmoschee und trägt nun die in Middoth gegebenen Abmessungen auf, dann ergibt sich eine Wiederherstellung, die sich mit den Angaben des Josephus völlig deckt. Der Altar nahm 32 Ellen ein; westlich von ihm lag bei 22 Ellen die Vorderansicht des Tempels oberhalb einer Freitreppe von zwölf Stufen. Der Tempel selbst war 100 Ellen lang, und hinter ihm verblieb ein Raum von 11 Ellen bis zu einer Mauer, die Azava hieß. Oestlich vom Altarraum war ein Platz von 11 Ellen Tiefe und 135 Ellen Breite für die Priester, dann ein gleich großer für dir männlichen Israeliten hergestellt. Darauf folgte wiederum eine Quermauer Azara. . Durch ihr Tor gelangte man in den Frauenhof, der 14 Stufen tiefer lag und 135 Ellen im Quadrat maß. Durch ein Osttor gelangte man aus ihm in einen schmalen Gang, Ehel, wohl 11 Eller breit, der -das bisher Beschriebene umzog; 5 Stufen ging es noch mals hinab, und man durchschritt ein weiteres Tor, welches 'in den äußersten Tempelhof führte. Nun muß Josephus2 3) befragt werden. Wenn man seine Beschreibung-*) vorsichtig liest, so findet mm folgendes: 1. Salomo hat zuerst den Gipfel ummauert, dadurch den geringe: Raum um den Altar schaffend, welchen nur die Priester betreten durften. 2. Diesen Gipfel hat er mit noch einer zweiten Mauer umgeben die auf ihrer Ostseite eine doppelte Halle trug, welche gegenüber be Tempeltür lag. Die zweite Ummauerung stellte im Westen i>iv Altares den Platz für das eigentliche Tempelhaus her und im Oste: den für die doppelte Halle. 3. Den ganzen Ternpelberg hatte er mit einer Mauer umgürtet deren Umfang ein Quadrat war, dessen vier Seiten je ein Stadial maßen. Das war zu Herodes" Zeiten der sogenannte innere Tempel 4. Diesen bisher beschriebenen Tempel Salomos umgab spätem Herodes mit einem äußeren Platz und sehr langen Säulengängen, vo: denen zwei durch starke Mauern gestützt wurden, die von besonder denkwürdiger Bauart waren. Dieser äußere Dempelplatz entsprich dem heutigen Haram bis auf die Südostecke. Daß diese Lesart die richtige ist, zeigt die zweite Beschreibung de Tempelplatzes durch Josephus in seinem „Jüdischen Krieg"4). „Das Heiligtum war auf einem sehr harten Hügel gegründet dessen Ebene aus der obersten Spitze anfangs kaum für den Tempe und Altar hiureichte, so steil und abschüssig war er aus allen Seitei Als aber der König Salomo, der den Tempel erbaut hatte, auck seine Ostseite mit einer Mauer gegürtet hatte, wurde eine Säulen Halle auf diese Aufhöhung gesetzt. Auf den anderen Seiten blieb fii aber nackt, bis in späteren Jahrhunderten durch das beständig aus türmende Volk der Aufbau immer etwas größer gemacht worden ist Nachdem auch an der Nordseite die Mauer durchbrochen worden war nahmen sie so viel Raum hinzu, als nachher der Umfang des ganze Heiligtums einschloß. Nachdem aber so der Hügel mit einer drei fachen Mauer umgeben war, ist hoffnungsvoll ein noch größere Bau unternommen worden, an dem sich lange Jahrhunderte verzehrt haben." Das kann nur die äußerste Umfassungsmauer sein. Es ist als ganz klar: Die Umfassungsmauern des jetzigen Haramplatzes stau' men zur Hauptsache nicht von Salomo her. Sie rühren von der vierten Umgürtung her, die Josephus de: späteren Jahrhunderten zuschreibt. Daher steht sie auch unrege' müßig gegen das Quadrat des inneren Tempels. Ihre Anfaugsmauer hatten zuerst anderen Zwecken gedient. Wir gewinnen dadurch auch die richtige Ansicht über vieles, wa man bisher- 'irrigerweise Salomo zugeschrieben hatte. Vorab die Größe der Steine. Allerdings schreibt Josephus de Futtermauern Salomos überaus große Steine zu, und der westlick Teil der Haramsmauer, soweit er den Unterbau für den innere Tempel bildete, wird noch heute der einzig sichtbare Teil der Sale monischen Unterbauten sein, alle anderen Teile des sichtbaren Untee baues der Umfassungsmauern entstammen erst späterer Zeit. 2) Josephus Flavins, De antiquitatibus iudaicis libri 20, FrarN furt 1617, S. 422 ff., Buch 15, Kap. 15. 3) Ant. XV. 15. 4) Bell. Jud. V. 5.