Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229208--71487-3283830- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
355 fußbreiten und aus ihnen die Hauptsysteme des Körpers und alle die verschiedenen Gewebe durch „Differenzierung" sich bilden, und indem er schließlich den Anteil näher feststellte, ivelchen die verschiedenen Keimblätter an der Bildung der verschiedenen Gewebe und Organsysteme besitzen, vereinfachte und klärte er dieses Gebiet ganz außerordentlich und führte eine Theorie durch, die später von anderen Autoren bestätigt und im wesentlichen auch heute noch, wenigstens für den Wirbeltierstamm, gültig ist. Endlich hat sich Remak auch noch um üe praktische Medizin dadurch verdient gemacht, daß er die Anwendung des konstanten Stromes in die Behandlung der Nervenkrankheiten einführte, speziell die zentrale Applikation ms Gehirn und Rückenmark, die trotz mannigfacher, anfangs dagegen erhobener Einwände und Widersprüche später doch volles Bürgerrecht erlangte und fortab lls wirkliche Bereicherung der Heilkunde angesehen wird. Er war ein schlanker Mann litt hervorstechenden Gefichtsügen, lebhaften Augen und uinklem Haar, besaß in seinen ungen Jahren eine überaus rische, lebendige Natur, war von reundlichstem Entgegenkommen ind immer bereit zu Gesälligeiten und kleinen Aufmerksameiten, namentlich gegen die fremden Aerzte, die sich nach vollndeten Studien zur weiteren Fortbildung in den Berliner Klinken einfanden. Später brachten -3 persönliche Ungunst der Berlältnisse. namentlich der Umland, daß er durch zu langes verharren in der bescheidenen Stellung als Privatdozent seine latkraft nach vielen Richtungen gelähmt sah, mit sich, daß sich Hemaks ein gewisser Unmut, eine Gereiztheit bemächtigte, die in oissenschaftlichen Fehden wie in iesellschaftlichem Verkehr oft sogar erletzten. Zu seinen besondersten ngenschaften gehörte eine lebsaste Phantasie, eine Neigung, an inmal erfaßte Dinge mit großem üithusiasmus heranzutreten und ie weiter zu verfolgen. Nicht toßer Ehrgeiz, sondern der löunsch, die Wissenschaft zu ordern >nnd anderen nützlich zu werden, leitete ihn bei seinen lrbeiten. Gern hätte er für seine Spezialität der Elektroherapie eine besondere klinische Abteilung in der Charit« erichtet gesehen, doch ist dieser Plan nicht verwirklicht worden." Aus den mannigfachen Nekrologen, die gleich nach Remaks lode erschienen und die uns durch die Liebenswürdigkeit der iachkommen zur Verfügung gestellt worden sind (einer auch u der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", 29. Jahrgang, ir. 40), sei hervorgehoben, daß sich Remak, nachdem er sich ohrelang von der medizinischen Praxis ferngehalten hatte, ^56 der praktischen Anwendung der Elektrizität auf beimmte Krankheitsformen zuwandte. In einem der Nekrologe, in der „Deutschen Klinik" vom 4. November 1865, heißt es darüber: „Fehlte es ihm von vornherein an Zuspruch nicht, so hat 'ieser gewährt bis zu seiner letzten Reife nach Kissingen. Von nah und fern, aus allen Klassen der Gesellschaft wandte sich an Remak eine große Schar Hilfesuchender, und mit unermüdlichem Eifer trug er sich in seiner Weise die Resultate seiner praktischen Beobachtungen zusammen. Seine ganze Zeit wurde durch diese Tätigkeit in Anspruch genommen, wenig blieb ihm für anderweitige Forschungen." Da es mir nicht möglich ist, ein Urteil über die Bedeutung Remaks als Mediziner abzugeben, so sei es gestattet, aus zwei Artikeln von Fachblättern gewichtige Stimmen mitzuteilen. Die eine Aeußerung rührt von dem Vorsitzenden der Berliner medizinischen Gesellschaft v. Gräfe her („Berliner Klinische Wochenschrift", 27. November 1867) und lautet so: „Man hat vielfach beklagt, daß Remak, welcher früher in den anatomisch - physiologischen Wissenschaften so große Werke verrichtet, sich neuerdings der praktischen Medizin zugewendet habe. Es hat immerhin etwas Besorgniserregendes, wenn ein Mann, von dessen täglichen Arbeiten die Wissenschaft sichere Früchte gezogen, sich auf einen anderen, ihm vor der Hand noch nicht heimischen Boden begibt. Besonders schien' diese Besorgnis aber bei einem Forscher begründet, welcher, durch die Macht seiner Vorstellungen angetrieben und durch den Feuereifer, selbst gesteckte Ziele zu erreichen, beseelt, sich der Gefahren eines neuen, noch nicht bewältigten Terrains nicht immer vollkommen bewußt blieb. Indessen auch in diesen Schwierigkeiten, bei deren Ueberwindung Remaks überaus lebhaftes Naturell nicht gerade erleichternd für ihn war, hatten wir so oft Gelegenheit, seine feine Beobachtungsgabe, die Zeugungskraft für neue Einblicke und neue Methoden zu bewundern, und es muß uns die Trauer nur desto schwerer bedrücken, daß es Remak nicht durch die Fortführung seiner Studien vergönnt worden, als voller Sieger über die neu ergriffene Sache, mit welcher er sein ganzes Ich identifizierte, hervorzugehen. Inzwischen bleibt nur eins wahr und ist wohl heutzutage über jeden Widerspruch erhaben, nämlich, daß Remak durch die Einführung des konstanten Stroms in die medizinische Praxis dieselbe mit einem überaus reichen Schatze bereichert, dessen Hilfe sich in zahlreichen, sonst schwer heilbaren Zuständen entfaltet." Die andere steht in der „Allgemeinen Medizinischen Zentralzeitung" vom 2. September 1865, unterschrieben W., wahrscheinlich von dem Herausgeber des Blattes L. Waldenburg. Dort wird das Wesen und das Verdienst des Verstorbenen in folgenden warmen Worten gewürdigt: „Remak war ein Genie in der eigentlichsten Bedeutung des Wortes; nur sehr wenige von denen selbst, die im Ruhme glänzen und diesen sich durch große Leistungen verdient machten, können sich in dieser Beziehung ihm an die Seite stellen. Aus jedem Gedanken, jedem Worte sprühte der Genius Professor Robert Remak geboren am 26. Juli zezz, gestorben am 29. August >865