Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-23 · Heft 30 (23.7.1915) · p. Seite 351

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 30 (23.7.1915)
Date
1915-07-23
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229208--71483-3283826
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

851 Mitteln war damals nicht möglich; in den hundert Jahren haben sich die Verhältnisse gründlich geändert. Die Entfernung ist an und für sich eine viel kleinere und durch unsere so unendlich verbesserten Verkehrsmittel leichter zu besiegen. Aber freilich dürfte die Aussaugung der zu okkupierenden Landesteile und die befohlene Feindseligkeit der Bewohner die größten Schwierigkeiten bereiten. Man darf freilich der Weisheit unserer Heeresleitung auch hier vertrauen und sich vor allem der Hoffnung hingeben, daß unsere Truppen, wenn sie ganz Polen und Kurland etwa in ihrer Hand haben werden, sich hüten iverden, weit ins Innere Rußlands zu dringen, sondern sich damit begnügen werden, diese besetzten Landcsteile in einer Weise zu befestigen, daß jeder Ansturm russischer Horden daran scheitert. Indessen bleiben diese Maßregeln sehr bedenklich. Soviel man auch in unseren Zeitungen von Tumulten in Rußland >,ört und von dem Wunsche weiter Kreise, den Frieden um ieden Preis zu erlangen, so wird nach übereinstimmenden Mitteilungen von oben jede Friedenshoffnung unterdrückt und der Widerstand bis zum Aeußerften gepredigt. So heißt es nun Beispiel in einem Artikel des „Berliner Tageblatts": Die Blätter sind offenbar angewiesen, das Volk zur Geduld zu mahnen und vor Friedenshosfnungen zu warnen. Derartige Mahnunu'ii und Warnungen erscheinen jetzt täglich in den führenden P resse- >rgancn. In scharfen Worten wird dem Publikum vorgeworfen, daß;■ die Geduld verliere, was durchaus ungerecht sei. Man müsse uirchhalten um jeden Preis. Die „Birschewyja Wjedomosti" wenden ich gegen eine Abordnung des internationalen Haager Frnuenkonuesses, die in Petersburg weilte, und schreiben: „Die Frauen konnten ich überzeugen, das; bei uns jedermann entschlossen ist, den schweren irieg bis zum Ende zu führen und sich durch keinerlei Prüfungen wer Opfer abschrecken zu lassen. Jetzt mit uns von Frieden zu eben, ist gleichbedeutend, uns zu verhöhnen!" Ebenso traurig ist es, baß auch in Frankreich alle Vernunft rhweigt, daß auch hier der Widerstand bis zum Aeußerften gepredigt wird. Am 14. Juli, am französischen Nationalfest, wurde die Leiche des patriotischen Dichters Rouget de Lisle rach dem Jnvalidendom gebracht. Während die an demselben rage unternommenen zahlreichen und heftigen Angriffe der Franzosen klüglich scheiterten, ja mit schweren Niederlagen ridigten, berauschten sich die Franzosen an hohen Worten. Der Präsident der französischen Republik hielt bei der oben erwähnet! Gelegenheit eine Rede, in der er die historischen Vorgänge er letzten Zeit durchunerhörte Fälschungen auf den Kopf teilte, aber zugleich von der Stimmung Frankreichs gegen Deutschland ein entsetzliches Bild entwarf, das die Hoffnung ller Friedensfreunde aus unabsehbare Zeit verschiebt. In wem Bericht des „Berliner Tageblatts" heißt es über diese lede folgendermaßen: Im Jnvalidendom -hielt P o i n eure -eine Rede, in der er den ljarakter unterstrich, der zwei große Seiten in der Geschichte Frank- 'ichs einander nähere. Er pries die M a r s-c il la i s e, jene -unverleichliche Hymne, deren Klänge in.den Herzen der Nation überluenschrtje Tugenden erweckten. Die Umstände, unter denen Rouget de Liste ine Hymne komponierte, entsprächen den heutigen. Die französische ' emufratie, weit von jedem kriegerischen Geist entfernt, sei .den Herausorderun-gen gegenüber schweigsam 'und unbewegt geblieben und habe 'ch bemüht, das europäische Konzert zu organisieren und zu erhalten, 'lach Tanger, nach A.g a d i r und nach den B a l k a n kriegen abe Frankreich seinen Friedenswillen bestätigt, indem es in ene Unterhandlungen einwilligte, um zwischen Deutschland und sich letzten latenten Gründe für Schwierigkeiten -und Zusammenstöße u ersticken. Am Tage, nachdem ein französisch-deutsches Abkommen geschlossen war, das die orientalischen Interessen regelte, und als '"-u'opa beruhigt erschien, habe ein unvorhergesehener Donnerschlag - Welt znm Erzittern gebracht. Poincarö führte weiter aus, ' r ankrei ch fei das O p s e r eines brutalen, bis ins 'l'einste vorbedachten Angriffes geworden. (!) Da aan Frankreich gezwungen habe, das Schwert zu ziehen, habe es nicht das Recht, das Schwert in die Scheide znrückznstecken, bevor seine Töten gerächt seien und bevor der gemeinsame Sieg der Verbündeten gestatten werde, die Ruinen wieder aufzubanen und Frankreich in seiner Gesamtheit non zu schaffen und es wirksam gegen die Periodische Wiederkehr solcher Provokationen zu schützen. Mit dem Willen zürn Siege habe auch Frankreich die Gewißheit zu siegen. Die Feinde dürften sich nicht darüber täuschen. Nicht um einen 'unsicheren Frieden, nicht aun einen unruhigen, flüchtigen Waffen still stand zwischen einem abgekürzten Kriege und einen: noch schrecklicheren Kriege zu unterzeichnen, nicht um kommenden neuen Angriffen und tödlichen Gefahren ansgesetzt zu bleiben, habe sich Frankreich bebend bei den wuchtigen Klängen der Marseillaise erhoben; der Endsieg werde der Preis für die moralische Kraft und Ausdauer sein. Poincare forderte aus, alle Kraft und Energie auf ein einziges Ziel zu richten, nämlich den Krieg, solange er auch dauern möge, bis zur endgültigen N iederl n g c des F e inde s, bis zum Ende des Alpdruckes fortznsttzen, den die deutsche Sucht nach Größe auf Europa lasten lasse. Schon erhelle der Dag des Ruhmes, den die Marseillaise feiere, den Horizont, schon bereichere das Volk in einigen Monaten die Annalen Frankreichs -um eine große Zahl wunderbarer Taten epischer Geschehnisse. Jene wunderbaren Volkstngenden erhöben sich nicht mnsonst an allen stellen Frankreichs. „Lassen wir sie ihr heiliges Werk beenden," schloß der Präsident, „sie bahnen dom Siege der Gerechtigkeit den Weg!" So scheinen alle Aussichten auf baldige Beendigung des fürchterlichen Ringens in weite Ferne geschoben. Wenn auch England -gelähmt zu 'sein scheint, einerseits durch Munitionsmangel, andererseits durch Aufstände der Kohlenarbeiter, wenn auch die neue Anleihe Italiens statt eines Erfolges ein großes Fiasko gezeitigt hat, wenn -auch dieselben Italiener in ihren Bemühungen gegen Oesterreich nicht den mindesten Erfolg aufzuweisen haben, wenn auch -die Türkei gegen die vereinigten Gegner, denen sich nun auch Italien anschließen ]n wollen scheint, heroischen und bisher erfolgreichen Widerstand leistet, ein Ende ist gar nicht abzusehen. Die Zusammenkunft italienischer, englischer, französischer und russischer Diplomaten und Heerführer, die über gemeinsame Kriegführung beraten, braucht man wohl weniger zu fürchten, um so mehr aber die immer wiederholten Bemühungen, das Buhlen um die Gunst Bulgariens und R u m ä n i e n s , die zwar bisher noch keinen Erfolg hatten, aber in stets erneuter Weise und gewiß mit immer größeren Lockungen unternommen werden. Auch unser Verhältnis mit Amerika bleibt ungeklärt. Welchen Eindruck die deutsche Note gemacht hat, ist nicht sicher zu erkennen, da die englischen und französischen Blätter natürlich die Sache von ihrem Standpunkte aus betrachten und mir die feindlichen Stimmen registrieren. Tatsache ist, daß die deutsche Note sehr ernst erwogen und daß die Antwort erst in einigen Wochen eintreffen wird. Es ist freudig zu begrüßen, daß Oesterreich-Ungarn an Amerika gleichfalls eine Botschaft gesendet hat, in der die Lieferung von Munition und anderem Kriegsmaterial an unsere Gegner in starken Allsdrücken gemißbilligt wird. Man muß sich dieser treuen Bundesgenossenschaft freuen und darf vielleicht hoffen, daß der Ausdruck dieser Gesinnung in Amerika Eindruck zil machen geeignet ist. Trotz aller Schwierigkeiten ist die Stimmung in Deutschland und Oesterreich zuversichtlich und hoffnungsvoll, und mancher Grund zu dieser Zilversicht ist vorhanden. Die Ernte ist, wenn auch nicht überaus glänzend zu nennen, doch gesichert, und bei der Fortführung der weisen Maßregeln der Regierung ist für die Ernährung Deutschlands auf viele Monate reichlich oderjedenfalls genügend gesorgt. Nur die Ausgaben mehren sich in besorgniserregender Weise. Auch die zweite neue Milliardenanleihe ist bald .aufgebraucht, und für den August, spätestens im September ist eine neue Milliardenanleihe zu erwarten. Gewiß wird sich auch hier die Opserfreudigkeit der Nation betätigen: Aber wenn *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.