Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- Seite 353 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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353 genommen, um unserem Militär, das am rechten Pruthufer stand, verabredete Zeichen zu geben. Die Juden wurden aus den Betten gezerrt, mit Gewehrkolben und Nagaiken geschlagen und einige standrechtlich erschossen. Diese Vorgänge wiederholten sich durch fünf Nächte hindurch. Ganze Stadtteile sind dadurch in Flammen ausgegangen. Am 18. Mai wurde der Auftrag gegeben, sämtliche jüdischen Einwohner aus der Stadt wegzusühren. Die Kosaken besetzten alle Straßen, zerrten die Juden ohne Ausnahme und ohne Rücksicht auf Krankheit und Gebrechen aus den Häusern und trieben sie unter fortwährenden Schlägen nach Zaleszczyki. Dieser 35 Kilometer weite Weg mußte zu Fuß zurückgelegt werden. Die Kranken, Krüppel und lleinen Kinder wurden stärkeren Männern auf den Nucken gebunden, einige konnten auch in Handwagen geführt werden. Es war ein furchtbarer Leidensweg, und das Jammern der Unglücklichen, das Schreien der Mißhandelten war weithin zu hören. Vier Tage lang dauerte dieser Marsch der Qualen. Von Zaleszczyki wurden die Armen nach Czortkow und dann weiter nach Rußland getrieben. Rach dem Abtransport der Juden wurden die Brandstiftungen und Zerstörungen fortgesetzt, nur brauchten die Russen jetzt keinen Grund mehr für ihren Vandalismus anzugeben. Die Leichen der Ermordeten Durften nicht begraben werden und lagen bis zum Abzüge der Russen nt den Straßen und Häusern umher. Die Plünderungen fanden unter Teilnahme der Offiziere statt, und bei der Beraubung eines Eisengeschäftes stand sogar der kommandierende General daneben und sah \n. Ein Kosakenoffizier wollte sich an der Frau des Kaufmannes Teingold vergreifen. Als dieser seine Hausehre verteidigen wollte, wurde er niedergeschossen, das Haus in Brand gesteckt, die unglückliche Witwe mit ihren fünf Kindern wurde mit den anderen Glaubensgenossen nach Rußland getrieben. Während des Transportes durfte gen ärger als Vieh behandelten Leuten bei strenger Strafe keine Rahrung verabreicht werden, so daß neun Personen, darunter eine Trau, die am Wege entbunden worden war, gestorben und zwei wahnsinnig geworden sind. Der Transport wurde in drei Teile geteilt, zuerst die Männer, dann die Frauen mit den kleinen Kindern lud in einer besonderen Gruppe die Mädchen, damit diese immer für Die Gelüste der Kosaken zur Verfügung seien. Sie wurden auch alle 'ergewaltigt. Die in Sniatyn nicht von den Kosaken weggeführten Gegenstände schenkten die Russen den Bauern der Umgebung, die sich Diefc Geschenke mit Wagen abholen mußten. Erklärung von Vertretern der galizi scheu Juden. Die-Wochenschrift „Polen" lWien) veröffentlicht eine Erklärung, die m\ Vertretern aller Parteien der Inden in Galizien gefertigt ist. Wir utnehmen der Erklärung folgendes: Es gibt keine Lösung der Judenrage in Russisch-Polen unter russischer Herrschaft. Die russische Rciierring machte aus Polen ein Anstedlungsgebiet für die Juden des ranzen gewaltigen Russenreiches. Durch drakonische Gesetze wurden die usischen Juden in polnische Städte gedrängt und dort erbarmungslos, ücksichtslos festgehalten, woraus eine sprunghafte Verschiebung der gegenseitigen wirtschaftlichen Beziehungen entstand, die auf das nationale wemeinleben Übergriff, da den russischen Juden jeder historische Zuammenhang mit der polnischen Bevölkerung fehlte und sie der nationalen Kultur ganz fremd waren. Alles Fremdartige der russischen nmvanderer wurde benutzt, um den Haß gegen sie aufzustacheln und em Volke die Opfer statt der Urheber preiszugeben. Wie gewöhnlich machte emporlodernde Leidenschaft nicht halt an der Grenze zwischen mssischen und polnischen Juden. Es entstand eine dem polnischen Geistesleben bisher wesensfremde antisemitische Bewegung in Russisch- .'olen — eine Bewegung, deren Ursprung und deren Grund erst in den urch die Unterjochung entstandenen abnormalen politischen Berhältiissen dieses Landes zu finden sind. Mit Bestimmtheit kann behauptet werden, daß mit der Herrschaft Rußlands auch dieser Antisemitismus purlos verschwinden muß. Wir Juden Oesterreichisch-Polens sehen in er Befreiung Polens von der russischen Herrschaft den einzigen Weg zu iner gerechten und gedeihlichen Lösung der Judenfrage in Polen. Die Gewährleistung einer normalen, sozialen und politischen Entwicklung rächten wir für den einzigen Weg zur restlosen Lösung der Judenrage in Polen, zu einer Lösung im Sinne der Einräumung und Sicherung der vollen bürgerlichen, nicht nur gesetzlichen, sondern auch arktischen Gleichberechtigung, einer gleichmäßig der jüdischen.- wie der christlichen Bevölkerung gewidmeten wirtschaftlichen und kulturellen Türsorge, einer Förderung der Bestrebungen, welche dahin gehen, die mnseitige wirtschaftliche Betätigung der Juden durch Eröffnung neuer Arbeitsgebiete im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung der Gesamtwirtschast zu beseitigen, einer Lösung im Sinne wohlwollenden Erziehens und gesellschaftlichen Heranziehens der- Juden zu gleichwertigen Mitarbeitern auf allen Gebieten der nationalen Kultur und des allgemeinen Wohles. Die Judensrage in Polen ist ein Teil der polnischen Frage. Die Erklärung trägt folgende Unterschriften: Dr. Tobias Aschkenase, Präsident der Advokatenkammer in Lemberg, Abg. Dr. Hermann Diamand, Abg. Tr. Kolischer, Abg. Dr. Hermann Liebermann, Abg. Dr. Natan v. Loewenstein, Professor Dr. Jozef Michal Nosenblatt, Ing. Jozef Sare, Vizepräsident der Stadt Krakau, Abg. Dr. Ignaz Steinhaus, Dr. Jakob Glanz, Präsident der Kultusgemeinde in Przemysl, Dr. Szymon Schaff, Präsident der Kultusgemeinde in Lemberg, Dr. Samuel Tilles, Präsident der Kultusgemeinde in Krakau. # Zwei erfreulichere Nachrichten mögen den Schluß machen. Die „Oesterreichische Wochenschrift" berichtet: Wir lesen in der Zeitschrift „Polen" Nr. 24: Warschauer polnische Zeitungen bringen Aeußerungen hervorragender Politiker und Publizisten über die in Polen so aktuelle Judenfrage. In der uns vorliegenden Nummer 190 der „Nowa Gazeta" spricht sich der berühmte Rechtsanwalt Stanislaw P a t e k für die vollste Gleichberechtigung der Juden in Polen aus. „Eine solche Gleichberechtigung rvürde den zerrissenen Faden unserer besten Traditionen wiederausnehmen und uns künftighin eine ruhige Entwicklung auf wirklich demokratischer Grrmdtage ermöglichen." Herr Stanislaw K r u s z e w s k i, bekannt als Kulturträger und ökonomischer Organisator, schreibt: „Es gibt keinen Demokratismus, der in dieser oder jener Frage „Ausnahmen" zuläßt. Gleichberechtigung kann die Juden kulturell und sozial auf höheres Niveau bringen." Herr Waclaw Ai a k o w s k i, ein bekannter Rechtsanwalt und Schriftsteller, erklärt: „Es ist selbstverständlich, daß weder Ausnahmegesetze noch irgendwelche Beschränkungen, vielmehr die volle Gleichberechtigung geeignet sei, bürgerliche Gefühle bei denen zu erwecken, die ihrer bisher ermangeln. Impulsives, ungestörtes national-polnisches Wirken, frei von den ihm ausgedrüngten fremden Zuständen und degradierenden Einwirkungen, wird leicht die Lösung der Judensrage finden und normale Bedingungen bürgerlichen Zusammenlebens herbeisühren, auf der Basis gerechter Gleichstellung von Recht und Pflicht, beseelt vom aufrichtigen Zusammenwirken zum Wohle Polens." Neben dieser entschiedenen Stellungnahme zugunsten der Gleichberechtigung lesen wir in demselben Blatte energische Verwahrungen gegen Einmischung fremder Politiker in die internationalen Angelegenheiten des Landes. Redakteur des „Dziennik Polski" Bohdan Straszewicz, der sich letztererzeit durch seine entschlossene Haltung Rußland gegenüber hervorgetan hat, schreibt: „In gegenwärtigen Verhältnissen müssen sich alle Polen zur fremden Intervention feindlich verhalten. Die zur Kriegszeit gegen Polen organisierte Judenaktion — ich will hoffen, ohne Anteil polnischer Juden — entrüstet mich aufs tiefste. Ich fürchte, daß diese Arbeit unser Aussöhnungswerk unterwühlt und ein für allemal die guten jüdisch-polnischen Beziehungen unmöglich macht." Nachschrift der Redaktion: Es ist jammerschade, daß solche Stimmen in Russisch-Polen vor dem Kriege, zurzeit des grausamen Boykottkampfes, da alle bösartigen Instinkte gegen die Juden aufgereizt wurden, Stimmen erleuchteter Vernunft nicht vernommen wurden. Viel Unheil wäre dadurch erspart geblieben, nicht bloß den Juden! # Paritätisch e Behandlung der I u d e n in der neue n st ä d t i s ch e n Selb st v e r w a l t u n g R u s s i s ch - P o l e n s. Wie bekannt, werden jetzt nach der neuen „Städteordnung" für die unter deutscher Verwaltung stehenden Gebietsteile Russisch-Polens die Mitglieder des Magistrats (Schöffen) und des Stadtverordnetenkollegiums bei der erstnialigen Bildung ernannt. In Lodz, Pabianice, Wielun und vielen anderen Städten haben die Ernennungen schon stattgefunden. Wir hören aus bester Quelle, daß die jüdische Bevölkerung ihrer Stärke gemäß neben den anderen Nationalitäten bei der Bildung