Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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854 der städtischen Selbstverwaltungskörperschaften voll und ganz berücksichtigt wird. So sind in Lodz unter den Zehn. Schöffen drei Juden vertrete!!, nämlich die Herren Bankier Stanislaus Jarocinski, Fabrikbesitzer BielsZvwski und Kaufmann Sergius Hoffmann. Unter den 80 Stadtverordneten befinden sich 12 Juden. In Pabianice wurden zu Schöffen drei Deutsche, Zwei Polen und ein Jude ernannt. Die 28 Stadtverordneten sind, wie wir hören, durch Zwölf Deutsche, sieben Polen und vier Inden vertreten. In Wietun befinden sich unter den Schöffen vier Deutsche, vier Juden und vier Polen. Ködert Kemak'^ vbert Remak, Arzt und Embryolog, ist zu Posen am 20. Juli 1815 geboren. Er studierte in Berlin die Heilkunde, mit besonderem Eifer Physiologie unter Johannes Müller, dessen enthusiastischer Anhänger er wurde und unter dessen Leitung er mit Vorliebe mikroskopischen Untersuchungen sich widmete. Nebenher beschäftigte er sich als Student auch vielfach in Iungkentz Augenklinik, bei Frorieps Sektionen, denen er mit Aufmerksamkeit folgte, und in der Barezschen Kinderklinik. Schon 1886 publizierte er als das Resultat seiner Physiologischen und mikroskopischen Studien in Johann. Müllers Archiv eine kleine Arbeit: „Vorläufige Mitteilung mikroskopischer Beobachtungen über den inneren Bau der Cerebrvspinalnerven -und über die Entwicklung ihrer Formelemente", als deren Erweiterung im Jahre 1888, zugleich als seine Promotionsschrift, die „Observationes anatornicac et inicrosfopioae de systewatis nervosi structura“ (Acced. II, tabb. aeri ineisae. 4 maj. Berolini 1888, Reimer), folgte. Später schloß sich daran noch eine ganze Reihe weiterer Mitteilungen ans dem Gebiet der Physiologie bis zu dem Erscheinen der interessanten Arbeit: „Ueber ein selbständiges Darinnervensystem." (Mit zwei Kupfertafeln. Folio. Berlin >847, Reimer.) Als Schönlein nach Berlin kam, trat Remak zu ihm und seiner Klinik in ein näheres Verhältnis, fungierte von 1848 bis 1847 als Assistenzarzt und beschäftigte sich während dieser Zeit mit pathologischen und namentlich embryologischen Forschungen. Tie erste Frucht dieser Arbeiten war eine Monographie, betitelt: „Diagnostische und pathogenetische Untersuchungen in der Klinik des Geh. Rats Dr. Schönlein, auf dessen Veranlassung angestellt und mit Benutzung anderiveiter Beobachtungen veröffentlicht" (Mit 1 Kupferstich. Gr.-8". Berlin 1845, Hirschwald). 1847 habilitierte sich Remak nach durch besondere Kabinettsorder Friedrich Wilhelms IV. empfangener Erlaubnis, deren Remak infolge seiner mosaischen Konfession bedurfte, als erster jüdischer Privatdozent an der Berliner medizinischen Fakultät." Diese Bemühungen Remaks, eine Privatdozentur an der Berliner Universität zu erlangen, werde ich an dieser oder an anderer Stelle nach ungedruckten und völlig unbekannten Materialien darstellen. Der große Alexander v. Humboldt nämlich interessierte sich lebhaft für den jungen Gelehrten. Er war schon 1889 mit ihm in Verbindung. Zuerst unterstützte der große Naturforscher den jungen Kollegen 1839 bei dessen Bemühungen, eine Professur in Wilna zu erlangen; da dieser Schritt fehlschlug, begann Remak schon im Jahre 1840 seine Habilitation in Berlin zu betreiben. Er wurde dabei in jeder Weise von Humboldt unterstützt. Da die gesetzlichen Bestimmungen die Juden von der Bekleidung akademischer Aemter ausschlossen, so tat Humboldt die entscheidenden ^Schritte bei dem ') Ter nachfolgende Artikel ist im wesentlichen 'dem Abschnitt über Remak in der „Allgemeinen Deutschen Biographie" Bd. 28, S. 91, cnt- »vinmen. Ich habe an dein Artikel mir iveniges geändert und meine eigenen Bemerkungen eingcschoben. Das von Pagel Herrührende ist mit Ansührungszeichen versehen. Der ganze Schluß ist von mir hinzugefügt. L. G. Minister Eichhorn und beim König und setzte schließlich, noch bevor durch das Judengesetz vom Jahre 1847 die generelle Erlaubnis zur Habilitation der Juden wenigstens in dyn naturwissenschaftlichen Fächern erteilt wurde, die Gewährung der Bitte für seinen Schützling durch. Für diese Mühewaltung bezeugte Remak seinem Gönner zeitlebens die größte Dankbarkeit „nd widmete ihin, nachdem er schon früher ihm einmal ein Werk zugeeignet hatte/seine Hauptarbeit im Jahre 1855. Von seiner Tätigkeit als Privatdozent und Professor vermag ich, da das große Werk von Max Lenz über die Geschichte der Universität Berlin noch nicht bis zu diesem Zeitraum gelangt ist, nichts Näheres zu sagen. Aus den Mitteilungen der Hinterbliebenen des großen Physiologen, denen ich auch die Ueberlassung des hier folgenden Bildes und die Einsicht in die kostbaren Briefe Alexander v. Humboldts verdanke, ist mir auch eine Mitteilung zugekvmmen über ein Protokoll, das Remak 1848 als jüngster Privatdvzent führte und Unterzeichnete, ein Protokoll über eine Sitzung, in der die außerordentlichen Professoren und die Privatdozenten beim Minister eine Besserung ihrer Stellung und eine Vermehrung ihrer Rechte verlangten. Ueber die Briefe Humboldts mag heute nur kurz gesagt werden, daß sie ein geradezu kostbarer Schatz sind, daß sie die außerordentliche Wertschätzung bekunden, die der greise Gelehrte dem jugendlichen Forscher entgegenbrachte, 'ittib daß sie seine edle Humanität, sein Streben nach Fortschritt und nach Niederwerfung ungesetzlicher Schranken in schönster Art beweisen. Erst nach einer zwölfjährigen Dozententätigkeit erlangte Remak an der Berliner Universität ein Extraordinariat, er hat aber trotz seiner unleugbaren allgemein anerkannten Verdienste die Stellung eines Ordinarius nicht erhalten. „Don 1856 ab wandte er sich mehr und mehr von seinen theoretischen physiologischen Forschungen ab und praktischen Studien zu. Speziell zog die größere Nutzbarmachung der Elektrizität für therapeutische Zwecke sein Interesse auf sich, anfangs nur in Würdigung ihres wissenschaftlichen Wertes in bezug auf die Physiologie des Nervensystems, in der seine Untersuchungen vielfach wurzelten, dann aber auch hinsichtlich der praktischen Anwendung in bestimmten Krankheitsformen. Er begann mit Eifer als Elektrotherapeut zu praktizieren, erlangte sehr bald einen bedeutenden Klientenkreis, mußte aber seine anstrengende Beschäftigung mehrfach infolge von Kränklichkeit in seinen letzten Lebensjahren unterbrechen. Verschiedene herbe, äußere Schicksalsschläge, lange, gefährliche Erkrankung eines seiner Söhne, der Tod seiner Gattin, auch Schönleins plötzlicher Hingang wirkten so heftig auf seine ohnehin schon reizbare Natur ein, daß er, erst 50 Jahre alt, am 29. August 1865 in Kissingen, wohin er sich p. seiner Erholung begeben hatte, starb. Remak war ein selten begabter, fleißiger, strebsamer, von Ehrgeiz nicht freier Arzt. Seine Bedeutung für die Medizin ist eine dreifache. Einmal und in erster Linie sind seine schon zum Teil oben angeführten unsterblichen Arbeiten auf dem Gebiet der mikroskopischen Anatomie des Nervensystems zu nennen, denen auch die Entdeckung des sogenannten „Achsenzylinders" und der seinen Namen führenden Nervenfasern zu danken ist. Dann ist Remak durch seine ausgezeichneten „Untersuchungen über die Entwicklung der Wirbeltiere" (Berlin 1850 bis 1855) und verschiedene andere hierher gehörige Arbeiten der Schöpfer einer angemessenen Reform der Embryologie geworden, insofern als er die großen Schwierigkeiten, welche die Schleiden-Schwannsche Zellentheorie dieser Disziplin in den Weg gelegt hatte, beseitigte. Indem er fand, daß das Ei der Tiere stets eine einfache Zelle sei, daß die drei Keimblätter, welche sich aus dem Ei entwickeln und nur aus Zellen zusammengesetzt sind, sich flächenartig