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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-16 · Heft 29 (16.7.1915) · p. Seite 347

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 29 (16.7.1915)
Date
1915-07-16
Page
Seite 347 (sequence 11)
Language
German
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347 „Papa, ich kann es, ich kann es nicht mehr bei Mama ausi)alten. Sie ist so schlecht zn mir." Und er sagte nur immer weiter begütigend: „Na, na, na", und klopfte mich zärtlich. Da rief Mama zum zweitenmal noch schärfer „Edith", und papa fuhr zusammen, schob mich fast heftig von sich und sprach ui ganz anderem Ton: „Geh, Edith, geh! Die Mama ruft. Du mußt ihr aber auch gehorchen, Kind. Geh, geh nur schnell!" Ich folgte nicht dem Ruf. Ich ging in mein Zimmer und »eulte mich da über meinem Bett aus. Die Mama schilt ja wch, ob ich ihr gehorche oder nicht. Ach, Mama, was hast du aus Papa gemacht! Was machst du aus uns allen! Den.1914. Ich habe nicht mehr das Recht, Kopfschmerzen zu haben, ich habe überhaupt kein Recht mehr. Trotzdem habe ich mich nerher zurückgezogen. Mama hat die Wohnung umgeändert. Gott sei Dank! Ich gönne Erna den kleinen koketten Salon, >en sie sich durchaus einrichten wollte, um den die ganze Umvälzung geschah. Margot und ich schlafen nun zusammen, im den Preis mag die Schwester gern das kleine Blumen- >oudoir allein haben, dem sie ihre „persönliche Eigenart" ausrücken will. So wird mir nachts wenigstens ein wenig Frieden verden. „Margotle, stört es dich, wenn ich Hier schreibe? Wachst nt auf von dem Licht?" „Ach nein, davon wache ich nicht auf. Und ich steue mich uich jedesmal so, wenn ich sehe, daß du da sitzst." Nicht ganz logisch, geliebtes Schwesterchen, aber herzig. Du bist mein Einziges aus der Welt. Einziges? Wirklich? Nein! Ich habe mir das andere mit Gewalt erobert, mit zäher Dewalt. In mir tobt noch alles von Kampsweh, aber ich kann s nicht bereuen; es ist mir, als wolle unter all meinen iampfeswunden sich etwas hervorwagen wie ein kleines Blümchen, das Blümchen Hoffnung. Wenn es sich einmal zur Wunderblume Glück auswüchse? — Still, Edith, still! In mir?raust es und saust es zum Herzen. Es muß Ruhe werden! 3or allem Ruhe! Aber eins sehe ich: vom Himmel fällt die Wunderblume nicht. Nachgetragen von lieber Hand, gar von über Mutterhand, wird sie einem auch nicht. Ach was, ich itze nicht mehr im verträumten Mädchenstübchen und warte. Das Schicksal hat mich hart gemacht. Ich trete auf den Plan nid kämpfe für mich felber. Einmal habe ich mich schieben affen. Ich habe gesehen, es ging nicht. Und wenn du mich noch so unmündig und rechtlos machst, Nama, deshalb bin ich doch mittlerweile dreiundzwanzig sahre alt geworden und habe viel erlebt und viel erlitten im chten Jahr. Ich weiß nun, was ich will. Gelt, das hast du nicht gedacht, als du mich ausschicktest, lräulein Lesser um ein Puddingrezept zu bitten, daß ich zum Denkmal ging, genau wie alle Sonnabende früher? Du gabst itit sogar etwas mehr Freundlichkeit als sonst, denn die Freundlichkeit sollte von mir wieder auf das alte unausstehliche sräulein Lesser abstrahlen, mit dem du jetzt immer so schön tust, und von dem aus ihren noch älteren, noch unausstehlicheren üruder, den dicken Pferdehändler, dessen Reichtum und Geiz benso groß sein sollen wie seine Unausstehlichkeit. „Laß den nur erst mal eine junge hübsche Frau haben (Aha! Also ich cönnte eventuell auch wieder „jung und hübsch" sein?), dann wird der ein ganz anderer Mensch." Ja, Mama, ich lasse ihn lern. Aber denkst du im Ernst, man läßt die Verlobung mit einem Moritz Heymann zurückgehen, um — Gott, mir wird schlecht — den alten Lesser zu heiraten? — Ach was, wozu davon reden! Etwas Wichtigeres! Ich ging zum Denkmal, und wie verabredet, kam auch Josua daher. Ich hatte es gewußt. Als Unglück hatte ich es empfunden, daß er gerade jetzt verreist, natürlich mit seinem Freund verreist war. Sie haben eine mehrwöchige Gebirgstour zusammen gemacht. So suchte er Moritz von dem Weh, das ich ihm bereitet habe, zu heilen. Ich rannte auf ihn zu, mit ausgestreckten Armen — ein todblasses eiskaltes Gesicht blickte mir fast feindlich entgegen, keine Hand streckte sich mir hin: „Ich halte zu meinem Freund." Ich habe so heftig, so zornig geweint wie den Tag im Kontor bei Papa. Ich weiß nicht, ob uns Leute im Park, in den wir gleich einbogen, begegnet sind — Tränen sind eine böse, eine störende Beigabe, wenn man seine Sache verteidigen will. Ich konnte kaum sprechen vor Schluchzen. Aber eins muß er ja doch gesehen haben, daß ich das unglücklichste, das rechtloseste Geschöpf auf Gottes Erdboden bin, daß ich jetzt einen Freund so nötig habe wie nie, und daß mir nichts auf der Welt so ferngelegen hat, als seinen Freund, der doch in meinem Herzen auch noch immer meiner ist, leichtfertig oder gar böswillig zu kränken. „Gerade, weil ich auf Moritz so viel halte, konnte ich ihn nicht heiraten. Er darf nicht eine Frau bekommen, die ihn nicht liebt." „Warum haben Sie ihm dann damals Ihr Jawort gegeben." Und ich, gepreßt — ich fühlte, mein Atem war weg, meine Stimme ohne Farbe: „Damals wußte ich noch nicht, was Liebe ist." Wir haben den Rest des Weges schweigsam zurückgelegt. Ob ich auch so blaß ausgesehen habe wie er? Ganz grünlich schimmerte sein Gesicht durch die beginnende Dämmerung. Am Denkmal gaben wir uns stumm die Hand. Auf einmal kam mir der schreckhafte Gedanke, dieser Händedruck könne ein Abschied sein. Ich hielt seine Hand eine Sekunde fest. „Fragen Sie Ihren Freund selbst," stieß ich angstvoll heraus. Und er nickte und sagte leise: „Gut! Wenn Moritz nichts dagegen hat, bleibe ich Ihr Freund." Das Aufjubeln in meinen Augen hat er nicht mehr gesehen. Er war schon sortgestürmt, vor mir davongerannt wie vor der Sünde. Aber in mir war es hell und licht geworden. „Wenn Moritz nichts dagegen hat." — Ach, du Uebergewissenhafter, du vor lauter Güte Grausamer! Geh' nur und frag' ihn. Nun weiß ich mein Schicksal in guten Händen. Moritz ist nicht bös, kann nie bös sein, der Liebe, Gute. Nie habe ich dankbarer, nie zärtlicher an ihn gedacht als in dem Augenblick. Den.1914. Ich hätte gestern noch Zeit gehabt, mich bei Fräulein Lesser mit Mamas Auftrag beliebt zu machen. Aber — ich habe es vergessen. Mama blieb merkwürdig ruhig. Sie wittert eine neue Spur zurück ins gelobte Land, das da Verlobung heißt. So sagte sie nur gelassen: „Na, auch nicht schlimm, gehst du morgen hin. Dann ziehst du auch lieber den grünen Mantel an, der steht dir viel besser, er macht dich voller." Auch das, Mama, wenn es dich glücklich macht. Den.1914. Jede Woche hat nur einen Sonnabend. Eine Woche ist lang, und meiner Mama Geduld sehr kurz. - Ich habe es Adolph geschrieben, seine amtliche Adresse benutzt, damit Selma den Brief nicht in die Hände bekommt.

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