Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- Seite 346 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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346 und Flecken ausgewiesen, gingen zugrunde, die Lage der Dorfbewohner aber besserte sich nicht". Die christlichen Wucherer ruinierten die ihnen hilflos überantworteten Bauern um so schlimmer. Gegen die Meinung der Mehrheit des Ministerkollegs, also ein unmittelbarer Ausfluß des kaiserlichen Willens, wurde 1843 der grausamste Befehl erlassen, der alle Juden 50 Werst von der preußischen und österreichischen Grenze verbannte. Alle Juden, die in Städten wie die in Dörfern wohnenden, sollten binnen zwei Jahren ihre Häuser verkaufen; in die schon von einer Million Juden bewohnten 17 Gouvernements sollten sie wandern, um sich ihren tiefgebeugten und gedrückten Brüdern als eine neue Last aufzubürden. Ganz Europa hallte wider von allgemeiner Entrüstung. Mehrere Gemeinden Deutschlands, ja sogar einige deutsche Fürsten, verwendeten sich für die Unglücklichen. Kaiser Nikolaus ließ schließlich Gerechtigkeit widerfahren und Milderungen eintreten, denn die Ausführung der schrecklichen Maßregel stieß auf manche Hindernisse ökonomischer Natur'). 1848 folgte eine Bestimmung — zu der die Juden niemals Anlaß gaben —: Wenn ein Jude es wagen sollte, einen Christen zum Uebertritt zu überreden, soll sein Hab und Gut konfisziert, sein Körper öffentlich geschlagen und danach zur schweren Arbeit in die Bergwerke und Erzgruben deportiert werden. , Gegen die äußere Eigentümlichkeit der Juden — die veralteten Trachten — verfuhr die Regierung in hart beschämender, tragikomischer und trauriger Weise. Man konnte Soldaten auf der Straße Juden und Jüdinnen zusammentreiben sehen, wobei öffentlich jenen Bart und Seitenlocken abrasiert, diesen der „Scheitel" entrissen wurde, so daß sie mit nackten Köpfen, vom Hohn der Christen begleitet, einhergehen mußten 1853 erging eine sonderbare Verordnung, die allen Rabbinern und jüdischen Lehrern bei der exorbitanten Strafe von drei Jahren Zuchthaus oder zehn bis zwölf Jahren öffentlicher Zwangsarbeit befahl, dafür zu sorgen, daß keinem jüdischen Mädchen bei der Heirat das Haar abgeschnitten werde. Unter diesen beklagenswerten, unmenschlichen Verhältnissen schmachtend, suchten die Juden ihr stilles Glück im Winkel: ihre rechtliche Sonderstellung und alle die unzähligen Hindernisse, die ihnen auf der Lebensbahn gelegt wurden, förderten ihre innere Isolierung, die Einseitigkeit ihres Gesichtskreises und die enge Eigenart ihrer Gedankenwelt. Die in dieser Absonderung herangebildeten inneren Parteien, Rabbinismus und Chassidismus, wetteiferten miteinander, jeden Zuzug aus der freien Außenwelt fernzuhalten. Und als die kaiserliche Regierung zu Anfang der vierziger Jahre zur Einsicht kam, daß mit Repressalien allein die jüdische Frage nicht zu lösen, daß es vielmehr notwendig sei, die Bildung zu begünstigen, da konnten die kulturellen Maßnahmen nicht mehr so schnell wirken; die Juden waren zu sehr unter dem Druck der Verhältnisse bis zum Verzagen erniedrigt und trauten nicht dem Vorhaben der Regierung; es mußte Zeit dazu gehören, den Boden für die Kulturarbeit urbar zu machen. Treffend war die Antwort der Altorthodoxen in Minsk an Dr. Lilienthal: „Solange der Staat dem Juden keine bürgerlichen Rechte zugestehe, wäre die Bildung für ihn ein Unglück."') Wie hätte die Aufklärung ihr Ziel erreichen können, da doch neben den Vorschlägen zur Errichtung staatlicher jüdischer ') Philippson a. a. O. S. 21. Scheinhaus a. a. O. S. 39 bis 42. °) Philippson a. a. O. HI, S. 13 bis 18. Scheinhaus a. a. O. S. 28 bis 39, sowie „Ein deutscher Pionier"" Berlin 1911, Sonderabdvuck aus der „Allgem. Ztg. des Judentums" Nr. 34 bis 48. Schulen Maßnahmen von dem Geiste drakonischer Polizei- Vorschriften das jüdische Leben in die Enge drängten. Das Schulwerk hatte sich dennoch trotz vieler Widerwärtigkeiten innerer und äußerer Art langsam, aber sicher Bahn gebrochen und bildete das Präludium für eine kulturelle Entwickelung in der folgenden milderen Regierungsperiode. (Fortsetzung folgt.) Ser lsngr Kock. Roman von Anna Goldschmidt. (10. Fortsetzung.) Wostock, den.1914. enn man sich noch aussprechen kann, ist es schon gut, sei es auch nur auf dem Papier, sei es nur andeutungsweise, denn wer wäre aufrichtig und einsichtig genug, um sich über -sich selber aussprechen zu können. Ein unklarer Rest, ein Fragezeichen bleibt immer zurück. Aber nicht schreiben können! Einen so großen Schauder gegen sich und sein Schicksal empfinden, daß man es gar nicht zu Papier bringen mag — ich will es doch wieder versuchen. Vielleicht wird es besser in mir, vielleicht kommt mir beim Schreiben ein Gedanke, eine Richtschnur, wie ich aus all dem heraus kann, wenigstens aus dem Aeußerlichen hier. Mein Leben ist — ich kann es nicht anders, nicht milder ausdrücken — eine Hölle jetzt. Mama ist schrecklich zu mir seit der Entladung. Was habe ich ausgestanden von ihrem ersten Weinkrampf an mit dem immer wieder hinausgeschrienen „Ich Hab' es ja gewußt! Ich Hab' es ja gewußt! Ich habe es ja gleich nicht gewollt, daß sie zur Schwiegermutter reist" bis heute, wo ihre Blicke und ihr Wesen so feindselig verächtlich gegen mich sind! Die alte ehrbare Frau dort in Edersleben habe ich nicht schützen können vor ihrem Haß, obgleich ich ihr hundertmal klargemacht habe, daß sie mir nichts getan hat, daß sie nicht schuld ist an meinem Entschluß. Wenn mir Mama doch Zeit ließe, meine Wunden ausheilen zu lassen. Eine Keinigkeit ist es doch nicht, einen Menschen wie Moritz Heymann, von dem man nie etwas anderes als Güte und Liebe empfangen hat, weh tun zu müssen. Aber Mama jagt mich von einer Tätigkeit zur anderen, kommandiert mit mir herum, als habe ich nirgends mehr ein Recht zu stehen oder zu sitzen und sei ihr überall ein Aergernis. Erna hat wenig Zeit für mich. Sie hat sich während meines Brautstandes ganz zur Primadonna herausgewachsen, sie ist nicht gewillt, ein wenig wieder beiseite zu rücken. Ruhig, Schwester, kein so abweisend kampfbereites Gesicht! Ich nehme dir nichts. Wenn du wüßtest, wie müde ich bin! Wie weltmüde! Margot ist lieb und zärtlich, aber sie ist ja noch ein Kind. Gestern habe ich mich mal bei Papa ausgeheult. Es kam so ganz plötzlich. Ich sollte ihm unten etwas von Mama bestellen, und noch ehe ich es hatte sagen können, hörte ich sie schon wieder „Edith" rufen, in diesem scharfen gereizten Ton, in dem sie jetzt immer meinen Namen spricht. Da stieß mich auf einmal das Schluchzen, ich warf mich Papa fast zornig vor Sehnsucht nach Teilnahme in die Arme. Und er war so erschreckt und dabei so gut, wie er oben in der Wohnung nie ist; er streichelte und klopfte mir den Kopf, den Rücken: „Na, na, na, na" sagte er nur immer beruhigend, aber seine Finger zuckten vor Mitleid und Erregung, und ich weinte immer heftiger.