Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
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i der Krieg, wie es ja unvermeidlich zu sein scheint, noch einen neuen Winterfeldzug nötig macht, so liegt in diesen zwar nötigen, aber ungeheuren Forderungen eine unendliche Gefahr für die Zukunft. Wir dürfen aber den Mut nicht sinken lassen und werden es nicht; a u s h a l t e n und d u r ch h a l t e n bleibt nach wie vor die Parole. lieber die Verhältnisse d er Juden i n R u ß l a n d , über die Greueltaten, die geschehen sind und für die Aukuilft vorbereitet werden, liegt eine Reihe entsetzlicher Nachrichten vor, die in folgendem zusammengestellt werden. Sie sind dem „Berliner Tageblatt" und einzelnen Wiener Zeitungen entnommen und lauten folgendermaßen: Schandtat e 11 r u s s i s ch e r S o l d a t e n gegendie j ü d i s ch e B e v ö l k e r u n g v o n R u s s i s ch - P o l e n. Aus der Tiefe ihres Jammers und ihrer Not haben die von den Nüssen verfolgten russisch-polnischen Jllden einen herzzerreißenden Hilferuf an ihre Glaubensgenossen in den Vereinigten Staaten von Amerika gerichtet. Sie klagen in ihrem Schreiben über die Barbarei der Nüssen und führen eine Reihe von Greueltatenan, die ihre Gewalthaber gegen sie begangen haben. So zerrten die Russen am Bersöhuungstage bei Ltaszow .zwölf Juden aus dem Bethaus heraus und hängten sie auf. In Zamosza beschossen sie eine jüdische Abordnung, die zu ihrem Empfange erschien, mit Maschinengewehren. Tie Gemeinde Opola bei Josefow wurde von ihnen vernichtet. In Senna haben sie alle jüdischen Männer und fleincn Kinder zusammengetrieben. gebunden, geschlagen, eingesperrt, die Frauen geschändet und alles nusgeraubt. In Kliszezow bei Radomsk steckten sie alle Juden ins Gefängnis, in Lodz schlugen und beraubten sie die Juden vor dem Einrücken der Deutschen. Daß diese Klagen der Juden nicht erfunden oder übertrieben sind, haben die amtlichen Ermittelungen ergeben. Im Gegenteil ist erwiesen, daß das erwähnte Schreiben nur einige der vielen Fälle aufführt, in denen sich die russischen Soldaten, insbesondere die Kosaken, 31t unerhörten Schandtaten gegen die jüdische Bevölkerung von Russisch-Polen Hinreißen ließen. Zum Beweis dessen seien hier noch einige andere durch die Zeugnisse jüdischer Einwohner Nussisch-Polens erwiesene Fälle angeführt: In Wlvszczowa verbrannten russische Soldaten im Herbst die wertvollen Fabrikanlagen des jüdischen Fabrikbesitzers Meyer. Drei bei dem jüdischen Kaufmann Nappaport einquartierte Kosakenoffiziere beraubten ihn seiner Wertsachen, und einer dieser Helden mißhandelte Nappaport und seinen Sohn, weil sie ihm nicht die 17- und 19jährigen Töchter des Hauses ausliefern wollten. In Lopnszno beschimpften und mißhandelten die Kosaken Ende Oktober 1014 die jüdischen Einwohner, vertrieben sie und plünderten ihre Läden und Häuser aus, wobei sie einen Teil ihrer Beute der Polnischen Bevölkerung überließen. Ebenso verfuhren sie im November 1914 in Janow. In Krasocin nahmen Kosaken im November 1914 alle Juden fest, beraubten sie ihrer Habe, schlugen sie mit ihren Nagaiken und schleppten sie gefesselt nach Wloszczowa und von dort nach Krasocin zurück, wo sie die Unglücklichen zwei Wochen lang in das Gefängnis sperrten. Während dieser Zeit raubten sie die Läden und Wohnungen der Juden aus. In Oleszno trieben die Kosaken Mitte November 1914 alle männlichen Juden zusammen. Prügelten sie und hielten sie eine Nacht auf dem katholischen Kirchhof gefangen. Währenddessen Plünderten sie deren Häuser aus. Den jüdischen Frauen ltub Mädchen gelang es, aus dem Gutshof Schutz vor den Nachstellungen der Kosaken zu finden. Zu Drochlin beraubten Kosaken im November 1914 unter Todesandrohungen die jüdischen Einwohner. In Przhthk drangen plündernde Kosaken Ende Dezember 1914 in das Haus des 90 Jahre alten Rabbiners Schulem Spiro ein und richteten den alten Mann durch brutale Schläge derart zu, daß er an den Folgen der Mißhandlung starb. In Skorkow plünderten russische Soldaten das Haus des Jtzig Brzusky aus und schändeten dessen Ehefrau vor den Augen ihrer | Kinder. f In Bodzientin schlugen Kosaken im November 1914 die jüdischen j Einwohner mit ihren Nagaiken und mit Eisenstangen und plünderten die Läden ans. Am 12. November ermordeten sie die jüdischen Männer Wierzbicki, Schlome Schaffier, Wolfs Friedmann, Schächter und Baruch Borenstein. An den Mordtaten beteiligten sich Kosakenoffiziere. In Nadom hängten die Nüssen fünf angesehene Inden, lauter Talmudisten, darunter den Sohn des hochangesehenen Rabbiners von Atexandrow bei Lodz. Erst durch das Vordringen des deutschen Heeres sind die russischpolnischen Juden, wie sie dankbar anerkennen, von diesen Verfolgungen befreit worden. R u ß l a n d bereitet neue I u d e n p 0 g r 0 m e v 0 r. Stockholm, 13. Juli. In Moskau ist eine neue „Baterlaudspartei", die aus Mitgliedern der früheren Schwarzen-Hundert-Organisationen besteht, gegründet worden. Sie hat in ihren Statuten eine Bestimmung, wonach auch Nichtslawen in die Partei ausgenommen werden. Das Hauptorgan der Schwarzen Hundert in Petersburg, das „Russkoje Snamja", richtet giftigste Pfeile gegen die neue Partei, die Juden aufnehmen will, obwohl ganz Rußland aus den Bekanntmachungen des Höchstkommandiereuden Nüsse, daß die Juden Verräter seien. Auch die „Semstschina" hetzt aufs neue gegen die Juden. Purischkewitsch richtete an die Filialen seiner Organisationen ein Rundschreiben, in dem er andeutete, daß in seiner Filialorgauisation ein Redner auftrat, der zugunsten der Juden sprach. Er ordnete die Ausschließung dieses Redners an und droht, daß jeder aus der Partei fliegt, der mit den Juden sympathisiert. Während seiner Anwesenheit in Petersburg sagte Purischkewitsch, er habe an der Front vieles gelernt: vor allem die Polen zu achten, die treue Söhne Rußlands seien. „Meine rechte Hand soll verdorren," rief Purischkewitsch in der Mitte der Reichsdumamitglieder ans, „wenn ich gegen die Polen stimmen werde." Großes Aufsehen verursachte in Petersburg ein Polen und Juden gewidmeter Artikel in dem kleinen Volksblatt „Swjet". Das Blatt ist eine Schöpfung des berühmten Panslawisten Komarow, der den Aufstand der Serben gegen die Türkei 1876 unter Genera! Tschernajew hervorrief und zum Obersten avancierte. Nach dein Tode Komarows verlor der „Swjet" jede Bedeutung, erhielt aber von der Negierung eine erhebliche Subvention und wird invielen tausendeu Exemplaren an die Bauern verschickt. Der Inhalt des sensationellen und in. diesem Blatte unerwarteten Artikels ist folgender: Die Polen Hütten sich als treue Söhne Rußlands erwiesen während alle Juden ohne Ausnahme Verräter wären. Wenn nun die deutsche Presse verfolge, ersehe man leicht, daß die Juden liberal' für das Deutschtum kämpfen. Die deutsche Negierung hätte selbs zugegeben, daß die Juden deutsche Vorposten seien. Die Polen hätte!, dies früher entdeckt als die Russen, sie hätten den gewaltigen Kamp! gegen die Juden schon vor Jahren begonnen. 23 Millionen Polen seien in einem Wunsch einig, die Juden wirtschaftlich überall zu verdrängen und unschädlich.zu machen. Diese 23 Millionen Polen ciU treue Söhne Rußlands zu besitzen, bedeute neue 23 Millionen Kämpfen gegen Juden und Deutsche. Der Tag werde kommen, wo alle Teill Polens zu Rußland gehören und alle 23 Millionen Polen den Ru per helfen werden, den Kampf gegen Judentum und Germanismus zu führen. Die Juden und die Deutschen hätten sich mit China verbunden, um Rußland zu vernichten." (!) Dieser Artikel ist interessani als neuer Beweis, daß die russische Regierung alles aufbietet, un Judenpogrome zu provozieren. Vor kurzem beschloß der Minister rat, 18 Millionen Rubel auszuwerfen, um Volkszeitungen zu gründen oder solche zu unterstützen. Die neue Subvention an den „Swjet wurde jetzt verdoppelt, zweifellos unter der Bedingung, daß der „Swjet" gegen die Juden Hetzen soll. Die Leiden der S t a d t S n i a t y n durch die Russe n. Der Buchhalter der Sniatyner Sparkasse, Herr Artur Massier entwirft folgende Schilderung der Schicksale, von denen die Bevölkerung unter der Russenherrschaft betroffen wurde: Die etwa 15 90« Einwohner Zählende Stadt Sniathn an der Grenze der Bukowim wurde durch die Kriegsereignisse besonders hart getroffen. Als sie! unsere Truppen vom Dnjestr an den Pruth zurückzogen, wurll Sniathn, das am linken User des Pruth liegt, am 13. Mai von 6000 Kosaken besetzt. Sie drangen sofort in die Wohnungen ein; ums nur transportfähig war, wurde aus Wagen verladen und fortgeschasfb was nicht verschleppt werden konnte, wurde zerstört und die Trum mer auf die Straße geworfen. In der Nacht wurden Brände gelegt. Die Kosaken behaupteten, die Juden hätten die Brandstiftungen vor- .