Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Nürnberg, 9. Juli. Dem XII. Jahresbericht des Vereins I s r a e l i t i s che s M ä dche nst i f t E. V. (Max und Elise Heimsche Stiftung) in Nürnberg entnehmen wir folgende Angaben: Mit Beginn des Krieges schränkten viele kaufmännischen und gewerblichen Geschäfte ihren Betrieb ein, so daß die überflüssig gewordenen Kräfte entlassen werden mußten; infolgedessen kehrten die Pfleglinge bis auf acht in das elterliche Haus zurück. Ein Teil derselben ist im Laufe der Atonale wieder zurückgekehrt, andere sind neu eingetveten, so daß nunmehr wieder 17 Plätze besetzt sind. Wie in jedem Haushalt, so macht der Krieg, seinen Einfluß auch auf die Wirtschaftsführung der Anstalt geltend. Ist es schon für einen kleinen Familienhaushalt schwer, den gegebenen Verhältnissen finanziell und hinsichtlich einer rationellen Ernährung, gerecht zu werden, um wieviel schwieriger ist dies bei einem Haushalt von zwanzig erwachsenen Personen der Fall, die angestrengt arbeiten müssen und ein Recht aus gute Ernährung haben. Die Vorsteherin, Frau G o l d s ch m i d t, die eine bewährte und verständnisvolle Wirtschafterin ist, wird dieser Aufgabe vollständig gerecht, wie auch ihr erzieherisches Wirken volle Anerkennung verdient. Die erste Hälfte des Jahres verfloß ruhig und das Stistsleben nahm einen normalen Verlauf. Die gegenwärtigen Stiftsräume wie auch ein Teil des Mobiliars waren der Reparatur und Auffrischung sehr bedürftig Und erforderten diese einen Kostenaufwand von nahezu 1600 Mark. Die Verwaltung sah sich veranlaßt, den nötigen Kredit zu bewilligen. Von den gegenwärtig im Stift befindlichen Pfleglingen sind 3 Kassiererinnen, 5 Kontoristinnen, 2 Verkäuferinnen, 1 Modistin, 1 Kleidermacherin, 1 Schülerin der Frauenarbeitsschule, 2 Schülerinnen der städtischen Handelsschule für Mädchen, 2 Schülerinnen eines Privathandelskurses. Eine Schülerin der städtischen Handelsschule, Fräulein Babette Gärtner aus Neustadt a. S., erkrankte im Herbste und mußte ins elterliche Haus zurückkehren, woselbst das Mädchen nach längerem Leiden im Alter von 15 Jahren verstarb. Im übrigen war der Gesundheitszustand im Stift ein normaler. Herr Hofrat Frankenburger hat auch im abgelaufenen Jahre den Mädchen leinen ärztlichen Beistand in aufopfernder Weise zuteil werden lassen, wofür ihm aufrichtigster Dank zum Ausdruck gebracht wird. An Geschenken flössen dem Stift im abgelaufenen Jahre 1570 Mark zu; von der verstorbenen Frau Greif erhielt das Stift eine Schlafzimmereinrichtung. Die Geschenke im abaelausenen Jahre sind gegen frühere Jahre zurückgegangen, auch eine Folge des Krieges. Die mit Beginn des abgelaufenen Vereinsjahres in Aussicht genommene Anwerbung neuer Vereinsmitglieder wurde während des Krieges unterlassen und auf friedlichere Zeiten verschoben. — Fürth, 9. Juli. Dem vom Direktor der israelitischen Waisenanstalt Dr. Deutsch an die Aussichtsstelle erstatteten Bericht über das Jahr 1914/15 entnehmen wir: Die Anstalt war im Schuljahr 1914/15 von 36 Knaben und 16 Mädchen besetzt, die auf die verschiedenen Bildungsanstalten sich verteilt haben. Der überwiegende Teil der Knaben besuchte die israelitische Realschule, an welcher mit Schluß des Schuljahres 6 der Absolutorialprüfung sich unterzogen haben. Die Mädchen besuchten großenteils die Volksschule, einzelne die Städtische Höhere Töchterschule und Handelsschule, an welch letzterer ein Zögling die Entlassungsprüfung abgelegt hat. Wie selbstverständlich, stehen auch viele der ehemaligen Zöglinge unter den Waffen. Manche von ihnen .haben es zu Beförderungen und Auszeichnung gebracht, einige ihr Leben auf dem Felde der Ehre für König und Vaterland gelassen. J. W. Frankfurt a. M., 9. Juli. Der Vorstand der rsraelitischen Gemeinde beschloß, eine große Summe für die m Not geratenen ostpreußischen Gemeinden beizusteuern. Die Höhe des Betrages wird noch festgesetzt werden, nachdem, die übrigen Großgemeinden darüber gemeinsam beraten haben werden. Ferner beschloß der Vorstand, gemeinsam mit der Religionsgesellschaft an sämtliche jüdische Einwohner einen Fragebogen zu versenden behufs Ermittlung sämtlicher Kriegsteilnehmer. Für diesen Zweck wurden 1200 Mark bewilligt. Die Almosenkasse der israelitischen Gemeinde hat im Jahre 1914 an Unterstützungen 178 073 Mark verabfolgt. In der israelitischen Waisenanstalt befinden sich' 60 Zöglinge, und zwar 39 in der Knaben- und 21 in der Mädchenabteilung. Aus der Schiff scheu Stiftung, wurden im Laufe des Jahres 1914 19 in den bürgerlichen Beruf eingetretene.Zöglinge verpflegt, davon 9 in der Anstalt selbst. Im Gumperzschen Siechenhaus soll die Einrichtung getroffen werden, daß für die gefallenen Krieger in der Anstaltsshnagoge das Kaddischgebet verrichtet und ein Licht gebrannt werde. Auch soll dort eine Marmortasel errichtet werden, auf der die Narnen der gefallenen Kämpfer eingetragen werden sollen. Schwer?. 22 Genf, 8. Juli. In diesen Tagen starb in Petersburg im Alter von 80 Jahren der Altmeister der russischen Pogromliteratur Hippolit Lutostanskh, Autor der traurig berühmten Schriften „Der Talmud und die Juden", „lieber den Gebrauch von Christenblut durch Juden-Talmudisten" u. a. m. Unter den Dunkelmännern der russischen Pogrom-„Schriftsteller" ist Lutostanskh eine erstrangige Größe, ja geradezu eine legendäre Gestalt. Als er vor zirka vierzig Jahren zum erstenmal auf der politischen Bildfläche erschien, rief er ungeheures Aufsehen hervor, denn er war Jude von Geburt und behauptete — allerdings völlig unwahr — Rabbiner gewesen zu sein. Lutostanskh trat in frühester Jugend zum Katholizismus über, lebte längere Jahre in Litauen in einem katholischen Kloster, besuchte ein katholisches Priesterseminar und brachte es mit der Zeit zum römisch-katholischen Geistlichen. Im Jahre 1867 wurde er seines Amtes enthoben und des geistlichen Standes verlustig erklärt (nachgewiesenermaßen für gemeine Verbrechen). Er suchte alsdann sein Glück bei der lutherischen Kirche. Da er aber fortgesetzt in äußerst schwere Konflikte mit dem Kriminalkodex geriet, konnte er es auch im Luthertum zu nichts bringen und trat kurz entschlossen zur russischen Orthodoxie über. Von hier gab es kein Zurück mehr, er fand aber auch da recht bald das, was er suchte. Kurz nach seinem letzten Uebertritt erklärte er sich bereit, all die schaurigen „Geheimnisse" der Juden aufzudecken und insbesondere ihre „blutigen Ritualverbrechen" ans Tageslicht zu fördern; ihm, dem ehemaligen „Rabbiner", seien natürlicherweise alle diese Dinge gut bekannt . . . Lutostanskhs Angebot entsprach einer sehr dringenden Nachfrage. Die russische Regierung hatte sich gerade damals vorsorglich einen „Schuldigen" ausfindig gemacht, um auf ihn den Zorn der Volksmassen abzulenken und in seinem Blut die nahende Revolution zu löschen. Der Schuldige war natürlich der Jude. Es ist daher begreiflich, mit welcher Freude Lutostanskhs „Enthüllungen" von der Regierungsclique ausgenommen 'wurden. Seine literarische Laufbahn begann er auf folgende recht originelle Art. Er brachte eines Tages einem reichen Moskauer Juden ein dickleibiges Manuskript mit dem ungefähren Titel: „Gebrauchen die Juden Christenblut?, Urkunden, unveröffentlichte Geheimdokumente" und dergleichen, legte es dem erstaunten Manne auf den Tisch und erzählte ihm, er sei, nachdem er sein Werk fertiggeschrieben habe, zur Ueberzeugung gelangt, daß die Juden kein Christenblut gebrauchen, er habe daher auch keine Veranlassung mehr, sein Werk zu veröffentlichen, nur befinde er sich jetzt in großer Notlage. . . Das Buch könne ihm mindestens 50 000 Rubel einbringen, und er hoffe, daß die Moskauer reichen Juden ihm mit dieser Bagatelle durchhelfen würden, widrigenfalls wäre er durch seine verzweifelte Lage gezwungen, einen Verleger zu suchen. Er bekam einige hundert Rubel, war sichtlich erfreut und stellte sich zufrieden. Doch kurz darauf wiederholte er fein Manöver, und da ließ man ihn laufen. Nun lief, er direkt zum Verleger, sein Buch erschien und fand reißenden Absatz. Es folgte bald darauf die zweite Auflage mit dem Porträt des unterdessen berühmt gewordenen Autors, der sich im israelitischen Betgewand (mit Talis! und Tefilin) darstellen ließ. Das Buch stellte sich bei näherer Prüfung als plumpe Fälschung und gemeiner Schwindel heraus. Ungeachtet dessen wurde es von gewissen Administratoren (wenn ich nicht irre, auch vom Departement der Staatspolizei) den Polizeibehörden „zu Jnformierungszwecken" bestens empfohlen . . . Trotz dieser Erfolge verschwand Lutostanskh anfangs der achtziger Jahre aus der politischen Welt (höchstwahrscheinlich nicht ganz freiwillig) und führte in Kleinstädten der nordwestlichen Gouvernements eine sehr dunkle und ziemlich elende Existenz. Vor 16 bis 18 Jahren war er kurze Zeit Lehrer der litauischen Sprache am Gymnasium zu Suwalki, wo, nebenbei bemerkt, ihm niemand glauben wollte, daß er der „wirkliche Lutostanskh sei. Bald nach dem Kischinewer Pogrom (April 1903) tauchte er plötzlich wieder auf — im Gefolge Kruschew ans, des Hauptorganisators dieses Pogroms. Ende 1905, als Rußland frei aufatmete und ein Ende des Pogromregimes heranzunahen schien, suchte er Fühlung mit Juden und wollte (für gutes Geld natürlich)